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Noch sieht im Wald bei Hanau alles frisch und grün aus.

Naturschutz

Trockenes Frühlingswetter kann für Hessens Wälder zum Alptraum werden

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Weil das Klima ihren Fortbestand gefährdet, produzieren Bäume mehr Nachkommen. Das schwächt sie zusätzlich.

Die Bäume in Hessens Wäldern haben Klimastress. Und sie haben eine Taktik entwickelt, wie sie mit der Gefahr umgehen: Sie setzen auf Vermehrung. Die Bäume blühen viel häufiger als noch vor 20 Jahren. Ein Phänomen, das die Experten von Hessen Forst auch in diesem Frühjahr wieder beobachten. Mit gemischten Gefühlen: Die Entwicklung großer Samenmengen kostet Kraft. Das schwächt die Bäume zusätzlich. Umgekehrt eröffnet sich dadurch die Chance, dass sich auf entwaldeten Flächen von Natur aus wieder kleine Bäumchen entwickeln.

Für Michael Gerst, Leiter des Landesbetriebs Hessen Forst, ist der Trend zur natürlichen Verjüngung eine Reaktion auf das veränderte Klima. Bis in den vergangenen Herbst hinein war es extrem warm, Eiche, Fichte und Co hätten unter enormem Trockenstress gelitten. „Die Bäume registrieren, wenn ihr Leben in Gefahr ist. Um den Fortbestand ihrer Art zu sichern, bilden sie viele Blütenknospen aus, damit aus vielen Samen viele Nachkommen entstehen können.“ Ein Kraftakt, da sie doch nach der Dürre des vergangenen Jahres noch geschwächt seien.

Wer sich von der Baumblüte ein Bild machen will, sollte beim Waldspaziergang genau hinsehen. Nicht alle stechen sofort ins Auge: „Während Arten wie Vogelkirsche und Spitzahorn vor dem Austrieb junger Blätter auffallend weiß oder grellgrün blühen, nimmt man die Blüten von Eiche und Buche kaum wahr“, sagt Gerst.

Bei den Nadelbäumen sei die Lärche mit ihren roten Blüten besonders prächtig. Wohingegen Fichtenblüten oft unerkannt blieben, weil sie lediglich große Mengen gelben Blütenstaubs liefern. Der sei dann verantwortlich für die gelbe Staubschicht auf Autos und an Fenstern – und nicht der Raps, sagt Gerst und räumt mit einem Missverständnis auf, das sich hartnäckig hält. „Tatsächlich sind Rapspollen so schwer, dass sie der Wind nicht weit verweht.“ Die Pollen der Fichte hingegen seien so leicht, dass sie sich von den blühenden Baumkronen in der ganzen Landschaft verteilen. Und dann auch auf Autos landen.

Förster reagieren auf Taktik der Bäume

Die hessischen Förster haben auf die Taktik der Bäume reagiert. Vielerorts verzichten sie darauf, freie Flächen zu bepflanzen. Aktiv werden sie lediglich dort, wo die Naturverjüngung ausbleibt, nicht dicht genug ist und wo die nachkommenden Baumarten mit Blick auf den Klimawandel keine Zukunft haben. Denn den Forst von heute wird es in 100 Jahren nicht mehr geben: „Bei der Wiederbewaldung achten wir darauf, dass wir Baumarten etablieren oder fördern, die gut zu den Bodenverhältnissen passen und mit steigenden Temperaturen und weniger Niederschlag auskommen“, sagt Gerst.

Auch setzt die Behörde jetzt auf Mischbestände. „Wenn verschiedene Baumarten nebeneinander vorkommen und eine ausfällt, entsteht noch lange keine Freifläche.“ Roteiche, Esskastanie und Walnuss – das sind Beispiele für Arten, die mit Hitze und Dürre besser klar kommen als unserer heimischen. Bei den Nadelbäumen zeichnet sich die Douglasie als klimarobust ab. Sie stammt aus Nordamerika und wird schon seit einigen Jahrzehnten in Hessens Wälder eingemischt.

Platz für Neupflanzungen gibt es in Hessens Wäldern mehr als genug. Sturm „Friederike“ hat Anfang vergangenen Jahres vor allem in Nordhessen große Lücken gerissen. Andernorts machen sich Borkenkäfer über die Bäume her oder Pilze wie die Rußrindenkrankheit, die bestandsbedrohende Ausmaße annehmen kann. Aufgetreten ist der Pilz unter anderem in Bad Nauheim, Frankfurt, Groß-Gerau und Darmstadt.

