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Hessen: „Verzicht auf Sitzenbleiben ist ein Fehler“

  • Peter Hanack
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Hessens Berufsschullehrer sehen den pädagogischen Erfolg gefährdet und beklagen eine mangelnde Ausbildungsreife vieler Jugendlichen. Das Versäumte sei kaum noch aufzuholen.

Zu den zahlreichen Maßnahmen im Umgang mit der Corona-Krise gehört in Hessen, dass kein Schüler und keine Schülerin das Schuljahr wiederholen muss. Sitzen bleiben kann man nur freiwillig. Das soll verhindern, dass den Kindern und Jugendlichen aufgrund des ausgefallenen Unterrichts ein Nachteil entsteht. Der Gesamtverband der Berufsschullehrer (GLB) hält das für eine Fehlentscheidung.

„Wir müssen nicht mehr zur Schule. Wir bekommen den Hauptschulabschluss ja sowieso.“ Solche Äußerungen müssten sich die Lehrkräfte in jüngster Zeit häufiger anhören, heißt es in einem Schreiben des Verbands an Kultusminister Alexander Lorz (CDU).

Nur wenige Schülerinnen und Schüler sowie deren Erziehungsberechtigte ließen sich trotz mangelhafter Leistungen überzeugen, dass die Wiederholung des Schuljahres sinnvoll sei, so der GLB. „Wir sehen die Gefahr, dass sich Schülerinnen und Schüler mit einem nur auf dem Papier erreichten Hauptschulabschluss in den Betrieben um eine Ausbildung bewerben“, heißt es weiter. In einigen Bereichen fehlten den Jugendlichen das zweite Praktikum und das zweite Schulhalbjahr. Viele seien weder ausbildungsreif noch entsprächen ihre Leistungen dem notwendigen Niveau eines Hauptschulabschlusses.

„Geschenkter“ Abschluss

An den Berufsschulen gibt es verschiedene Schulformen, etwa die zweijährige Berufsfachschule, die Berufsfachschule zum Übergang in Ausbildung sowie Bildungsgänge zur Berufsvorbereitung. Gerade in diesen Bereichen könne der Verzicht auf die Wiederholung einer Klasse besonders schwerwiegende Auswirkungen haben.

Die entstandenen Lücken könnten bei einem Großteil der Schüler weder in einer anschließenden Ausbildung noch während eines folgenden Schuljahres aufgeholt werden. Der Unterricht wäre dann ein reines „Lückenstopfen“ oder ein „gnadenloses Zurücklassen“ der Jugendlichen.

Ein „geschenkter“ Schulabschluss sei gerade für jene Jugendlichen ein falsches Signal, die ohnehin nur über eine geringe Lernbereitschaft verfügten. Die wenigsten seien daher in der Lage, das Versäumte selbstständig nachzuholen. Hinzu komme, dass in einigen Schulformen auch die Abschlussprüfungen wegen der Corona-Krise entfielen, erläutert der Verband.

In normalen Jahren wiederholen rund 2,4 Prozent eines Jahrgangs das Schuljahr. In Hessen sind das rund 18 000 Schülerinnen und Schüler. Vor allem am Ende der Schullaufbahn häufen sich üblicherweise die Wiederholungen.

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