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Polizeihunde sollen bei Razzien versteckte Datenträger erschnüffeln

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Von: Oliver Teutsch

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Derzeit werden in Hessen Hunde ausgebildet, damit sie bei Razzien zu Kinderpornografie oder Betrug versteckte Datenträger als Beweismaterial erschnuppern können.

Mühlheim - Byte stürzt auf die Mauer zu, als gelte es einen Rekord zu brechen. Irgendwo in den Ritzen zwischen den Natursteinen hat Frauchen etwas versteckt. Wenn der Malinois-Mischling das Versteckte findet, bekommt er sein Spielzeug, da ist er sich ganz sicher. Schließlich war das immer so in den vergangenen Wochen. Die Nase schnüffelt alle Ritzen fast systematisch ab. Dann hält Byte inne und legt sich ab. Soll heißen: Habe etwas gefunden und will belohnt werden. Frauchen Jennifer Sandmann lässt ein Klacken ertönen. Soll heißen: Gut gemacht. Freudig stürzt Byte auf sein Frauchen zu und darf sich in das von ihr bereit gehaltene Spielzeug verbeißen.

Übungen wie diese gibt es derzeit fast täglich beim Zentralen Diensthundewesen in Mühlheim. Seit vielen Jahrzehnten bildet die Hessische Bereitschaftspolizei in einem ruhig gelegenen Waldstück ihre Hunde aus. Als Schutzhunde und als Spürnasen. Beim Schnüffeln sind die Vierbeiner im Polizeidienst bislang auf Leichen, Sprengstoff, Bargeld oder Rauschgift abgerichtet. Seit Mai steht ein neues Fach auf dem Stundenplan der Spürhunde: Datenträger. Es ist gewissermaßen die Königsdisziplin für die Hundenase. Denn ein USB-Stick riecht nun mal deutlich weniger als Marihuana.

Polizei in Hessen: Hunde zunächst „nach einem iPhone suchen lassen“

Der Rüde Byte und seine Schwester Emma, beide aus dem selben Wurf eines Oldenburger Züchters, sind die hessischen Pionierhunde in Sachen Datenträger erschnüffeln. Emmas Herrchen, Oberkommissar Björn Beier hat sich seit vergangenem Herbst damit befasst, was die Hunde erschnüffeln können und wo es Grenzen gibt. Festplatten oder Smartphones, die hinter einer Tapete versteckt sind, spüren Byte und Emma auf.

Polizeihund Byte sucht in Mauerritzen nach Datenträgern. Foto: Michael Schick
Polizeihund Byte sucht in Mauerritzen nach Datenträgern. Foto: Michael Schick © Michael Schick

Sind die Gegenstände aber luftdicht versiegelt und in Wachs getaucht, könnte es schwierig werden. Die Welt der Datenträger und Smartphones ist zudem groß, verdeutlicht Beier: „Wir haben zunächst nach einem iPhone suchen lassen, das hat gut geklappt, aber bei anderen Modellen schwammen die Hunde dann ein bisschen.“ Also war für die Ausbildung klar: Der Markt muss sicher abgedeckt werden, damit die Hunde auch wirklich alle Datenträger finden und nicht nur bestimmte Fabrikate.

Polizei in Hessen: Hunde zum Aufspüren von Datenträgern in Sachsen schon lange im Einsatz

In der sächsischen Justiz sind Datenträger-Spürhunde schon seit 2014 im Einsatz. Die Vierbeiner helfen bei Zellendurchsuchungen, um die in Gefängnissen verbotenen Mobiltelefone aufzuspüren. Richtig ins Rollen kam die Nachfrage nach Hardware-Hunden dann im Februar 2019. In einem großen Missbrauchsfall im ostwestfälischen Lüdge fordert die Polizei auf der Suche nach Beweismaterial einen der sächsischen Hunde an. Der findet tatsächlich in einer Sofaritze einen USB-Stick, der bei der händischen Absuche von Zweibeinern übersehen worden war.

