Kai Klose (Grüne).
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Kai Klose (Grüne).

Corona

„Die App meldete niedriges Risiko“

  • Jutta Rippegather
    vonJutta Rippegather
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Sozialminister Kai Klose spricht im Interview über den Alltag in Quarantäne, die Verantwortung des Einzelnen und darüber, warum es in Hessen keine einheitlichen Regeln geben kann.

Hessens Wissenschaftsministerin Angela Dorn befindet sich nach ihrem positiven Corona-Test in Isolation. Sozialminister Kai Klose war Kontaktperson. Auch er darf das Haus derzeit nicht verlassen.

Herr Klose, wie geht es Ihnen in der häuslichen Quarantäne?

Ich bin gut beschäftigt, telefoniere ununterbrochen und mache Videokonferenzen. Es ist noch etwas ungewohnt, alles von zu Hause zu erledigen.

Sie dürfen noch nicht mal mehr vor die Tür, oder?

Meine Möglichkeit, rauszugehen, ist derzeit nur der Balkon.

Wie wurden Sie über die Infektion der Wissenschaftsministerin informiert?

Während der Sitzung des Corona-Kabinetts am Montag hat uns die Kollegin Angela Dorn über die Tatsache informiert, dass sie positiv getestet worden ist. Sie hat Tarek Al-Wazir und mich als Kontaktpersonen angegeben, weil wir am Montag vor einer Woche eine längere Besprechung hatten. Mit genug Abstand, aber in einem Raum, entsprechend seien wir wahrscheinlich Kontaktpersonen der Kategorie 1. Das entscheidet am Ende das Gesundheitsamt. Wir haben uns dann sofort abgesondert.

Das Gesundheitsamt hat das dann bestätigt?

Es hat mich abends noch angerufen und sich informiert. Zunächst war das das Gesundheitsamt des Kreises Marburg-Biedenkopf, in dem Frau Dorn wohnt. Wir hatten uns schon vorher nach Hause begeben, weil unser Infektionsreferat das empfohlen hatte. Am Dienstag hat mich auch das für mich zuständige Gesundheitsamt des Rheingau-Taunus-Kreises angerufen und ausführlich belehrt, dass ich mich jetzt 14 Tage ab dem Expositionszeitpunkt (Zeitpunkt der möglichen Ansteckung) in Quarantäne zu begeben habe.

Hat Ihre Corona-App angeschlagen?

Am Dienstag früh hat die App sich gemeldet. Das war das erste Mal. Ich habe sie von Anfang an installiert. Sie hat mir eine Begegnung mit niedrigem Risiko angezeigt. Ich nehme an, weil wir bei der Besprechung die notwendigen Abstände hatten. Das Gesundheitsamt hat nach Schilderung der Situation aber klar gesagt, dass wir Kontaktpersonen der Kategorie 1 sind, weil wir in einem längeren Gespräch in einem geschlossenen Raum waren. Der Abstand ist dann nicht mehr so relevant.

Die Einschläge kommen näher. Ist das Virus noch beherrschbar?

Wir müssen die Neuinfektionszahlen unbedingt wieder in einen Bereich bringen, in dem die Nachverfolgung der Kontaktpersonen, und damit der Infektionsketten, allen Gesundheitsämtern wieder uneingeschränkt möglich ist. Dafür kommt es auf jeden Einzelnen an. Alle müssen die Zahl ihrer Kontakte reduzieren. Wenn nicht jeder sein Verhalten ändert, lassen sich die Zahlen nicht senken.

Gegenüber jetzt sind die Zahlen vom Frühjahr doch Peanuts. Warum die Gelassenheit?

Das ist keine Gelassenheit, die Lage ist ernst. Wir wissen jetzt aber mehr über das Virus als im Frühjahr. Wir wissen auch, was wirkt. Das Wirksamste ist, dass wir alle unsere Kontakte wieder auf das Notwendigste beschränken, dann haben wir gemeinsam gute Chancen, das Virus zu beherrschen. Der Altersdurchschnitt der Infizierten ist derzeit noch deutlich geringer als im Frühjahr. Deshalb sehen wir bisher nicht so viele Schwerkranke. Das kann sich schnell ändern.

Die Politik droht auch mit weiteren Einschränkungen, die erwiesenermaßen nicht wirken. Ein Beispiel: Die Schließung von Schulen. Laut Kultusminister Alexander Lorz sind die keine Hotspots.

Unser Ziel ist, Schulen und Kitas offen zu halten. Gleichzeitig ist es so, dass da viele Menschen zusammenkommen und das Virus sich auch dort weiterverbreiten kann, auch wenn die Infizierten aufgrund ihres Alters meist nicht schwer erkranken. Es ist eben besser, Masken aufzusetzen, als Schulen zu schließen. Deshalb ist es konsequent, dass die Gesundheitsdezernent:innen der Rhein-Main-Region für 14 Tage die Maskenpflicht an weiterführenden Schulen angeordnet haben.

Bei vielen Menschen herrscht Verwirrung über die Regeln. Was ist in welcher Stadt erlaubt ist, was in welchem Landkreis verboten. Ständig verändert sich etwas. Kann man da nicht mehr vereinheitlichen, auch um die Akzeptanz nicht zu gefährden?

Das ist eine Folge des Beschlusses der Kanzlerin und der Ministerpräsident:innen vom Frühsommer. Die Gesundheitsämter der Landkreise und kreisfreien Städte sollen möglichst regional und lokal auf das jeweilige Ausbruchsgeschehen einwirken. Das halte ich grundsätzlich für richtig. Ich verstehe aber auch, dass das für die Menschen schwieriger verständlich ist – vor allem, wenn sich die Regeln in einer so eng vernetzten Region unterscheiden wie dem Rhein-Main-Gebiet. Deshalb hatte ich die Gesundheitsdezernent:innen der Region eingeladen, um sich wenigstens in einigen Punkten auf gemeinsame Maßnahmen zu verständigen. Das ist hilfreich, weil es den Menschen Orientierung gibt. Auf der anderen Seite gibt es auch in Hessen weiterhin Landkreise mit deutlich niedrigeren Inzidenzen. Deshalb sind im Moment größere landesweit einheitliche Beschränkungen nicht verhältnismäßig. Wir haben aber am Montag das Eskalationskonzept überarbeitet und bei Überschreitung bestimmter Inzidenzzahlen feste landesweite Regeln zu den Kontaktbeschränkungen und Veranstaltungsgrößen festgelegt.

Sie sind jetzt einmal negativ getestet. Ist noch ein weiterer Test geplant, bevor Sie am Dienstag wieder an Ihren Schreibtisch im Ministerium zurückkehren dürfen?

Mein Gesundheitsamt hat gesagt, dass ich Freitag zu einem weiteren Test erscheinen soll. Danach werde ich mich selbstverständlich richten.

Interview: Jutta Rippegather

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