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Iris von Stephanitz zeigt im Haus aus Eisemroth, wie Butter gemacht wird.

Neu-Anspach

Hessenpark-Führerin Frieda Sommer: Eine starke Frau

Iris von Stephanitz führt kostümiert als Frieda Sommer durch den Hessenpark und dreht die Zeit dabei um ein Jahrhundert zurück.

Fachwerkhäuser wie das 1802 erbaute, aus Eisemroth im Gladenbacher Land stammende, gibt es noch viele in Hessen – und doch ist das Gebäude, das Anfang der 1980er Jahre einem Straßenausbau weichen musste und heute im Hessenpark in Neu-Anspach im Hochtaunuskreis steht, etwas ganz Besonderes. Das liegt nicht an einer einzigartigen Architektur, kunstvollem Schnitzwerk oder berühmten Bewohnern, sondern an der Geschichte, die das Haus erzählen kann.

Und weil Häuser das in der Regel nicht selbst übernehmen können, macht das Museumsführerin Iris von Stephanitz, die in die Rolle der letzten Hausbesitzerin aus „Frieda Sommers Nähkästchen“ plaudert. Das macht sie charmant und mit viel Witz und Können, sie erklärt, wie viele Sprichwörter es allein rund um das Wort „Wurst“ gibt, was einst im Winter auf den Tisch kam oder wie man Wäsche mit selbstgemachter Lauge wusch.

Frieda Sommer, Jahrgang 1915 und hier geboren, hat noch erlebt, wie das Haus im Freilichtmuseum Hessenpark wiederaufgebaut wurde, sie konnte genau beschreiben, wie die einzelnen Räume eingerichtet waren und genutzt wurden.

Das Haus sieht heute so aus wie im Jahr 1928. „Man hat sogar die Vorhänge nach Frieda Sommers Angaben nachweben können“, berichtet von Stephanitz begeistert. Sohn und Schwiegertochter der letzten Eigentümerin kommen bis heute regelmäßig, um sich ihr altes Haus anzusehen.

Hühnerglück vor einem Haus aus Nieder-Gemünden im Vogelsberg.

Die Kunsthistorikerin, selbst 1971 geboren, hat akribisch in den Archiven die Geschichte des Sommer-Hauses erforscht, und sie weiß, wie Menschen hier vor 70, 100 oder 200 Jahren gelebt haben. Das erzählt sie bei ihren regelmäßigen Kostümführungen in historischen Kleidungsstücken, und sie führt das auch anschaulich vor. „In diesem Haus gab es 1928 schon elektrischen Strom und fließendes Wasser, allerdings nur kaltes. Schulklassen suchen oft das Badezimmer und staunen dann, wenn ich ihnen erkläre, dass es nur eine Waschschüssel gibt und einmal in der Woche gebadet wird – zuerst der Großvater und zuletzt die Kinder.“

Diese Alltagsgeschichten sind höchst spannend und vor allem für Kinder eine faszinierende, fremde, vielleicht auch märchenhafte Welt. Dabei besteht aber keine Gefahr, dass die erfahrene Museumsführerin die „gute alte Zeit“ verklärt. Allein schon die schweren Krankheiten vieler Hausbewohner machen nachdenklich.

Auch Frieda Sommers Alltag war nicht einfach. Früh starb die Mutter, und sie musste sich um ihre drei jüngeren Geschwister kümmern. Im Zweiten Weltkrieg fiel der Ehemann, sie blieb mit dem Sohn und einer unverheirateten Tante allein, musste kochen, backen, einkochen, die Familie hatte einen Garten, hielt Hühner, Schweine und Kühe, die zweimal täglich gemolken werden mussten. Von Stephanitz alias Sommer führt auch in den Schweinestall in einem anderen Haus, sie zeigt, wie sie mit einer kleinen Zentrifuge im Handbetrieb aus Sahne Butter schleudert. Nur alle 14 Tage wurde gebacken, das Brot in einer Truhe gelagert.

„Wenn ich wüsste, dass ich einen Rückfahrschein hätte, würde ich schon gern mal eine Woche lang eine Zeitreise unternehmen“, sagt von Stephanitz. Am meisten hätte sie selbst neben der modernen Medizin wohl Waschmaschine, Kühlschrank und Staubsauger vermisst, sagt sie. „Das erleichtert uns heute den Alltag schon sehr!“

Rund eine Stunde dauert die Kostümführung mit von Stephanitz, doch im Hessenpark gibt es für die Besucher noch viel mehr zu erleben. 110 Häuser aus allen Regionen des Landes sind dort inzwischen wiederaufgebaut, und noch einmal so viele warten, in Einzelteile zerlegt, darauf, vom Leben in früheren Zeiten zu berichten – wenn ihnen eine so kundige Führerin wie Iris von Stephanitz eine Stimme leiht, dann können auch sie sicher viel erzählen.

Verlosung

Die FR verlost eine Kostümführung mit „Frieda Sommer“. Am 31. Juli wird die Bewohnerin des Hessenparks aus ihrem reichen Erfahrungsschatz unter anderem erklären, wie die Wurst eigentlich ohne Kühlschrank frisch bleibt oder Brot vier Wochen lang haltbar gemacht werden kann. Die urige Hausfrau nimmt Sie mit auf eine Zeitreise in die ländliche Küche, das Backhaus und den Haushalt vor 100 Jahren. Für die Teilnehmer gibt es am Ende der Führung kleine Kostproben. Wer einer der 2 x 15 Personen sein möchte, die eine exklusive Führung bekommen, registriert sich bis 25. Juli, 10 Uhr, unter https://fr.de/gewinnspiel mit dem Losungswort „Frieda Sommer“. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Nur Gewinner werden informiert. 

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