Auch dies ist Folge des trockenen und heißen Sommers 2018. Und die Chancen auf eine Erholung für den Wald in diesem Jahr sind nicht besonders hoch. „Trockenheit macht erneut Probleme“, meldete der Deutsche Wetterdienst am Mittwoch. Die Hoffnungen der Landwirte und Förster auf viel Regen im Winter und Frühjahr hätten sich nicht erfüllt. Es sehe nicht danach aus, dass das „beträchtliche Niederschlagsdefizit“ des vergangenen Jahres durch ausreichenden Regen ausgeglichen werden konnte, damit die Natur sich von der „teils drastischen Dürresituation“ wieder hat erholen können.

Der Dezember und Januar seien noch relativ normale Monate gewesen, sagt Agrarmeteorologe Hans Helmut Schmitt der Frankfurter Rundschau auf Anfrage. „Danach wurde es ziemlich trocken.“ Es könnte demnach noch schlimmer werden als im vergangenen Jahr. Da war es zumindest bis in den März hinein ordentlich nass. Schon jetzt fehlten ein Drittel der notwendigen Niederschlagsmengen, um die Reserven in der Erde wieder aufzufüllen. „Das ist eine volle Monatsmenge.“

Für die kommenden Tage hat der Deutsche Wetterdienst für die gesamte Republik Regen angekündigt. Vor allem im Westen und Südwesten komme es bis Montag zu „schauerartig verstärkten Niederschlägen“. Von Entwarnung für den Wald ist nicht die Rede und auch der Chef von Hessen Forst sieht keinen Anlass dazu: „Wir müssen leider in diesem Sommer mit weiteren nennenswerten Schäden rechnen“, sagt Gerst. „Das traumhafte, warme und trockene Frühlingswetter könnte für den Wald zum Alptraum werden.“

Brandgefahr

Hessens Umweltministerium hat bereits kurz vor Ostern die erste Warnung herausgegeben. Überwiegend wird die Waldbrandgefahr als mittel eingestuft, in Südhessen sogar als hoch. In diesem Jahr ist es in Hessen bislang zu etwa zehn Waldbränden mit einer Schadfläche von rund 3,5 Hektar gekommen. 

Vertrocknetes Reisig und Laub sowie Gras des Vorjahres auf den Waldböden stellt ein potenziell leicht brennbares Material dar. Regional kommen noch Restholz und Reisig aus den zurückliegenden Sturmschäden hinzu. 

Im vergangenen Jahr hatte es mindestens 130 Waldbrände gegeben. In den vergangenen Tagen brannte es unter anderem in Waldstücken in Hanau, Frankfurt-Schwanheim, Breuberg im Odenwaldkreis und Schlüchtern im Main-Kinzig-Kreis. 

Auslöser können achtlos aus dem Fahrzeugfenster geworfene Zigarettenkippen sein sowie liegengelassenen Flaschen und Glasscherben. Feuer darf nur an offiziellen Grillplätzen entfacht werden. Dabei ist darauf zu achten, dass kein Funkenflug entsteht und das Feuer richtig gelöscht wird. Rauchen im Wald ist grundsätzlich verboten. 

In Thüringen haben Helfer am Mittwoch ihren seit Tagen andauernden Kampf gegen einen größeren Waldbrand an einem unzugänglichen Steilhang fortgesetzt. Wind facht das zwischenzeitlich gelöschte Feuer immer wieder an. In Teilen Ost- und Norddeutschlands herrscht die höchste Gefahrenstufe. In Hamburg löschte die Feuerwehr am Dienstagabend ein Feuer in einem schwer zugänglichen Naturschutzgebiet. 

Der Präsident des Deutschen Feuerwehrverbandes forderte mindestens zehn weitere Löschhubschrauber. „Im Schnitt braucht jedes Flächenbundesland einen Hubschrauber.“ Derzeit forderten die Wehren Hubschrauber bei Bundeswehr oder Bundespolizei an. Da komme es immer wieder vor, dass keine Maschinen verfügbar seien. Wichtig seien zudem mit Feuerwehrfahrzeugen befahrbare Waldbrandschneisen und Löschteiche. (jur/afp)

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