Schweinehaltung
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Es wird eng in manchen Schweineställen. Schlachtreife Tiere sind schwer loszubekommen und die Preise im Keller.

Tierwohl

Hessens Schweinepolitik im Umbruch

  • Jutta Rippegather
    vonJutta Rippegather
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Immer mehr Verbraucher wollen Regionales. Doch Hessens Bauern können den Fleischhunger nicht stillen und es gibt zu wenig Möglichkeiten, zu schlachten.

Stau im Stall wegen der Tönnies-Schließung? Während Landwirte in anderen Bundesländern große Probleme haben, betrifft die Stilllegung des Schlachtunternehmens im westfälischen Rheda-Wiedenbrück die hiesigen Schweinehalter nur marginal, sagt der Sprecher des hessischen Bauernverbands, Bernd Weber. Denn: „Die Zahl der Tiere ist überschaubar.“ Massenhaltung gebe es kaum. Höchstens für den einen oder anderen nordhessischen Betrieb könnte es eng werden, weil Europas größter Schlachtbetrieb wegen Hygienemängeln nicht mehr arbeiten darf. Mehr als 1000 der 6500 Beschäftigten hatten sich dort mit Corona infiziert.

Die Preise sind angesichts des großen Angebots allerdings im Keller, so Weber.

In Hessen nimmt der Schweinebestand seinen Angaben zufolge seit Jahren ab. Außerdem gibt es erstaunlich viele regionale Schlachtstätten. 464 sind es insgesamt. Trotzdem wird ein Viertel der Tiere in anderen Bundesländern getötet, entsprechend lang sind teilweise die Transportwege.

Die aktuellen Schlachtmöglichkeiten reichen nicht aus, meint der Obermeister der Fleischer-Innung Frankfurt–Darmstadt–Offenbach, Thomas Reichert. Er fordert angesichts des Tönnies-Skandals ein Zurück zu den Zeiten, als die Schlachthöfe in den Händen des Staates lagen. „Die Konzentration der Schlachtbetriebe auf einige wenige Zentren war eine Fehlentwicklung.“ Seine Forderung: Jede Region oder größere Stadt sollte einen eigenen Schlachthof betreiben.

Der Ende der 90er Jahre geschlossene städtische Frankfurter Schlachthof habe mehr als 600 Jahre lang einen Teil der Daseinsvorsorge für die Bürger in der Region geboten. Die soziale Kontrolle habe funktioniert, die Schlachter seien als städtische Angestellte entsprechend bezahlt worden. „Sie waren Teil der Stadtgemeinschaft und nicht wie heute Arbeiter aus Osteuropa, die unter unwürdigen Bedingungen in Gemeinschaftsunterkünften leben müssen, was die Ansteckungsgefahr deutlich erhöht.“

Schlachten in Hessen

In Hessen gab es im vergangenen Jahr 464 Schlachtbetriebe. Das geht aus einer Antwort des Umweltministeriums auf eine SPD-Anfrage zu regionalen Vermarktungsstrukturen hervor. Dazu vermerken die Sozialdemokraten: „Um möglichst geringe Transportwege zu haben, um stressfreie Schlachtung zu garantieren, sind Betriebe in der Region von großem Nutzen.“

Schweine wurden demnach insgesamt 415 geschlachtet. In Frankfurt fanden drei den Tod, in Wiesbaden war es eins, und im Wetteraukreis waren es 36..

An Großvieh wurde 364 Stück geschlachtet, jeweils eins in Frankfurt und Wiesbaden, 33 im Wetteraukreis.

Schafe kamen hessenweit 216 unter das Bolzenschussgerät. In Frankfurt keins, in Wiesbaden eins, im Wetteraukreis 25.

Eine gute Idee, meint Weber als Sprecher des Bauernverbandes. Doch die Kommunen und Landkreise seien klamm, die Kosten könnten nicht auf den Steuerzahler abgewälzt werden. Also werde das Fleisch teurer. „Der Verbraucher muss mitspielen.“

Unterstützung erfährt die Innung vom landwirtschaftspolitischen Sprecher der SPD-Landtagsfraktion, Heinz Lotz: Seine Partei stehe schon seit langem dafür, regionale, kleinteiligere Strukturen aufzubauen, um dem Tierwohl besser gerecht zu werden. Der Tönnies-Skandal führe den Verbraucherinnen und Verbrauchern einmal mehr vor Augen, wie groß die Abhängigkeit von Großschlachtbetrieben sei. Daran trage die Landesregierung eine gehörige Portion Mitschuld.

Bei einer Erzeugungsquote von lediglich 20 Prozent des Fleischbedarfs, der in Hessen selbst produziert werde, sei dringender Handlungsbedarf geboten. Sein Vorschlag: „Wir brauchen einen überregionalen Schlachtbetrieb in Hessen, der in kommunaler oder landeseigener Hand betrieben wird.“ Auch die FDP fordert mehr Kapazitäten.

Doch es gibt noch einen weiteren Aspekt, sagt Weber: Die hiesigen Landwirte könnten nicht so viel Fleisch produzieren, um den Hunger der Hessen zu stillen, die immer häufiger nach regionalen Produkten fragen.

241 000 Mastschweinplätze verzeichnet die Statistik für das vergangene Jahr, jedes halbe Jahr wechselt dort der Bestand. „Das ist ein Rückgang gegenüber 2008 um 26 Prozent.“ Die Zahl der Zuchtsauen habe sich in diesem Zeitraum mit 32 000 gar halbiert. Immer mehr Bauern stiegen auf Masthähnchen um. Grund seien die „schlechten Rahmenbedingungen“, sprich: immer neue Auflagen, die die Kosten in die Höhe treiben. „Diese Unsicherheit ist ein großes Hemmnis für die Unternehmen.“ So sei etwa das Kastrieren der Ferkel ohne Betäubung ab nächstem Jahr verboten, und es gebe neue Beschlüsse zum Sauenhalten. „Gott sei Dank gibt es Übergangszeiten.“

Umweltministerin Priska Hinz (Grüne) begrüßt grundsätzlich den Bundesrats-Beschluss von Anfang Juli. Danach soll die umstrittene Fixierung von Sauen in engen sogenannten Kastenständen in spätestens acht Jahren nur noch in Ausnahmefällen kurzzeitig erlaubt sein. „Jetzt haben Schweinehalterinnen und -züchter endlich Planungssicherheit.“ Wichtig sei, die Betriebe bei diesen Umbauten zu unterstützen, um die regionale Schweinehaltung zu erhalten. Sie merkt aber auch an: „Die Übergangsfristen hätten aus meiner Sicht jedoch kürzer sein dürfen.“ Gleichwohl hatte die Ministerin der Verordnung in der Länderkammer zugestimmt.

Was SPD-Landtagsabgeordneter Lortz als Beweis dafür wertet, wie gering ihr Interesse an artgerechten Lebensbedingungen hessischer Schweine ist. Acht Jahre seien deutlich zu lang. Hinz hätte nicht zustimmen müssen – wie ihre Amtskollegin aus Sachsen-Anhalt oder der Grüne-Justizsenator aus Berlin. Kritik kommt auch von der landwirtschafts- und tierschutzpolitischen Sprecherin der Linksfraktion im Hessischen Landtag, Heidemarie Scheuch-Paschkewitz. Die Änderungen, die Ministerin Hinz als großen Wurf verkauft habe, hätten nicht nur lange Übergangsfristen. „Der Bundesratsbeschluss legalisiert auch das enge Zusammenpferchen der Schweine, das bis dato rechtswidrig war.“

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