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Jens Scheller vor der wieder aufgebauten Gärtnerei aus Rechtenbach.

Interview

Hessenpark-Geschäftsführer spricht über Identität und Morddrohungen

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Hessenpark-Geschäftsführer Jens Scheller spricht im FR-Interview über hessische Identität, Klimaschutz und Morddrohungen via Internet.

Seit zehn Jahren ist Jens Scheller Geschäftsführer des Hessenparks. Aktuell ist er intensiv damit beschäftigt, einen neuen Pächter für die Gastronomie zu finden, nachdem der bisherige aus gesundheitlichen Gründen aufgeben musste. Aber auch ansonsten hat der 53-Jährige in dem Freilichtmuseum noch einiges vor.

Wenn es um den Hessenpark geht, denken viele Menschen in erster Linie an das Bewahren von Traditionen und ein Gefühl von „Heimat“. Wie viel können Sie selbst mit solchen Vorstellungen anfangen?
Ich bin fest davon überzeugt, dass der Erfolg, den wir als Museum in den vergangenen Jahren erzielt haben, gerade damit zu tun hat, dass wir nicht nur in den Rückspiegel gucken und den Menschen zeigen, wie es früher war. Wir wollen kein Fachwerkidyll präsentieren und die Sehnsucht nach der guten alten Zeit befriedigen, die es so nie gegeben hat. Uns geht es darum, immer wieder die Brücke zu schlagen in die Jetztzeit und aktuelle gesellschaftliche Diskurse aufzugreifen. Aus meiner Sicht sollte jeder für den Heimatbegriff seine eigene Definition finden. Das ist so ähnlich wie mit der lokalen oder regionalen Identität.

Hessenpark: Landemuseum für Alltagskultur

Gibt es denn eine hessische Identität?
Das ist ein spannendes Thema.Bei seiner Gründung hat der Hessenpark die Hausaufgabe ins Stammbuch geschrieben bekommen, zu einer hessischen Identität beizutragen. Ich selbst sehe das ambivalent. Unser Ziel ist es, aus der gewachsenen Vielfalt und Heterogenität des Landes Funken zu schlagen.

Sie haben den Posten des Hessenpark-Geschäftsführers einmal als „Traumjob“ bezeichnet. Nun sind Sie zehn Jahre im Amt. Haben sich Ihre Erwartungen erfüllt?
Ich bin Kulturgeograf und da gibt es natürlich unheimlich viele Bezüge zu unserem Landesmuseum für Alltagskultur. In dieser Hinsicht kann ich das mit dem Traumjob in jedem Fall bestätigen. Aber es gibt natürlich auch Aspekte, bei denen man Abstriche machen muss.

Welche?
Bei spröden Angelegenheiten wie Arbeitssicherheitskonzepten und anderen rechtlichen Vorgaben. Zum Beispiel standen wir vor der Frage, ob wir für Vorführungen in unserer Schreinerei aus Fulda eine Bandschleifmaschine aus den 1950er Jahren mit einer Absaugvorrichtung nachrüsten, damit sie den modernen Vorgaben genügt. Das hätte aber den Charakter der Maschine völlig verändert. Deshalb haben wir uns dagegen entschieden. Unsere Schreiner können zwar die Maschine noch anschalten, aber wir würden sie nicht mehr aktiv nutzen.

Jens Scheller (53) ist seit 2009 Geschäftsführer des Hessenparks.

Nach einer Ausbildung zum Bankkaufmann hat er Geographie und Kulturanthropologie in Frankfurt studiert. Er arbeitete als persönlicher Referent von Horst Burghardt (Grüne) zu dessen Zeit als Landtagsabgeordneter. Dann wechselte er als wissenschaftlicher Mitarbeiter an das Institut für Kulturgeographie, Stadt- und Regionalforschung.

Bis 2008 war Scheller Erster Beigeordneter im damaligen Planungsverband Frankfurt/Rhein-Main. 

