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Erster Radschnellweg in Hessen

Bauarbeiten

Hessens erster Radschnellweg wächst

Der erste Abschnitt der zwischen Darmstadt und Frankfurt geplanten Expressroute ist eröffnet.

Lächelnd tritt Ilse Gunkel in die Pedale ihres orangenen Fahrrads. Der neue Radschnellweg sei wunderbar, sagt die 72-Jährige, als sie absteigt: „Es ist Platz und schön eben und man weiß, es kommt kein Auto.“ Die Hobbyradlerin aus Arheilgen hat eben den ersten fertigen Abschnitt der Expressroute befahren, die derzeit zwischen Darmstadt und Frankfurt entsteht. In drei Jahren soll die bisher in Hessen einmalige und insgesamt mehr als 30 Kilometer lange Strecke fertig sein.

Der mit vier Metern extrabreite und vom Autoverkehr abgeschirmte Radschnellweg soll Radfahrern ein zügiges Vorankommen ermöglichen und damit vor allem Berufspendler zum Umsteigen vom Auto bringen. Neben dem glatten Asphalt und der Möglichkeit zum Überholen bietet er weiteren Luxus wie Solarleuchten, eine überdachte Reparaturstation mit Pumpe und Werkzeug sowie Mülleimer, die schräg aufgestellt sind, so dass Radler sie im Fahren treffen können.

Die Nachfrage sei schon während der Bauarbeiten zu dem Teilstück zwischen Egelsbach und Darmstadt-Wixhausen groß gewesen, berichtet der Chefplaner der Strecke, der Kelsterbacher Bürgermeister und Geschäftsführer der Regionalparkgesellschaft Südwest, Manfred Ockel (SPD). Bis zu 500 Fahrradfahrer seien da schon täglich gezählt worden, obwohl es noch Absperrungen gegeben habe.

Radschnellwege sollen möglichst kurze und direkte Verbindungen schaffen, geringe Steigungen beinhalten und eine gute, glatte Oberfläche bieten.

Im Idealfall sind sie mindestens vier Meter breit, nachts beleuchtet und bieten an Knotenpunkten Vorfahrt.

Der Platz in den Städten werde immer knapper, sagt Verkehrsminister Tarek Al-Wazir (Grüne) am Donnerstag bei der Eröffnung des 3,6 Kilometer langen Abschnitts in Egelsbach. Wenn mehr Menschen aufs Fahrrad umstiegen, hätten andere Verkehrsteilnehmer wieder mehr Platz, die auf ihr Auto oder ihren Lieferwagen nicht verzichten könnten. Deshalb müsse Fahrradfahren attraktiver werden.

Planungen für Radschnellwege gibt es bundesweit. Eine Studie hat allein für Hessen 42 mögliche Korridore identifiziert, auf denen schon genügend Fahrradfahrer unterwegs sind, um den Ausbau zu rechtfertigen. Genannt werden darin neben mehreren Verbindungen rund um Frankfurt auch die Strecke zwischen Wiesbaden und Mainz, Kassel und Baunatal sowie Fulda und Neuhof.

Dass hoher Bedarf an mehr und besseren Radwegen bestehe, hätten zuletzt die Unterschriftensammlungen zu den Radentscheiden in Kassel, Darmstadt und Frankfurt gezeigt, erklärt der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC). Die Städte und das Land bemühten sich auch um Abhilfe, doch mit viel zu geringem Tempo, kritisiert Landesgeschäftsführer Norbert Sanden: „Wenn es so weitergeht, dann wird es nichts mit der Verkehrswende, da muss man schon Gas geben“, sagte Sanden. Mehr Geld und Personal für die Planung seien nötig. Der ADFC plane nun ein landesweites Volksbegehren, um dies einzufordern.

Verkehrsminister Tarek Al-Wazir sieht im Radschnellweg Darmstadt-Frankfurt ein Beispiel dafür, dass es vorangehe, wenn Menschen nicht nur über Probleme nachdächten, sondern nach Lösungen suchten, wie er bei der Eröffnung sagt. „Einfach machen“, sei das nötige Motto. Chefplaner Ockel trieb den Bau voran, auch wenn noch nicht für alle Teilabschnitte die endgültige Planung vorliegt.

Doch so sind entscheidende Fragen auch noch offen, etwa, wie der Schnellweg in den beiden von Dauerstau im Berufsverkehr geplagten Städten Darmstadt und Frankfurt weitergeführt werden soll. Die Mainmetropole allein zählt Tag für Tag knapp 380 000 Pendler, der Hauptteil davon kommt mit dem Auto. Von der Straße Platz abzuzwacken für einen mindestens vier Meter breiten Radschnellweg, ist hier nicht so einfach möglich.

„Die Abschnitte auf Frankfurter Gemarkung werden sicherlich noch etwas Zeit bis zur Umsetzung in Anspruch nehmen, auch weil sich der Umbau von komplexen Knotenpunkten im Stadtgebiet durchaus aufwendiger darstellt“, erklärt dazu das Frankfurter Verkehrsdezernat. Auch die Ausgestaltung des Teils der Strecke, die durch den Stadtwald führt, ist noch unklar.

Chefplaner Manfred Ockel zeigt sich gelassen. Er arbeite gemeinsam mit der Stadt Frankfurt an Lösungen und sei optimistisch, dass eine gefunden werde, sagt er in Egelsbach – und steigt, wie auch der Verkehrsminister, aufs Rad, um den fertigen Bauabschnitt zu eröffnen. (dpa)

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