Besuchsstopp wegen der Corona-Pandemie.
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Besuchsstopp wegen der Corona-Pandemie.

Kliniken

Hessen: Tochter darf ihren todkranken Vater nicht sehen

  • Jutta Rippegather
    vonJutta Rippegather
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Während der Vater um sein Leben ringt, besteht die Klinik auf das Besuchsverbot. Könnte die Corona-App eine Lösung sein?

Am Wochenende hielt es Carola G. nicht mehr aus: „Seit Dienstag ist mein Vater auf der Intensivstation. Ich wurde seitdem kein einziges Mal angerufen“, sagt sie. Ihr Vater lag im künstlichen Koma, schwebt in Lebensgefahr. Sie ist sicher: „Es wäre bestimmt hilfreich für seinen Genesungsprozess, wenn er meine Stimme hören würde.“

Doch die Klinik, deren Name sie zum Schutz ihres Vaters nicht nennen mag, verweigere ihr den Besuch. Der, habe man ihr gesagt, sei lediglich bei Palliativpatienten zulässig. „Da mein Vater aber nicht am Sterben ist, sondern nur im Koma und in Lebensgefahr, darf ich erst am 5. Juli kommen.“ Das sei unmenschlich. Und inkonsequent: „Meine Tochter soll demnächst wieder täglich zum Normalunterricht in die Schule, aber ich darf meinem Vater nicht die Hand halten in seinem Kampf ums Überleben?“

Am 5. Juli sollte das Besuchsverbot eigentlich enden, das nicht alleine für Krankenhäuser besteht, sondern auch für Vorsorge-, Rehabilitations- und Dialyseeinrichtungen oder Tageskliniken gilt. Doch am 10. Juni hat die Landesregierung die Verordnung bis zum 16. August verlängert. Anders als bei den Alten- und Pflegeheimen konnten die Verantwortlichen sich bislang nicht auf eine Lockerung einigen.

Es ist eine schwierige Situation für alle Beteiligten: Die Betreiber der Kliniken wollen Patienten und Personal vor einer möglichen Covid-19-Infektion schützen und die Mitarbeiter vor Konflikten mit Angehörigen bewahren. Etwa wenn sie feste Besuchszeiten kontrollieren müssten oder das eigentlich unmögliche Einhalten der Abstandregeln in einem Zweibettzimmer mit zwei Besuchern. Umgekehrt setzen Angehörige alle Hebel in Bewegung, um ans Krankenbett zu kommen. Auch Carola G. konnte dank Vitamin B dann doch einmal ihren Vater besuchen. Der lag zu der Zeit noch im Koma. „Jetzt hat er die Augen offen, doch wir können ihn nicht sehen.“ Am Montag voriger Woche hatte sie ihn ohnmächtig in seiner Wohnung gefunden. Seitdem habe sie noch nicht mit ihm sprechen können.

Schutzschilde für Ärzte und Pfleger.  

Der Präsident der Hessischen Krankenhausgesellschaft, Christian Höftberger, weiß um das Problem. Doch der Ruf nach regelmäßigen Tests für Mitarbeiter passe nicht zusammen mit einem Ende des Besuchsverbots. Noch suche man nach einer Lösung. „Vielleicht, dass man als Besucher die Corona-Warn-App zeigen muss.“ Möglicherweise finde sich ja auch ein anderes „elektronisches Hilfsmittel“.

Die Warn-App als Eintrittskarte ins Krankenhaus? Für Hessens Sozialminister Kai Klose (Grüne) schwer vorstellbar: „Ein wesentlicher Bestandteil der App ist die Freiwilligkeit.“ Eine entsprechende Verordnung sei deshalb indiskutabel. Doch jedes Krankenhaus habe sein Hausrecht, im Rahmen dessen es dies zur Bedingung machen könne. Dafür könne er sich eine Unterstützung des Landes durchaus vorstellen.

Die App, meint Carola G., sei doch auch keine Lösung. Der Stand sie nie aktuell und nicht jeder im Besitz eines Smartphones. Besser findet sie die Idee, die Besucher mit einer Schutzausrüstung auszustatten, damit sie niemanden infizieren. „Ich wäre auch bereit, dafür zu zahlen.“ Ihr Vater ringe mit dem Leben, ihre Geduld und die ihrer Familie sei am Ende. „Wir werden jetzt wohl einen Anwalt einschalten.“

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