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Ein Auszubildender setzt ein Werkzeug in eine Fräsmaschine ein.

Ausbildung

Hessen will Berufsbegleitung für Hauptschüler nicht zahlen

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Das erfolgreiche Projekt der Berufseinstiegsbegleitung steht in Frankfurt und vielen anderen Orten in Hessen vor dem Aus. Denn das Land will die Kosten nicht übernehmen.

Seit mehr als zehn Jahren stehen Berufseinstiegsbegleiter Jugendlichen auf dem Weg in eine Ausbildung zur Seite. Das Projekt kommt vor allem Hauptschülerinnen und -schülern zugute, die sonst kaum eine Chance auf einen Lehrvertrag hätten. Jetzt wird es eingestellt, weil das Land die Kosten dafür nicht tragen will.

„Alle Schulen wünschen sich, dass es weitergeht“, sagt Hannes Dankel. Der 42-Jährige koordiniert seit zwei Jahren für das Bildungswerk der hessischen Wirtschaft den Einsatz der Berufeinstiegsbegleiter in Frankfurt. An acht Schulen waren die Helfer bisher, inzwischen ist deren Zahl auf fünf abgeschmolzen, statt zwölf Vollzeitstellen hat Dankel nur noch sieben zur Verfügung. Seit absehbar ist, dass das Projekt endet, werden die Einsätze stetig zurückgefahren.

Das liegt vor allem daran, dass die Begleitung der Schülerinnen und Schüler langfristig angelegt ist. Sie beginnt in der achten Klasse und dauert dann in der Regel zweieinhalb Jahre. In dieser Zeit treffen sich Schüler und Einstiegsbegleiter jede Woche mindestens einmal, besprechen Berufswünsche, besuchen gemeinsam Ausbildungsmessen, trainieren Bewerbungsgespräche, und die Helfer stehen den Jugendlichen auch bei, wenn diese die ersten eigenen Schritte in die Berufswelt gehen. Bereits in diesem Schuljahr seien keine neuen Schülerinnen und Schüler aufgenommen worden, sagt Dankel – weil klar sei, dass diese nicht mehr bis zu ihrem Ausbildungsbeginn begleitet werden könnten.

Das Projekt

In den Schuljahren 2014/2015 bis 2018/2019 hat das Bundesarbeitsministerium ingesamt rund eine Milliarde Euro für die Berufseinstiegsbegleitung zur Verfügung gestellt. Gut die Hälfte der Mittel stammt aus dem Europäischen Sozialfonds.

Damit können Maßnahmen der Berufseinstiegsbegleitung an bundesweit rund 2550 Schulen mit insgesamt rund 115 000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern finanziert werden.

Hessenweit haben schon rund 1400 Schülerinnen und Schüler an 140 allgemeinbildenden Schulen von der Berufseinstiegsbegleitung profitiert.

Das Projekt ist Teil der Initiative Bildungsketten, das die duale Ausbildung stärken und junge Menschen in den Beruf bringen soll. Dazu gehören auch die assistierte Ausbildung und andere ausbildungsbegleitende Hilfen. pgh

Finanziert wurde das Projekt bislang vom Bund und aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds. Nun fallen die Bundesmittel weg, und das Land müsste einspringen. Das tut es aber nicht. Sozialminister Kai Klose (Grüne) verkündete Mitte dieser Woche im Sozialpolitischen Ausschuss des Landtags das erwartete Aus für die Berufseinstiegsbegleitung. Die für Berufsbildung zuständige Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion, Manuela Strube, hatte bereits im Juni vergangenen Jahres nach der Zukunft des Projekts gefragt. Das Kultusministerium begründete vor gut einer Woche den Ausstieg mit der zu geringen „personellen Kontinuität“. Da das Projekt jährlich ausgeschrieben werde, wechselten die Betreuerinnen und Betreuer zu häufig. Deshalb könnten diese nicht das für eine erfolgreiche Arbeit nötige persönliche Vertrauensverhältnis zu den Jugendlichen aufbauen.

Kristin Schmidt ist Berufseinstiegsbegleiterin. Die gelernte Friseurmeisterin hat früher selbst Praktikanten und Auszubildende in ihrem Betrieb beschäftigt und betreut heute insgesamt 27 Jugendliche an der Hostatoschule. Drei Tage in der Woche ist sie dort, mit vielen ihrer Ehemaligen hat sie noch immer telefonisch oder per E-Mail Kontakt. „Man lernt sich in der Zeit recht gut kennen“, erzählt sie. Auch mit den Eltern ist sie regelmäßig im Gespräch. „Nur wenn alle mithelfen, können wir Erfolg haben“, sagt sie.

Es gibt die Berufseinstiegsbegleitung in Alsfeld ebenso wie in Gießen, Hanau, Hofheim oder Offenbach – noch. „In dem Umfang, wie wir das machen, und von dieser Qualität gibt es dafür keinen Ersatz“, ist Koordinator Dankel überzeugt.

„Wir bedauern das Aus sehr“, sagt auch Sabine Fischer, Leiterin der Walter-Kolb-Schule in Frankfurt-Unterliederbach. „Das Projekt ist wirklich eine sehr gute Sache.“ An ihrer Schule nehmen noch zehn Schüler daran teil, zuvor waren es zwanzig. Immerhin jeder Dritte habe so eine Ausbildung gefunden, berichtet Fischer.

SPD-Frau Strube wirft der Landesregierung vor, nicht genug für eine Fortsetzung getan zu haben. Zehn Jahre lang habe man das Projekt gerne gesehen, nun, da ein Teil der Förderung auslaufe, werde es plötzlich als ungeeignet verworfen. Anscheinend, so Strube, habe es nie ein ernsthaftes Interesse an einer Fortführung gegeben.

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