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Blutspende beim Deutschen Roten Kreuz in Oberursel.

Überblick

Hessens Wohlfahrtsverbände im Überblick

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Die großen Wohlfahrtsverbände Hessens und wie sie organisiert sind.

Die FR gibt einen Überblick über die wichtigsten Wohlfahrtsverbände, die in Hessen aktiv sind und gibt einen Überblick über deren Organisationen.

Arbeiterwohlfahrt (AWO): Überhöhte Gehälter

Geschäftsführung: Der Bundesverband der Arbeiterwohlfahrt (AWO) ist bei der Überprüfung des Kreisverbands Frankfurt auf eine „absolut unangemessene Gehaltsstruktur“ getroffen. Angemessen für den Vorstand eines Kreisverbands mit der Größe Frankfurts seien bestenfalls „100 000 bis 120 000 Euro im Jahr“. Die tatsächlichen Gehälter des Frankfurter AWO-Geschäftsführers Jürgen Richter und der Wiesbadener Geschäftsführerin, seiner Frau Hannelore Richter, sollen mehr als 300 000 Euro im Jahr betragen haben. Außerdem erzielten beide zusätzliche Einnahmen, etwa indem Hannelore Richter als „Sonderbeauftragte“ für den Kreisverband Frankfurt tätig war.

Dienstwagen kosteten bei der AWO bis zu 80 000 Euro. Jürgen Richter soll einen Jaguar gefahren und dafür 5000 Euro für die berufliche Nutzung abgerechnet haben. Auch die Frau des Frankfurter Oberbürgermeisters, Zübeyde Feldmann, soll als AWO-Kita-Leiterin über einen Dienstwagen verfügt haben, was vollkommen unüblich ist. Mit einer Änderung der Dienstwagen-Richtlinie versucht die AWO, solche Auswüchse zu beenden.

Aufsicht: Mit Sonderprüfungen soll der Skandal aufgearbeitet werden. Ein Team der Beratungsfirma PWC nahm in der vorigen Woche seine Arbeit auf. Der AWO-Bundesverband prüft, und der AWO-Bezirksverband Hessen-Süd hat eine „Task Force“ um die frühere Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin (SPD) eingesetzt. 

Wegen des AWO-Skandals fürchten auch andere Wohlfahrtsverbände in Hessen um ihren guten Ruf

Jüdische Wohlfahrtspflege: Nicht vergleichbar

Der DRK-Kleiderladen in Frankfurt-Griesheim.

Die Jüdische Wohlfahrtspflege gehört zwar neben den großen Verbänden zur Liga der Freien Wohlfahrtspflege. Sie ist aber nach Angaben des Landesverbands der Jüdischen Gemeinden „nicht im mindesten vergleichbar“ mit den anderen. So verfügt sie nach Angaben des Landesverbandsgeschäftsführers Daniel Neumann auf Landesebene nur über einen einzigen Sozialarbeiter, der von der Bundesorganisation „für wenige Stunden ausgeliehen“ werde.

Geschäftsführung: Während die christlichen Wohlfahrtsverbände über eigene Geschäftsführungen jenseits der Kirchen verfügen, fällt die Organisation der jüdischen Wohlfahrtspflege in den Bereich des Landesverbands der Jüdischen Gemeinden. In die Liga der Freien Wohlfahrtspflege entsandte die Jüdische Wohlfahrtspflege daher auch keinen eigenen Geschäftsführer, sondern Jürgen Richter, den damaligen Vorsitzenden der Frankfurter Arbeiterwohlfahrt. Er war nach Neumanns Angaben in der jüdischen Gemeinde Wiesbaden aktiv. „Wir waren heilfroh, dass wir Dr. Richter gewinnen konnten, weil er eine absolute Kapazität war“, sagte Neumann. Richter habe sich „in allen Fragen des Sozialrechts“ hervorragend ausgekannt und etwa zwei jüdische Krankenhäuser neu organisiert. Dies alles habe der Funktionär, der bei der AWO wegen seiner hohen Bezüge unter Druck geraten ist, ehrenamtlich geleistet, berichtet Daniel Neumann. „Er hat bei uns nicht mal eine Fahrtkostenrechnung gestellt.“ 

Caritas: Nach Tarif bezahlt

Geschäftsführer: Die Caritas steht der katholischen Kirche nahe und ist in den Bistümern organisiert. In Hessen sind die drei Bistümer Limburg, Mainz und Fulda tätig, denen jeweils Diözesan-Caritasverbände mit eigenen Geschäftsführungen zugeordnet sind. „Vorstände und Geschäftsführer in unserem Verband werden nach den Arbeitsvertragsrichtlinien des Deutschen Caritasverbands vergütet“, teilt der Fuldaer Caritas-Direktor Markus Juch mit und verweist auf die Vergütungstabellen im Internet. Dort sieht die höchste Vergütungsstufe ein Einkommen von 7715,33 Euro im Monat vor. Die Möglichkeit, zusätzliche Bezüge zu erzielen, etwa über Beraterverträge, sei nicht gegeben.

Dienstwagen: Hier unterscheidet sich die Caritas von anderen Wohlfahrtsverbänden. „Bei uns hat keine Mitarbeiterin und kein Mitarbeiter Anspruch auf einen Dienstwagen“, teilt Diözesen-Caritasdirektor Juch mit.

Aufsicht: „Eine Trennung von Aufsicht- und Leitungstätigkeit ist in unserem Verband sichergestellt“, versichert Juch. Die Arbeit unterliege „einem ständigen Prüfungsverfahren“, daher habe auch nach dem Bekanntwerden des AWO-Skandals keine zusätzliche Prüfung im Verband stattgefunden. 

