Der ruhige Schein trügt: Der Edersee in Nordhessen ist bundesweit beliebt und derzeit trotz niedriger Wasserstände gern besucht.
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Der ruhige Schein trügt: Der Edersee in Nordhessen ist bundesweit beliebt und derzeit trotz niedriger Wasserstände gern besucht.

Urlaub in Hessen

Tourismus an der frischen Luft steht hoch im Kurs

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  • Oliver Teutsch
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Campingplätze und Ferienwohnungen im Grünen sind gefragt, Hotels und Museen nicht. Edersee, Rhön und Spessart profitieren.

Noch nie war frische Luft so angesagt wie in diesem Sommer. Das bekommt auch der Tourismus in Hessen zu spüren, wie Folke Mühlhölzer, der Chef der Hessen-Agentur zu berichten weiß: „Die Leute trauen sich nicht rein.“ Daher leiden unter der Corona-Krise vor allem Betriebe, die wenig unter freiem Himmel anzubieten haben: Hotels und Restaurants ohne große Außengastronomie. Die aktuelle Lage sei „dramatisch, der Tourismuswirtschaft geht es wirklich schlecht“, so Mühlhölzer. Dabei sind nach Einschätzung des Tourismusexperten aktuell sogar mehr Touristen in Hessen unterwegs als im vergleichbaren Vorjahreszeitraum. Doch zum einen können damit die Verluste der Monate April, Mai und Juni nicht aufgefangen werden und zum anderen profitieren von dem Ansturm vor allem Campingplätze und die Anbieter von Ferienwohnungen. Viele Familien wollten weitgehend unter sich bleiben, um die Ansteckungsgefahr zu minimieren.

Hessen ist im Bereich von Ferienwohnungen allerdings nicht besonders üppig ausgestattet. Den gut 2350 Hotels, Gasthäusern und Pensionen stehen nur 467 offiziell gemeldete Ferienwohnungen gegenüber. Daher verwundert es nicht, wenn Mühlhölzer vermeldet, die Kapazität der Ferienwohnungen in Hessen sei weitgehend ausgelastet. Ähnlich sieht es bei den Campingplätzen aus, vor allem bei jenen, die an einem See liegen. Ganz vorne dabei ist der Edersee. In einer bundesweiten Umfrage landete der Edersee unter den beliebtesten deutschen Seen auf Platz zwölf, noch vor dem Titisee im Schwarzwald.

Ebenfalls hoch im Kurs stehen laut Rückmeldungen an die Hessen-Agentur die Destinationen Rhön und Spessart. Wenig bis gar nicht gefragt sind Städte, allen voran Wiesbaden und Frankfurt, die sonst sehr von Tagestourismus profitieren. „Die Leute gehen ganz bewusst an die frische Luft und in die Fläche“, so Mühlhölzer.

Thomas Feda, Leiter der Frankfurter Tourismus- und Kongress GmbH will aber nicht jammern, sondern lieber Optimismus verbreiten: „Ich schaue nach vorne.“ So gebe es etwa für das vierte Quartal schon wieder Anfragen für Kongresse. Da Frankfurt nicht über ein nennenswertes Angebot an Ferienwohnungen verfüge, sei die Auslastung der geöffneten Hotels teilweise sogar ganz gut. Allerdings haben 40 bis 50 Prozent der Hotels in Frankfurt laut Feda noch gar nicht wieder geöffnet, nämlich jene Betriebe, die vor allem auf Geschäftsreisende und Messegäste setzen. In Frankfurt fehlen auch die sonst zahlreichen Gäste aus Übersee, allen voran aus den USA, China und Japan. Immerhin seien schon wieder Schweizer, Italiener und Spanier unter den Touristen. Noch nicht wieder gesichtet wurden Busreisende. Längere Busreisen werden nicht nur gescheut, sondern teilweise auch gar nicht angeboten. Da aktuell nur 15 von 50 Plätzen in Reisebussen belegt werden dürften, lohne das Geschäft für viele Unternehmer gar nicht, so Feda.

