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Ein Patientenstuhl mit Fixierung.

Psychiatriewoche

Hessens Psychiatrie braucht mehr Personal

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Ein Krisendienst und deeskalierende Gespräche können Einweisungen verhindern. Das ist unumstritten. Trotzdem gibt es in Hessen noch kein flächendeckendes Angebot.

Stefan Mayer spricht von einem „Weckruf“. Die Wallraff-Reportage über das Klinikum Höchst habe „aufgerüttelt“ und werde zu Änderungen in der psychiatrischen Versorgung in Frankfurt führen. „Wir werden Konsequenzen ziehen und Verbesserungen erzielen“, verspricht der Frankfurter Gesundheitsdezernent von den Grünen. „Darauf haben sie mein Wort.“ Mit einem besseren ambulanten Angebot lasse sich so manche Einweisung in einen Klinik verhindern. Auch bei der Betreuung nach der Krankenhausentlassung bestehe Nachholbedarf. Der „Drehtüreffekt“ sei nicht länger hinnehmbar.

Mayer ist der erste Redner bei der Eröffnung der Frankfurter Psychiatriewoche. Die findet bereits zum 31. Mal statt. Doch durch Fernsehberichte über Missstände am städtischen Klinikum Höchst und der Uniklinik Frankfurt hat sie an Brisanz gewonnen hat. Das Interesse ist groß. Der Saal im Gesundheitsamt ist rappelvoll. Betroffene sind da, Angehörige, ehrenamtliche und professionelle Helfer. Abgeordneten der Landtagsfraktionen, mit Ausnahme der AfD. Und es zeigt sich in der Podiumsdiskussion mit ihnen: Alle wissen, dass die Versorgung psychisch Kranker besser werden muss und auch wie. Doch aus irgendwelchen Gründen bleibt der aktuelle Zustand unbefriedigend. Ob der „Weckruf“ daran etwas ändern wird?

Das Programm der Frankfurter Psychiatriewoche am Montag -  14.30-18.30 Uhr: Infostand des Frankfurter Netzwerks für Suizidprävention, Leipziger Straße

15 Uhr: Informationen zu Borderline, Psychosoziale Dienste Heddernheim, Oberschelder Weg 6

17.30 Uhr: Lesung mit Anna Sperk, Buch über Schizophrenie, Gesundheitsamt, Breite Gasse 28

 Die Termine der Folgetage gibt es  im Internet unter www. psychiatrie-frankfurt-am-main.de. mic

Zwei Sprecherinnen der Angehörigen führen eindrucksvoll vor Augen, was es heißt, wenn ein Krisendienst fehlt, der rund um die Uhr nicht nur telefonisch ansprechbar ist, sondern auch nach Hause kommt. Denn Schwerkranke schaffen es oft nicht aus dem Haus. Da ist der 25 Jahre alte an Schizophrenie-Patient, der aus der Wohnung rausflog und unterversorgt bei seiner überforderten Mutter lebt. Da stehen plötzlich fünf bewaffnete Polizisten vor der Tür, weil eine Familie sich wegen einer akuten Krise eines Bekannten an den allgemeinen Notruf gewandt hat. Ein traumatisches Erlebnis für sämtliche Beteiligten.

Die schwarz-grüne Landesregierung weiß um die Lücke im Versorgungsnetz, die oft Klinikeinweisungen verhindern könnte. Sie hat in ihrem Koalitionsvertrag vor knapp einem Jahr vereinbart, im ganzen Land „flächendeckend“ Krisendienste zu installieren. Vorbild ist das Angebot des Caritasverbands Darmstadt, dessen Vorstandsreferent Bastian Ripper die Podiumsdiskussion mit dem Titel „Psychische Krise – was nun?“ leitet. Lobend erwähnt Marcus Bocklet (Grüne) den Krisendienst Südhessen von Ripper. Und Hanau, wo die Mauern zwischen stationär und ambulant aufgeweicht sind. So etwas müsse es überall im Land geben. „Wir gehen es an und sind politisch willig“, versichert der Grünen-Politiker.

Die Opposition sieht noch andere Baustellen: „Wir brauchen eine Psychiatrie ohne Zwang“, sagt Christiane Böhm von der Linksfraktion. Auch würden in den Kliniken zu viel Medikamente vergeben. Tilo Becher von der SPD wünscht sich die Enttabuisierung der Krankheit. „Wir müssen sie in die Mitte der Gesellschaft holen.“ Alle Abgeordneten sind sich einig, dass für eine bessere Versorgung mehr Personal notwendig ist. Beziehungsarbeit benötige Zeit, sagt Becher. Deeskalierende Gespräche könnten Klinikeinweisungen verhindern, stellt Ralf-Norbert Bartel von der Union klar. Und Yanki Pürsün von der FDP wundert sich vor diesem Hintergrund darüber, dass die Bundesregierung möglicherweise einen anderen Plan verfolgt.

Das legt das Flugblatt nah, das Vertreter der Gewerkschaft Verdi am Eingang des Gesundheitsamts verteilt haben. Sie warnen darin vor einer „Gefahr für gute Arbeit und Versorgung“. Es geht um die Psychiatrie-Personalverordnung, die nach 30 Jahren aktualisiert werden soll. Verdi befürchtet, dass es sich um eine Fortschreibung des schlechten Ist-Zustands handelt. Die Gewerkschaft fordert stattdessen einen Personalschlüssel, der „gemäß der aktuellen ethischen, medizinischen und rechtlichen Standards kurzfristig angepasst und quantitativ erhöht“ werden kann. Gute Versorgung benötige ausreichend viel und qualifiziertes Personal. „Wir brauchen mehr Zeit für unsere Patienten.“

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