Abgesehen von solchen bürokratischen Problemen waren Sie vor drei Jahren sogar mit Todesdrohungen konfrontiert, weil der Hessenpark Flüchtlingsgruppen freien Eintritt gewährt hatte. Wie blicken Sie heute darauf zurück – gerade nach den aktuellen Geschehnissen?
Für uns war das damals ein Lehrstück über den Mobilisierungseffekt in sozialen Medien, zumal die Regelung für die Geflüchteten längst in Kraft war, als das Thema im Februar 2016 aufkam. Wir waren zum Teil mit einer fünfstelligen Zahl von Posts konfrontiert. Und es war schon erschütternd, wie entgrenzt die Kritik teilweise geäußert wurde. So Sachen wie: Im Hessenpark gibt es ja hohe Bäume, an denen könnte man Sie aufhängen. Durchaus gegen mich persönlich gerichtet. Da wird einem schon etwas anders, weil man ja nicht einschätzen kann, wie ernst das zu nehmen ist.

Wie sind Sie damit umgegangen?
In 27 Fällen wurde Anklage erhoben. Leider musste ich erleben, dass davon lediglich ein Verfahren mit einem Urteil abgeschlossen wurde. Ein Rentner aus Rostock ist zu einem niedrigen vierstelligen Betrag verdonnert worden. Und dessen Äußerung war beileibe nicht die Schlimmste. Das gibt mir schon zu denken. Ich hoffe sehr, dass das lange Jahre unterbelichtete Thema Rechtsextremismus jetzt endlich ernster genommen wird.

Kommen wir zu den erfreulicheren Aspekten Ihrer Arbeit. Die Besucherzahlen des Hessenparks sind in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen. Wie wichtig sind Ihnen solche quantitativen Erfolge?
Es ist ein ganz wesentlicher Faktor, der zeigt, dass unser Weg bei denen Anklang findet, für die wir das Ganze machen. Das macht uns auch stolz. Wir sind ein unheimlich lebendiges Museum, das den Besuchern jeden Tag mindestens drei Vorführungen garantiert. Der betriebswirtschaftliche Erfolg trägt natürlich auch zur Gelassenheit in unseren Aufsichtsgremien bei. Das hilft uns bei ambitionierteren Projekten.

Hessenpark: Mitmachprojekt "Junges Gemüse"

Eines von diesen Projekten ist es, den Hessenpark in eine „Arche“ zu verwandeln. Dabei sorgen Sie für den Erhalt von Tieren und Pflanzen, die in der durchökonomisierten Hochleistungslandwirtschaft nicht mehr gefragt sind. Glauben Sie an eine Renaissance dieser Arten?

Wir sind ja selbst ein biozertifizierter Landwirtschaftsbetrieb und Bestandteil von bestimmten Zuchtprogrammen. Indem wir unserer Tiere an andere Züchter abgeben, leisten wir einen wichtigen Beitrag zur Nachzucht. Auch im Bereich der alten Saaten haben wir viel Nachfrage. Mit der Eröffnung unserer historischen Gärtnerei können wir diese Funktion auch im Bereich historischer Nutz- und Zierpflanzen nun viel besser erfüllen.

Wie zeigt sich das konkret?
Im Februar haben wir damit begonnen, Pflanzen für unsere eigenen Bauerngärten zu züchten. Beim Pflanzenmarkt haben wir aber auch bereits eine vierstellige Zahl von Setzlingen alter Tomatensorten an Besucher verkauft und damit für ihre Verbreitung gesorgt. Darüber hinaus nutzen wir die Gärtnerei für pädagogische Angebote. Grundschulklassen können sich dort beim Mitmachprojekt „Junges Gemüse“ die Finger schmutzig machen.

