Julius Wagner.

Gastronomie

Hessens Gastronomen: „Hey, wir sind da!“

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Der hessische Dehoga-Geschäftsführer Julius Wagner spricht über die Hoffnung der Lokale, über ihre Sorgen und die Schwierigkeit, ein Tellergericht mit Abstandsregeln zu servieren.

Julius Wagner vertritt seit elf Jahren als Hauptgeschäftsführer des Hotel- und Gaststättenverbandes Dehoga in Hessen die Interessen der Branche. Zuvor war der 40-jährige Jurist, der aus Herborn stammt, als Referent für den Dehoga-Bundesverband tätig.

Herr Wagner, wie geht es der Gastronomie in Hessen, wie groß sind ihre Verluste?

Die Verluste sind so groß, wie sie nur sein können. Wir befinden uns in der achten Woche des Corona-Regiments. Seitdem haben wir Umsätze, die gegen null tendieren. Das Take-away hilft gerade mal, in Teilen der Betriebe vielleicht zehn Prozent der Umsätze zu generieren.

Wie wichtig ist es für Sie, dass es nun eine Perspektive für die Öffnung gibt?

Das ist das Entscheidende. Die Betriebe ringen seit Wochen um Hoffnung, dass sie wieder arbeiten können, wieder Umsätze machen können und Mitarbeiter aus der Kurzarbeit zurückholen können. Insofern ist dieses Signal überfällig. Das darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass auf uns noch sehr lange schwere Zeiten zukommen. Deswegen muss es neben einer Öffnungsperspektive die klare Formulierung eines Rettungsfonds für das Gastgewerbe geben, für Hessen und für ganz Deutschland.

Wie könnte der aussehen?

Wir hatten zu Beginn der Corona-Krise die Soforthilfe für Betriebe bis 50 Mitarbeiter. Wir haben der Bundesregierung und der hessischen Landesregierung Konzepte vorgelegt, die über 50 Mitarbeiter hinausgehen und vom Volumen höher sind. Im Idealfall sollte es so sein, dass der Bund ein Programm auflegt und das Land in die Co-Finanzierung einsteigt. Eine bloße Verlängerung der Corona-Soforthilfen wird nicht ausreichen, um die massiven Umsatzverluste aufzufangen.

Das heißt, auch die kleinen und mittleren Betriebe würden mehr erhalten als die bisherige Soforthilfe?

Das ist unser Wunsch. Die Mittel wurden für einen Zeitraum von drei Monaten bereitgestellt. Aber in den Betrieben sind die Mittel längst aufgebraucht, obwohl die drei Monate noch nicht vorbei sind. Wenn Betriebe jetzt mit einer eingeschränkten Zahl von Sitzplätzen öffnen, werden auch die Umsätze entsprechend eingeschränkt sein. Dann brauchen wir weitere Unterstützung.

Zur Info

18 000 Betriebe in Hessen sind im Gastgewerbe tätig. Dazu gehören gut 15 000 in der Gastronomie und rund 3000 in der Hotellerie. Das Gros der Gastronomen, nämlich etwa 10 500 Unternehmen, betreibt Speisewirtschaften. Hinzu kommen knapp 3000 Bars und Kneipen sowie etwa 1300 Catering-Betriebe. 

Wie unterscheidet sich die Situation für Gartenwirtschaften, klassische Restaurants oder Bars?

Da wir über Abstandsregelungen sprechen, ist ganz klar: Wer einen größeren Raum hat, steht besser da. Die Vielfalt, die wir in Hessen erhalten wollen, ist gerade durch die kleinen Betriebe geprägt. Viele Betriebe werden erst mal die nächsten 14 Tage abwarten, bis es eine weitere Lockerung gibt, weil es erst dann für sie Sinn macht. Andere werden so schnell wie möglich eröffnen, um die Hand nach oben auszustrecken und zu sagen: Hey, wir sind da! Bars, Kneipen und Diskotheken werden allerdings noch nicht eröffnen dürfen. Die getränkegeprägte Gastronomie steht weiter unter dem Schließungsregiment. Das macht klar: Wenn keine Umsätze möglich sind, muss Geld in die Betriebe gepumpt werden.

Sind die Betriebe in der Lage, die Hygiene- und Abstandsregeln einzuhalten?

Das ist ein großer Aufwand. Aber ich sage: Wer, wenn nicht das Gastgewerbe, ist in der Lage, Hygienekonzepte zu erarbeiten und im praktischen Alltag zu befolgen? Wir müssen sehr viel dafür tun, dass die Gäste sich unter diesen Maßgaben sicher fühlen.

Allein das Essen mit anderthalb Metern Abstand zu servieren, ist eine Herausforderung.

Ja, das würde nicht gehen. Wir sind ganz froh, dass auch Politik lebensnah ist. Solche Bedenken werden zum Glück berücksichtigt. Es wird so sein, dass wir ähnlich wie im Handel und im öffentlichen Nahverkehr die Mund-Nasen-Bedeckung als Pflicht haben werden. Man wird sich an den Mundschutz gewöhnen müssen, insbesondere in Situationen wie dem von Ihnen geschilderten, wo eine etwas größere Nähe zum Gast entsteht, wenn das Tellergericht gereicht wird. Da muss vom Servicepersonal eine Mund-Nasen-Bedeckung getragen werden. Für die Gäste gilt das nur beim Eintreten. Wenn sie sich an ihre Plätze setzen, um zu essen und zu trinken, können sie ihre Masken abnehmen.

Alles andere wäre ja auch sinnlos.

Total. Das ist eine ganz besondere Herausforderung für eine Branche, in der das menschliche Miteinander und die menschliche Nähe eigentlich der Hauptgeschäftszweck sind. Aber wir sind davon überzeugt: Die Betriebe werden das schaffen.

Interview: Pitt von Bebenburg

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