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Fast wie zu Hause: Andrea und Wolfram Krolikowski im selbst gestalteten WG-Zimmer.

Ober-Ramstadt

Run auf hessische Demenz-Wohngemeinschaften

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Wie man in einer Demenz-WG lebt, zeigt das Beispiel der WG Waldmühle in Ober-Ramstadt. Die hessische Fachstelle informiert darüber, wie Angehörige selbst aktiv werden können.

Ein Gespräch kann Andrea Krolikowski mit ihrem Mann Wolfram schon lange nicht mehr führen. Seit einem Schlaganfall vor zwei Jahren ist seine Alzheimer-Demenz voll durchgebrochen, sagt die 56-Jährige. Ihr Mann sitzt vor sich hinpfeifend am Schreibtisch und malt nach Zahlen. „Das Malen hat er erst hier begonnen“, sagt Andrea Krolikowski. Hier – das ist die Wohngemeinschaft Waldmühle, eine Demenz-WG in Ober-Ramstadt im Kreis Darmstadt-Dieburg. In ihrer Art ist die WG selten in Hessen, denn sie richtet sich vor allem an frühbetroffene Demenzkranke, also Menschen, die deutlich vor dem 65. Lebensjahr erkranken. Laut der Deutschen Alzheimer Gesellschaft sind das weniger als zwei Prozent der Demenzkranken, deutschlandweit sind zwischen 20.000 und 24.000 Menschen betroffen.

Auch Wolfram Krolikowski war gerade 60 Jahre alt, als er im November 2016 seine Diagnose erhielt. Fatal sei, dass die Frühbetroffenen oft körperlich total fit seien und einen erhöhten Bewegungsdrang hätten. Diesen könne ihr Mann in der WG am Waldrand gut ausleben. „Dennoch ändert sich das komplette Leben“, sagt Krolikowski, die Studienkoordinatorin an der TU Darmstadt ist.

Rückblickend, sagt sie, hatte er schon früher Symptome. Er redete nur noch von seinem Job als Berufskraftfahrer, hatte große Angst dort etwas falsch zu machen. Dann begann er Worte zu verwechseln.

Ihr Mann bekommt von ihren Erzählungen nichts mit. Er springt auf, setzt seine Baseballmütze auf und will raus zum gemeinsamen täglichen Spaziergang. „Links, rechts“, stößt er hervor. „Bewegung ist sein Ding“, sagt Andrea Krolikowski und lacht. Sie kann wieder lachen, kann inzwischen sogar dem Ganzen etwas Positives abgewinnen, wie sie sagt. „Wir nutzen heute die Zeit intensiver, früher sahen wir uns nur zweimal die Woche“. Natürlich hatte man gemeinsame Pläne, von denen man sich verabschieden musste. „Unsere Familie existiert nicht mehr“, sagt sie.

Dass sie heute mit der Situation umgehen kann, liegt auch daran, dass sie ihren Mann, den sie täglich besucht, gut aufgehoben weiß. „Man kann Angehörige gar nicht zu früh abgeben“, ist Krolikowski heute klar. Dadurch hätten die Betroffenen noch genug Zeit, sich in der neuen Umgebung einzugewöhnen. Als Angehörigensprecherin der WG tauscht sie sich oft mit anderen aus. Die WG sei so etwas wie eine Selbsthilfegruppe.

Anders als in den Pflegeheimen, die sie sich gemeinsam mit ihrem erwachsenen Sohn auch angesehen hat, nehmen die Angehörigen in der WG Einfluss auf Tagesablauf, Raumgestaltung und Essen. Jedes der 14 Quadratmeter großen Einzelzimmer wird mit eigenen Möbeln eingerichtet. Eigenes Geschirr steht in der Gemeinschaftsküche, im Kühlschrank hat jeder ein Fach mit seinen Lieblingsspeisen.

„Es gibt keine festen Aufsteh- oder Zubettgehzeiten“, bestätigt Hauskoordinatorin Adrienne Zehner. Es werde gemeinsam gekocht und die Bewohner könnten jederzeit in Begleitung das Haus verlassen. Ermöglicht wird dies durch den Pflegedienst, der von den Betroffenen beschäftigt wird. Die Angehörigen entscheiden auch über den Einzug neuer Mitbewohner. Derzeit ist ein Platz in der idyllisch am Waldrand gelegenen WG frei. Erste Interessenten gebe es schon. „Plätze in Demenz-Wohngemeinschaften sind wahnsinnig begehrt“, sagt Maren Ewald, Leiterin der hessischen Fachstelle für selbstverwaltete ambulant betreute Wohngemeinschaften für Menschen mit Demenz. Hessenweit gibt es nur 16 solcher Wohngruppen. Die erste in Hessen, die Villa Mathildenhöhe, entstand vor zehn Jahren in Darmstadt.

In den WGs sind Miete und Pflege klar getrennt, sagt Ewald. Es gibt einen Vermieter – das können Privatleute, Stiftungen, Kommunen oder auch Kirchengemeinden sein – und einen Pflegedienst, der von Bewohnern und Angehörigen ausgesucht wird. „Das Konzept lebt vom Engagement der Angehörigen.“ Dadurch, dass diese immer einen Blick auf den Ablauf hätten, sei die Qualität des Pflegepersonals oft größer, was sich wiederum auf die Lebensqualität der Bewohner auswirke. In der Ober-Ramstädter WG sind für elf Bewohner zwischen 62 und 88 Jahren über den Tag vier Betreuer da.

Da die Nachfrage nach WG-Plätzen so groß ist, veranstaltet die Fachstelle mit Sitz im Demenzzentrum „StattHaus Offenbach“ am kommenden Freitag in Darmstadt eine Tagung für Angehörige, die eine WG gründen wollen. Andrea Krolikowski wird dabei aus der Praxis berichten.

Demenz-WG gründen

Die Hessische Fachstelle für selbstverwaltete ambulant betreute Wohn-Pflegegemeinschaften für Menschen mit Demenz fördert die Gründung von ambulanten Wohn-Pflege-Gruppen. Die Beratungs- und Koordinierungsstelle mit Sitz im StattHaus Offenbach der Hans und Ilse Breuer-Stiftung berät bei Fragen rund um eine WG-Gründung. Telefon 069 / 2030 5546. 

Fachtag „Räume für Demenz: WGs gründen – WGs leben“ am Freitag, 30. August, 10 bis 14 Uhr in der Evangelische Hochschule Darmstadt, Zweifalltorweg 12, Darmstadt. Die Teilnahme ist kostenlos. Anmeldung erforderlich unter info@demenz-wg-hessen.de. 

Infos: breuerstiftung.de/statthaus-offenbach oder unter
www.demenz-wg-hessen.de. cka

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