Die ausbleibenden Busreisenden wirken sich auch auf die Führungen etwa in der neuen Altstadt aus. „Gruppenbuchungen fehlen, nur die öffentlichen Führungen, die spontan gebucht werden können, sind teilweise ausgebucht“, so Feda. Ganz schlecht hingegen sehe es mit Museumsbesuchen aus, obwohl 40 Museen in der Stadt geöffnet seien. „Wir bieten alles, was der Städtetourist haben will“, betont Feda. Für manchen Tagestouristen sei das Angebot allerdings weniger lukrativ, räumt Feda ein. Shopping mit Maske sei für viele nicht verlockend und Feste, die Menschen anlocken, fehlen auch.

Tagestouristen gibt es derzeit vor allem dort, wo die Ausflügler den Besuch einer Stadt noch mit einem Ausflug oder einer Radtour kombinieren können. So berichtet Roger Merk von der Vogelsberg-Touristik, dass es etwa in Lauterbach oder Schotten durchaus Tagestouristen gebe. „Viele Wanderungen und Radtouren starten dort“, so Merk. Denn ein großer Profiteur des Corona-Sommers sind Mühlhölzer von der Hessen-Agentur zufolge die E-Bike-Händler. „Wir haben in Hessen einen Biker-Boom ohnegleichen.“ Das Problem für die Tourismusindustrie: Radfahrer sind keine klassischen Mehrtagestouristen. Viele machen Tagestouren und kehren dann wieder in die heimischen vier Wände zurück. Denn dort fühlen sich dieser Tage die meisten Menschen noch sicherer als an der frischen Luft.

Nationalpark Kellerwald-Edersee - Ausgebucht

Baden, tauchen, Wasserski fahren, segeln, wandern, Rad fahren: Der Nationalpark Kellerwald-Edersee, Unesco-Weltnaturerbe im nordhessischen Kreis Waldeck-Frankenberg, ist derzeit so gut wie ausgebucht. Ferienwohnungen sind keine mehr zu haben. Entspannung erwartet man erst mit dem Ende der Sommerferien im benachbarten Nordrhein-Westfalen. „Wir sind zurzeit sehr zufrieden und nahe an der Komplettauslastung“, sagt Claus Günther, Geschäftsführer der Eder-see Touristic GmbH, auf Anfrage. Ihr sind rund 160 Übernachtungsbetriebe rund um den See angeschlossen. Er registriert in diesem Corona-Sommer besonders viele Fahrradtouristen, die es in das heimische Gefilde zieht. Darunter viele Tagesgäste. „Die Menschen fühlen sich offenbar sicher und wohl auf ihren Fahrrädern, E-Bikes und Pedelecs. Das hat deutlich zugenommen.“ Auch die insgesamt zwölf Camping- und Wohnmobilstellplätze am See seien teils bereits bis Ende Oktober ausgebucht. Zentrale Frage bei der zwischen 1908 und 1914 erbauten, 400 Meter langen und fast 50 Meter hohen Talsperre ist stets die des Wasserstands.

Zwar ist der 27 Kilometer lange Edersee mit einem Stauvolumen von 200 Millionen Kubikmetern der drittgrößte Stausee in Deutschland, doch die Trockenheit in diesem wie in den vorangegangenen Jahren hat auch ihn schrumpfen lassen. Erst im vergangenen Jahr hatte die Tourismusbranche rund um den See um ihre Existenz gebangt, weil mangels Wasserstand Gäste ausgeblieben waren. Laut Günther liegt die Füllmenge des Sees im Moment bei 38 Prozent. Die Talsperre dient nicht nur zur Stromerzeugung, sondern auch zur Regulierung der Schiffbarkeit der Weser. Deshalb wird immer wieder Wasser abgelassen. „Es sind aber nach wie vor alle Formen des Wassersports bei uns möglich“, versichert der Tourismusmanager. Eine Attraktion ist allerdings auch immer wieder, wenn bei ganz niedrigem Wasserstand die Überreste des beim Befüllen der Talsperre 1914 untergegangenen Dorfs Berich zum Vorschein kommen.

