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Einen Termin im Gesundheitsamt zu bekommen, kann dauern. 

Gesundheit

Hessens Gesundheitsämtern fehlen die Ärzte

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Der Personalmangel weitet sich aus. Eine Behörde kann bereits die flächendeckenden Schuleingangsuntersuchungen nicht mehr gewährleisten.

In Frankfurt hat sich die Personalsituation im Gesundheitsamt entspannt: „Im Frühjahr war es teilweise noch extrem kritisch“, sagt Leiter René Gottschalk der FR. Viele andere Städte und Landkreise, weiß er, befinden sich hingegen „in prekären Situationen“.

Weil es an Fachkräften fehlt, können manche Gesundheitsämter ihre Aufgaben nicht mehr in vollem Umfang erfüllen. Das führt unter anderem dazu, dass psychisch Kranke lange auf einen Beratungstermin warten. Die hygienische Überwachung von Arztpraxen oder anderen medizinischen Einrichtungen findet nur lückenhaft statt. Impfberatungen oder Informationsveranstaltungen, etwa an Kindergärten, fallen unter den Tisch. Das geht aus einer Antwort des hessischen Sozialministeriums auf eine Anfrage des FDP-Abgeordneten Yanki Pürsün hervor. Der fordert mehr Anstrengungen vom Land, um die Personalnot zu lindern.

Bei einer „Vielzahl“ der 24 Gesundheitsämter im Land, so das Ministerium, sei die Personaldecke chronisch zu kurz: „Die Zahlen variieren aktuell von 18 Prozent unbesetzte Stellen bis zu einer Vollbesetzung.“ Die Situation werde sich verschärfen, weil viele Ärztinnen und Ärzte demnächst in den Ruhestand gingen. Löcher würden mit Honorarkräften und Ärzten gestopft, denen die Qualifikation zum Facharzt für öffentliches Gesundheitswesen fehlt.

Als dritte Säule des Gesundheitswesens soll der Gesundheitsdienst die Bevölkerungsgesundheit stärken.

Die Aufgabe reichen von Gesundheitsschutz über die Überwachung der Hygiene in medizinischen Einrichtungen, Gefängnissen, Kindergärten, Flüchtlingsunterkünften. 

Die Diagnostik über die Bewertung eines Kranheitsbildes oder die Durchführung einer Therapie sind ein weiterer Schwerpunkt - etwa bei Tuberkulose, in der humanitären Sprechstunde, bei der anonymen Behandlung Prostitutierter oder Untersuchung von Flüchlingen. 

Eine Entwicklung, die seit Jahren absehbar ist. Hauptgrund sei die schlechte Bezahlung, stimmen René Gottschalk und das Ministerium überein. Der Unterschied zu einem Klinikarzt betrage mittlerweile 1000 bis 1500 Euro netto im Monat. Der familienfreundliche Vorteil im öffentlichen Dienst: Die Arbeitszeiten sind kalkulierbar. Allerdings haben auch Amtsärzte einmal an Wochenenden oder abends Bereitschaft.

Der leergefegte Arbeitsmarkt sei ein unhaltbarer Zustand, sagt Gottschalk und sieht sich damit eins mit den Berufsverbänden, die die Anpassung der Gehälter fordern. „Wir machen ja keine Verwaltung, sondern arbeiten am Patienten.“ Ein Beispiel sind die Schuleingangsuntersuchungen, deren Ergebnisse wichtige Fakten zum aktuellen Gesundheitszustand der jungen Bevölkerung liefern. Rund 7000 Kinder durchlaufen sie jedes Jahr in Frankfurt. Das bedeutet jede Menge Arbeit für die Amtsärzte. Sofern es sie gibt.

Laut Sozialministerium kann bereits ein Gesundheitsamt dieses Angebot nicht mehr flächendeckend gewährleisten. Der Name des betroffenen Landkreises wird in der Stellungnahme nicht genannt. Wohl aber die gesellschaftlichen Folgen: Es stünden „wesentlich weniger Daten zur Verfügung, die für die Steuerung von Präventionsmaßnahmen und Versorgung notwendig sind“. Neben einer besseren Bezahlung setzt das Land auf eine Öffentlichkeitskampagne. Ausbildungsverbünde sollen die Facharztausbildung erleichtern. Denn auch das ist ein Problem: In Hessen gibt es keinen Lehrstuhl für öffentliches Gesundheitswesen. Und das Frankfurter Gesundheitsamt ist laut Gottschalk das deutschlandweit einzige mit Weiterbildungsberechtigung.

„Bei uns können junge Ärzte ihre Doktorarbeit schreiben.“ Gemeinsam mit dem weiten Themenspektrum mache dies seine Behörde für den Nachwuchs attraktiv. Trotzdem sind von den 50 Frankfurter Arztstellen aktuell fünf nicht besetzt. Kinderärzte und Psychiater – die fehlen, auch weil sie generell knapp sind.

Der Amtsleiter ist sauer: „Der öffentliche Gesundheitsdienst wird kaputt gespart. Und wenn es brennt, wird nach ihm gerufen.“ Etwa wenn an einer Schule die Masern ausbrechen oder das Noro-Virus in einem Pflegeheim grassiert. Oder wenn multiresistente Keime in Gewässern entdeckt werden – wie vor wenigen Jahren, als es zu Todesfällen an der Uniklinik kam.

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