Auch der Klimaschutz spielt im Hessenpark eine Rolle. Mit einem Musterhaus wollen Sie zeigen, wie man Fachwerkgebäude möglichst energieeffizient sanieren kann. Welche Erkenntnisse haben Sie bislang gewonnen?
In diesem Musterhaus wollen wir Menschen an die Hand nehmen, die ein Fachwerkhaus geerbt haben oder sich vorstellen können, eines zu erwerben. Es gibt große Ängste im Umgang mit der historischen Bausubstanz, die wir nehmen wollen. Tatsächlich kann zum Beispiel bei der Wärmedämmung viel falsch gemacht werden. Mit einer umfassenden Schadensanamnese und fachlich versierten Handwerksbetrieben an der Seite kann auch ein Fachwerkhaus angemessen gedämmt werden.

Wann kann die Öffentlichkeit das fertige Haus besichtigen?
Ein festes Eröffnungsdatum kann ich Ihnen noch nicht nennen. Ich hoffe, dass wir in einem Jahr in das Gebäude hineingehen können.

Wie wollen Sie den Hessenpark in den nächsten zehn Jahren weiterentwickeln?
Das aktuell größte Bauprojekt ist die Erweiterung unseres Magazins, das am Ende rund 80 Meter lang sein wird. Damit bekommen wir optimale Lagerbedingungen für unsere Sammlung, die eine Viertelmillion Objekte aus allen Bereichen der Alltagskultur umfasst. Momentan befindet sich vieles davon in Außendepots. In dem Moment, wo wir alles zentral auf dem Museumsgelände haben, können wir die Objekte besser erforschen und Vermittlungsangebote entwickeln. Wir haben nun die Baugenehmigung. Ich hoffe, dass es in den nächsten Tagen losgehen kann.

Und sonst?
Insgesamt arbeiten wir im Hessenpark mit einem Mittelstrecken-Radarsystem. Unsere Planungen umfassen immer mehrere Jahre. So haben wir in der Baugruppe Rhein-Main ein sehr ambitioniertes Projekt begonnen, mit dem wir die 1970er Jahre ins Museum holen wollen, zum Beispiel mit einem charakteristischen Eckbungalow. Außerdem würden wir gerne eine historische Tankstelle im Museum wiederaufbauen. In den 1950er und 1960er Jahren gab es einen enormen Zuwachs an Kraftfahrzeugen. Das passt genau in unser Konzept für die Baugruppe Nordhessen mit dem Thema Aufbruch in die Moderne. Nach der Tankstelle suchen wir bereits seit drei Jahren. Wir haben auch bereits eine im Blick und hoffen, dass wir sie irgendwann zu uns holen können.

Sie sind Mitglied der Grünen, waren bis 2008 Erster Beigeordneter im heutigen Regionalverband Frankfurt/Rhein-Main. Welchen Einfluss hatten Ihre politischen Überzeugungen auf die Neuausrichtung des Hessenparks?
Meine Parteimitgliedschaft spielt für meine Tätigkeit als Museumsleiter keine Rolle. Für mich ist es wichtig, dass der Hessenpark ein Museum für alle ist. Themen wie Biodiversität, Ernährungskultur, Nachhaltigkeit passen zu unserem Anliegen, die Alltagskultur zu beleuchten. Ich wurde zu Zeiten einer schwarz-gelben Landesregierung berufen, habe die Aufgabe also trotz meines Parteibuchs und nicht wegen meines Parteibuchs bekommen.

Können Sie sich vorstellen, als Hessenpark-Geschäftsführer in Rente zu gehen oder würden Sie gerne noch einmal etwas ganz anderes machen?
In den vergangenen Jahren hatte ich einige Angebote, die mich ins Grübeln brachten. Momentan gibt es in dieser Hinsicht überhaupt keine Überlegungen, schließlich hat gerade erst mein neuer Fünf-Jahres-Vertrag begonnen. Das Schöne im Hessenpark ist, dass wir hier sehr umsetzungsorientiert arbeiten und man Projekte von A bis Z beim Gelingen begleiten kann. So konnte ich auch schon einige meiner persönlichen Lieblingsprojekte verwirklichen, wie eine Ausstellung mit Fotos von Barbara Klemm oder – wie in diesem Jahr – mit Karikaturen von Greser und Lenz.

Interview: Torsten Weigelt

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