Infos

Fast jede Region in Hessen hat ihre eigene Website. Einen guten Überblick über das touristische Angebot bietet www.hessen-tourismus.de Dort finden sich Informationen zu Städten und Regionen in Hessen von der Bergstraße bis zum Westerwald und von der „Grimmheimat Nordhessen“ bis zum Rheingau. Auf den jeweiligen Unterseiten finden sich die Internetadressen der einzelnen Regionen für weitergehende Informationen. ote

Odenwald - Die Touristen sind zurück

Wirklich leer ist es im Odenwald auch in den vergangenen Monaten nicht gewesen, trotz oder vielleicht auch wegen der Corona-Pandemie. „Wir haben gemerkt, dass die Anfragen etwa nach Wanderkarten oder Ähnlichem extrem nach oben gegangen sind“, berichtet Mareike Müller, Pressereferentin des seit 1960 bestehenden Geo-Naturparks Bergstraße-Odenwald. „Die Leute wollen raus, aber sie suchen Plätze, die nicht so überlaufen sind.“ Es muss ja nicht immer das Felsenmeer sein – Müller empfiehlt beispielsweise das Fischbachtal mit seinen stillen Rundwanderwegen oder den gerade erst neu eröffneten, knapp sechs Kilometer langen meditativen Hirschpfad, der in Neunkirchen beginnt und endet. Tagesausflügler gab es also auch im März, April und Mai, doch auch die Touristen, die länger hätten bleiben wollen, mussten abends wieder nach Hause fahren. Die Buchungs- und Übernachtungszahlen in diesen Monaten brachen fast komplett weg, wie Kornelia Horn sagt, Geschäftsführerin des Odenwald-Tourismus in Michelstadt.

Nur einige Monteure und Geschäftsreisende kamen noch. Die Zahlen sind erschütternd. Im März übernachteten etwa halb so viele Gäste wie im Vorjahr, im April waren es gerade einmal zehn Prozent, im Mai 20 Prozent. Mitte Mai durften die Hotels wieder öffnen. Seither geht es steil bergauf, wie Horn melden kann. Im Juni waren die Zahlen bereits wieder bei 80 Prozent, im Juli bei 100, und auch für den August werden wieder mindestens so viele Übernachtungsgäste erwartet wie vor einem Jahr – Tendenz steigend. Aktuell werde sehr kurzfristig gebucht, vor allem aus dem Inland. Die Urlauber haben dabei vor allem Interesse an längerfristigen Aufenthalten. Nach Horns Beobachtung kommen die Gäste überwiegend aus dem nahen Rhein-Main- und Rhein-Neckar-Gebiet. Einen regelrechten Ansturm melden laut Horn die Campingplätze der Region.

Bei einigen sei das Buchungsaufkommen so hoch, dass sie die Saison bereits bis November verlängerten. Wohnmobilstellplätze melden sogar Überlastungen. Überdurchschnittlich hohe Besucherzahlen verzeichnen zurzeit auch Freizeiteinrichtungen unter freiem Himmel, etwa der Eulbacher Park, der Bergtierpark Fürth oder die Sommerrodelbahn in Wald-Michelbach. Die Krise der Tourismuswirtschaft sei aber trotz des erfolgreichen Neustarts noch nicht überwunden, sagt Horn.

Vogelsberg - Stille Wanderwege

Der ruhige Vogelsberg ist derzeit bei Touristen besonders beliebt. „Wir haben Wanderwege, da treffen sie zwei Stunden niemanden, das hat uns in die Karten gespielt“, freut sich Roger Merk, der Geschäftsführer der Vogelsberg-Touristik. Ab Mitte Mai habe es in der Region deutlich mehr Anfragen gegeben als sonst üblich, „bestimmt das Fünffache“, so Merk.

Wie auch in anderen hessischen Regionen sind vor allem Campingplätze begehrt, etwa am Niddastausee oder auch am Nieder-Mooser See bei Freiensteinau. „Die Campingplätze sind fast zu“, sagt Merk, weil die vor allem für Familien sehr interessant seien. Die offiziell gemeldeten 300 Ferienwohnungen und Ferienhäuser im Vogelsberg seien etwa so stark nachgefragt wie in den Vorjahren, nur bei Hotels sei die Entwicklung nicht so positiv.