Diakonie: Gehälter bis zu 140.000 Euro

Geschäftsführer: „Gegenwärtig beschäftigt die Diakonie Hessen zwei Vorstände, die Bruttojahresgehälter betragen gegenwärtig circa 140 000 Euro“, teilt die Diakonie mit, die der evangelischen Kirche nahesteht. Nebenbeschäftigungen wie zum Beispiel Beraterverträge müssten genehmigt werden und seien nicht innerhalb der Diakonie möglich.

Die Diakonie Flörsheim beschäftigt Langzeitarbeitslose in ihrem Gebrauchtwarenmarkt „Tisch & Teller“.

Dienstwagen: Im Landesverband der Diakonie Hessen haben laut Sprecher Eckhard Lieberknecht die beiden Vorstände und der Abteilungsleiter Personal und IT Anspruch auf einen Mittelklassedienstwagen. Seit Jahren würden Volkswagen der Passatklasse (unter 50 000 Euro Listenpreis ohne Mehrwertsteuer) geleast. „In den 17 regionalen Werken in den Landkreisen fahren die Leiter*innen aus dienstlichen Gründen ebenfalls einen Dienstwagen, den sie mit Versteuerung des geldwerten Vorteils auch privat nutzen können. Ihnen stehen Mittelklassefahrzeuge bis zu 50 000 Euro Anschaffungswert zur Verfügung. Dabei sind Fahrzeuge der Hersteller Daimler, BMW, Audi und weitere vergleichbare Oberklassefahrzeuge ausgeschlossen. In aller Regel werden VW-Fahrzeuge der Golf-Klasse gefahren“, teilt die Diakonie mit.

Aufsicht: Vorgänge wie bei der AWO hält die Diakonie in ihren Strukturen „strukturell für nicht möglich“. Es gebe klare Regelungen, etwa zur Vermeidung von Interessenkonflikten. Sie würden durch die Führungskräfte, den Aufsichtsrat und seine Ausschüsse, die Innenrevision sowie die externen Wirtschaftsprüfern kontrolliert. 

Paritätische: Am öffentlichen Dienst orientiert

Geschäftsführung: Die Bezahlung im Paritätischen Wohlfahrtsverband Hessen ist an den Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst (TV-L) angelehnt. Davon ausgenommen seien die Geschäftsführerin und ihr Stellvertreter, die außertariflich vergütet würden, berichtet Pressesprecherin Barbara Helfrich. „Unsere Landesgeschäftsführerin erhält ein Jahresgehalt von 120 000 Euro Arbeitnehmerbrutto, der stellvertretende Landesgeschäftsführer von 105 000 Euro Arbeitnehmerbrutto. Beide haben keinen Anspruch auf Sonderzahlungen.“ Regionalgeschäftsführerinnen und -geschäftsführer würden nach Tarifstufe TV-L 11 bezahlt, was einem Bruttojahresgehalt von etwa 65 000 Euro entspreche.

Dienstwagen: Anspruch auf einen Dienstwagen besitzen neben der Geschäftsführung Mitarbeiter im Außendienst, Fachreferenten und Regionalgeschäftsführerinnen und -geschäftsführer. Dafür gibt es laut Helfrich Gründe: „Wir beraten unsere 800 Mitgliedsorganisationen in ganz Hessen sehr häufig vor Ort. Dies erfordert regelmäßige Dienstfahrten auch in Regionen, die mit dem ÖPNV kaum erreichbar sind.“ Das Dienstwagenbudget liege für die Geschäftsführung bei 30 000 Euro, für andere Beschäftigte bei 25 000 Euro. Gerade habe man „ein Moratorium zur Anschaffung von Dienstwagen verhängt, um ein nachhaltiges Mobilitätskonzept zu entwickeln“.

Aufsicht: Externe Wirtschaftsprüfer überwachen die Finanzen. Der testierte Jahresabschluss werde auf der Mitgliederversammlung vorgestellt, genauso wie der Bericht der ehrenamtlichen Rechnungsprüfer. 

Deutsches Rotes Kreuz: Marktgerecht

Geschäftsführer: Die Bezahlung der Landesgeschäftsführung des DRK Hessen liegt nach Angaben von Pressesprecherin Gisela Prellwitz „bei unter 150 000 Euro jährliches Arbeitnehmerbrutto plus Dienstwagen“. Das Gehalt sei ein entscheidender Faktor, um kompetentes Leitungspersonal zu gewinnen. Daher sei „eine konkurrenzfähige und marktgerechte Vergütung von Geschäftsführenden“ erforderlich. Der Landesgeschäftsführer gehe keinen weiteren Nebentätigkeiten nach, durch die er zusätzliche Bezüge erhalten würde. Ansonsten würden die Beschäftigten des DRK-Landesverbands Hessen nach dem DRK-Reformtarifvertrag entlohnt. Im Internet werden als höchste Gehaltsstufe in diesem Tarifvertrag 7729,27 Euro monatlich genannt.

Dienstwagen: Nur der Landesgeschäftsführer hat nach Angaben des Deutschen Roten Kreuzes in Hessen Anspruch auf einen Dienstwagen. Er fahre einen Wagen der Marke Opel Insignia.

Aufsicht: „Unabhängig von den aktuellen Vorwürfen gegen die AWO beschäftigen wir uns innerhalb des DRK bundesweit seit dem Frühjahr 2019 mit der Aktualisierung unserer Compliance-Regelung“, berichtete Prellwitz. Im DRK bestehe seit Jahren die Verpflichtung zur externen Wirtschaftsprüfung sowie zur externen Revision. „In den Führungsgremien haben wir über die Entwicklung bei der AWO gesprochen“, teilte die Sprecherin mit. Doch beim DRK sehe man „keine Notwendigkeit, über die bestehenden Regelungen hinauszugehen“.

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