Die Polizei in Nordrhein-Westfalen reagierte schnell: Solche Hunde müssen wir auch haben. Ende 2021 sah auch Hessen die Zeit gekommen, Hunde auf Datenträger abzurichten. Denn die Nachfrage ist hoch. Hessen hat den Kampf gegen Kinderpornografie intensiviert, da gilt es bei Razzien Beweismaterial zu sichern. Auch die Wirtschaftskriminalität, bei der viele Daten auf externen Medien gespeichert werden, nimmt zu. „Anfragen kommen regelmäßig“, verrät Beier.

Oberkommissar Björn Beier mit seiner Hündin Emma. Foto: Michael Schick
Oberkommissar Björn Beier mit seiner Hündin Emma. Foto: Michael Schick © Michael Schick

Polizeihunde in Hessen: Ausbildung dauert zwölf Wochen

Doch noch sind die Hunde nicht so weit. Die Ausbildung dauert zwölf Wochen, mit einer Woche Pause dazwischen, damit die Vierbeiner sich erholen können. So weit wie Byte und Emma sind die anderen Hunde, die erst im Mai angefangen haben, noch nicht. Die anderthalbjährige Emma darf ihr Können auch noch unter Beweis stellen. In einer kleinen Lagerhalle ist hinter einer Heizung die Festplatte eines Laptops versteckt.

Beier führt seine Hündin mit einem Zeigestock systematisch an Orte, die sich als Verstecke eignen. Doch ein Stück weit handelt die Hündin selbstständig. Denn den Geruch der Festplatte hat sie schon in der Nase, bevor ihr Herrchen an der Heizung ist. Sie legt sich ab. Das Klacken ertönt, Emma bekommt ihren heißgeliebten Beißknochen. „Die Motivation für Spielzeug ist viel stärker als für Futter“, betont Trainerin Sandmann. An Leckerlis würden die Hunde im Laufe eines Trainingstages vielleicht die Lust verlieren, am Spielzeug nicht.

Polizeihunde in Hessen: Dauer der Einsätze varriiert stark

20 bis 30 Minuten können die Hunde suchen, bevor sie eine ebenso lange Pause brauchen. Natürlich hängt die Dauer der Leistungsfähigkeit auch von äußeren Umständen ab. Bei Hitze und Staub brauchen die Supernasen schneller eine Pause. Die Dauer der Einsätze kann dann stark variieren. „Wenn der Hund ein Handy in einem Zimmer finden soll, sitzen wir alle nach zehn Minuten wieder im Auto“, so Beier. Aber wenn eine Mikro-Speicherkarte in einem Haus gefunden werden soll, seien vier Hunde eine Woche lang beschäftigt.

Welche Materialien die Hunde wahrnehmen können, wissen die Trainerinnen und Trainer nicht. Die Herstellerfirmen machen aus der Zusammensetzung ihrer Datenträger ein großes Geheimnis. Damit die Hunde keine externen Gerüche in die Nase bekommen, wird beim Training nur mit Handschuhen gearbeitet. Zunächst bekamen die Hunde reine Bauteile vorgesetzt, dann die teilweise ummantelten Endprodukte, die noch weniger spezifisch riechen.

Polizeihunde in Hessen: Lehrgänge künftig regelmäßig angeboten

In der Endphase des Lehrgangs sollen die Hunde dann in größeren Gebäuden von Firmen und Behörden schnüffeln, um die Szenarien möglichst realistisch zu machen. Dafür hat Beier im Spritzenhaus seiner Freiwilligen Feuerwehr schon vor längerer Zeit eine Duftspur ausgelegt. Denn Datenträger, die noch vor kurzen an einem Endgerät angeschlossen waren, riechen womöglich anders als lange versteckte.

Geruchsproben, nach denen die Spürhunde suchen sollen. Foto: Michael Schick
Geruchsproben, nach denen die Spürhunde suchen sollen. Foto: Michael Schick © Michael Schick

Die Lehrgänge für Datenträger-Spürhunde wird es in Mühlheim künftig regelmäßig geben. Angedacht sei, dass jedes hessische Polizeipräsidium vier Hunde bekommt, so ein Sprecher der Bereitschaftspolizei. (Oliver Teutsch)

Seit 2022 sind Stachelhalsbänder bei der Ausbildung von Hunden in Hessen verboten.

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