In Städten ist wenig los, wie hier in Büdingen.

Die vielen Anfragen gehen zu einem Großteil auf Tagesausflügler zurück. Hinsichtlich dieses Segments spricht Merk von einem „recht positiven Erwachen“. Die Menschen kommen aus Hessen, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen zum Wandern, Radfahren und Baden. In manchen Bereichen sei es vor allem an Wochenenden „fast schon zu viel des Guten“, da müsse bereits über Sperrungen nachgedacht werden. Etwa auf dem Hoherodskopf oder aber auch am Niddastausee, der verkehrsgünstig direkt an der Bundesstraße Richtung Schotten liegt. Ausflüglern, die dort erst am Sonntagnachmittag ankommen, kann es passieren, keinen Parkplatz mehr auf dem schon sehr üppig bemessenen Gelände zu bekommen.

Unter dem Strich, befürchtet Merk, bleibe die Sommersaison 2020 ein Minusgeschäft. „Der Ansturm jetzt wird das schwache Frühjahr nicht aufwiegen können, der ein oder andere Betrieb wird die Krise nicht überleben“, prophezeit er.

Spessart - Beliebte Radwege

Gut gefüllte Wanderparkplätze und zahlreiche Anfragen für Karten mit Wanderwegen und Radtouren gibt es zurzeit. „Der Tourismus im hessischen Spessart boomt“, sagt Yannik Seyerlein von der Spessart Tourismus und Marketing GmbH. Seyerlein wundert es nicht, dass viele Wanderbegeisterte in den Spessart reisen, dafür sei die Region schließlich bekannt. Seine Empfehlung: der 90 Kilometer lange Wanderweg „Spessartbogen“, der sich von Langenselbold aus bis nach Schlüchtern durch den hessischen Spessart schlängelt. Ein „kurzes Eintauchen in der Natur“ gelingt laut Seyerlein auch schon auf kürzeren Wegen, wie zum Beispiel den „Spessartspuren“. Im Laufe der Saison sollen zu den aktuell acht größeren und vielen kleineren Wanderwegen noch weitere hinzukommen. „Wir merken auf jeden Fall, dass diese Naturthemen Wandern und Radfahren sehr viel gesucht werden“, berichtet stellvertretende Geschäftsführerin Franziska Weber.

Ausflugsziele in der freien Natur locken viele an, wie Burg Lindenfels im Odenwald.

Aktuelle Zahlen, die das belegen, gebe es zwar noch keine, doch laut Weber sprechen die Aufrufe der Internetseite der Spessart Tourismus und Marketing eine eindeutige Sprache. „Natürlich sind die Aufenthalte im Freien sehr beliebt, weil die Abstandsregeln gut eingehalten werden können“, erklärt Weber. „Schwieriger ist alles, das drinnen oder in Gruppen stattfindet, zum Beispiel Führungen. Die laufen jetzt aber auch langsam wieder an.“ Die Einbußen in der Touristik durch die Corona-Pandemie gehen aber auch an der Tourismusbranche im Spessart nicht spurlos vorbei. Besonders dramatisch ist die Situation für die Hotels in der Region, sagt Alana van Heek, die bei Spessart Tourismus in engem Austausch mit Hotelbesitzern steht. Seit dem 15. Mai, als die Einrichtungen wieder öffnen durften, steigen die Buchungszahlen zwar wieder. Aber vor allem geschäftliche Tagungen seien stark zurückgegangen. Viele Hotels überlegten sich nun spezielle Angebote für Privattouristen. Anders sehe es bei Ferienwohnungen aus. Diese würden viel häufiger gebucht. „Die Leute fühlen sich da sicherer“, sagt van Heek. Die meisten Besucher sind aber weiterhin Tagestouristen aus dem Rhein-Main-Gebiet. Sie sind es auch, die die Parkplätze füllen. „Auswüchse wie an der Ostsee hatten wir bis jetzt aber nicht“, so van Heek.

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