Agentur für Arbeit
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Die Studie befragte vor allem Polizisten, Lehrern, Mitarbeitern der Agentur für Arbeit, der Jobcenter, des Justizvollzugs und Gerichtsvollziehern.

Öffentlicher Dienst

Hessens Beamte fühlen sich unsicher

  • Jutta Rippegather
    vonJutta Rippegather
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Eine neue Studie über Gewalt im öffentlichen Dienst offenbart den Bedarf an Schulung und mehr Rückendeckung. Denn oft nehmen Vorgesetzte das Problem nicht ernst, kritisieren Befragte.

Körperliche Gewalt, Bedrohungen, Beleidigungen: Für nicht wenige Mitarbeiter des öffentlichen Dienstes gehören solche Erfahrungen zum Alltag. Wie groß die Zahl der Betroffenen ist, bleibt unbekannt. Denn die am Mittwoch in Frankfurt vorgestellte neue Studie des Beamtenbunds (DBB) Hessen ist nicht repräsentativ. Doch sie zeigt, dass das Problem virulent ist, dass manche Beschäftigten stark darunter leiden und dass das Dunkelfeld groß ist.

DBB-Landesvorsitzender Heini Schmitt weist darauf hin, dass die wenigsten Fälle aktenkundig werden. Übergriffe gegen den öffentlichen Dienst würden in der Polizeistatistik nicht gesondert erfasst. Und bei ihren Vorgesetzten fänden die Opfer kaum Gehör. „Es fehlt an Empathie und Unterstützung.“ Aus Furcht vor einem Imageschaden – etwa für die Schule – würden Vorfälle bagatellisiert und unter den Tisch gekehrt. So könnten Täter nicht gestoppt werden: „Nur ein Strafmaß kann zu Verhaltensänderungen führen.“

Rund 45 000 Beschäftigte sind im DBB Hessen organisiert. Lediglich 2189 beteiligten sich an der zweimonatigen anonymen Online-Umfrage im Herbst. „Ein sehr bescheidener Rücklauf“, räumt Britta Bannenberg ein, Professorin für Kriminologie an der Gießener Uni, die mit ihrem Team die Studie erstellte. Auch seien nicht alle Berufsgruppen vertreten. Der Schwerpunkt liege bei Polizisten, Lehrern, Mitarbeitern der Agentur für Arbeit, der Jobcenter, des Justizvollzugs und Gerichtsvollziehern.

Die Ergebnisse

Die Polizeiist am stärkesten von Gewalt betroffen. Rund 40 Befragte fühlen sich vom Dienstherr nicht ausreichend geschützt. Die Hälfte der Straftaten kommt zur Anzeige. Die meisten Verfahren werden eingestellt.

Für Justizvollzugund Gerichtsvollzieher gehören Angriffe ebenfalls zum Alltag. Die meisten wurden im vergangenen Jahr beleidigt. Anspucken ist häufig.
Bei Lehrernliegt die Betroffenheit bei mehr als 80 Prozent. Täter sind überwiegend männliche Einzeltäter.

In den Arbeitsagenturen/Jobcenter denkt die Hälfte der Beschäfigten über einen Arbeitsplatzwechsel nach. Die Befragten wünschen sich mehr Unterstützung durch ihre Vorgesetzten, mehr Konquenzenzen bei Gewalt, eine psychologische Nachvsorge und konsequenten Strafverfolgung. 

Gleichwohl ließen die Ergebnisse aufhorchen. Auszubildende, so die Professorin, seien besonders stark Aggressoren ausgesetzt. Trotz der hohen Betroffenheit fühlten sich Polizeibeamte sicherer als Beschäftigte in Jobcentern oder Lehrer. Erklärbar sei dies damit, dass Polizisten darin trainiert seien, sich zu sichern. Anders die Situation bei Verwaltungsbeamten: Sie seien darin unerfahren. Der DBB bietet in diesem Jahr erstmals zwei Wochenendseminare an, in denen etwa selbstbewusstes Auftreten vermittelt wird.

Nicht selten, so Bannenberg, führten auch Sprachprobleme zu Missverständnissen, die in Aggressionen mündeten. Schmitt meint noch einen weiteren Grund zu kennen: „Ein muslimischer Mann lässt sich von einem Gerichtsvollzieher in seinem Haus nichts sagen.“

Schmitt nimmt die Studie zum Anlass, an den „Pakt zur Bekämpfung von Gewalt gegen Beschäftigte im öffentlichen Dienst“ zu erinnern, den der DBB im August 2018 mit den Fraktionen im Hessischen Landtag geschlossen hatte. Das neue Zahlenwerk ermögliche es, die Diskussion zu vertiefen. In einigen Bereichen sei es schon zu erkennbaren Verbesserungen gekommen. „Wir haben aber noch einen sehr langen Weg vor uns.“

Für den Parlamentarischen Geschäftsführer der SPD-Landtagsfraktion, Günter Rudolph, zeigt die Studie, dass seine Fraktion mit der Einschätzung der Lage seit Jahren richtig liegt. „Es zeigt sich deutlich, dass wir konkrete Maßnahmen zur Verbesserung der Situation brauchen.“ Nun müsse die Landesregierung Konsequenzen ziehen.

Für FDP-Fraktionschef René Rock belegt die Analyse die enormen Belastungen, unter denen Betroffene von Beleidigung und tätlicher Gewalt litten. „Erste Maßnahmen müssen Aufklärung und Schulung der Mitarbeiter im öffentlichen Dienst sein, aber auch die schnelle und konsequente Ahndung von Übergriffen.“

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