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Politik

Hessen streitet: Lehrermangel oder nicht?

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Kultusminister Lorz steigert die Stellenzahl auf 54.700. Wie viele davon tatsächlich besetzt sind, vermag er aber nicht zu sagen.

Noch bevor am Montag in Hessen die Schule beginnt, hat der politische Streit darüber begonnen, ob es Lehrermangel und Unterrichtsausfall gibt oder nicht. Kultusminister Alexander Lorz (CDU) versicherte am Donnerstag in Wiesbaden: „Schon vor einem Jahr konnten wir die Unterrichtsabdeckung gewährleisten und das können wir auch jetzt.“ Der Minister betonte: „Nein, wir haben keine Krise. Wir haben eine angespannte Situation.“

Der SPD-Bildungspolitiker Christoph Degen hingegen stellte fest, es gebe „leider wieder verstärkt Lehrermangel“. Die Lage werde „wohl dramatisch“ werden. Die Linken-Abgeordnete Elisabeth urteilte, Schönfärberei sei die „Paradedisziplin des hessischen Kultusministers“. Zu einem ähnlichen Ergebnis kam Moritz Promny (FDP): „Es ist tragisch zu sehen, wie der Kultusminister versucht, Lehrermangel und Unterrichtsausfall schönzureden.“

Problem in weiten Teilen Deutschlands

Auch Minister Lorz sieht eine dramatische Situation bei der Lehrerversorgung – allerdings nicht in Hessen, sondern in Berlin, Brandenburg und anderen Bundesländern. Dort unterrichte „teilweise eine dramatische Quote von Quereinsteigerinnen und Quereinsteigern“, also nicht ausgebildeten Lehrkräften, sagte er. Das sei in Hessen aber nicht der Fall.

Sozialdemokrat Degen widersprach und nannte das Beispiel einer Schule mit elf Lehrkräften, von denen nur sechs für das entsprechende Lehramt ausgebildet seien. Auch in Hessen unterrichteten nicht nur in diesem Fall „Personen mit zum Teil fragwürdiger Qualifikation“.

Politik streitet über Stellen

Für das Schuljahr 2019/20 hat das Kultusministerium 54 700 Stellen an den 1810 Schulen vorgesehen, ein Plus von 600. Die Zahl der Schülerinnen und Schüler bleibt mit knapp 760 000 fast unverändert.

Wie viele von den Stellen tatsächlich besetzt werden, vermochte Lorz nicht zu sagen. Dies lasse sich erst Ende September angeben, wenn alle Klassen feststünden. Bis dahin soll sich klären, welche Schüler wirklich erscheinen oder sich möglicherweise auch an einer anderen Schule angemeldet haben, welche Schüler weggezogen oder zusätzlich hergezogen sind.

Ein Elterntelefon des Kultusministeriums und der Staatlichen Schulämter steht für Fragen im Zusammenhang mit der Schule zur Verfügung. Es ist ab Montag, 12. August, zwei Wochen lang jeweils von 9 bis 16 Uhr besetzt.

Die zentrale Rufnummer im Ministerium lautet 0611-36 86 00.

Staatliche Schulämter in Rhein-Main sind zu ebenfalls zu erreichen:

Frankfurt: 069-38 98 91 28

Offenbach: 069-80 05 30

Hanau: 06181-90 620

Darmstadt: 06151-36 82 500

Wiesbaden: 0611-88 03 490

Rüsselsheim (für den Main-Taunus-Kreis und den Landkreis Groß-Gerau): 06142-55 00 404

Friedberg (für den Hochtaunuskreis und die Wetterau): 06031-18 86 00  

Es werde jedenfalls keinen „etatmäßigen Unterrichtsausfall“ geben, formulierte Lorz. Dagegen könne es Engpässe geben, wenn Lehrkräfte krank würden, in Elternzeit gingen oder Klassenfahrten unternähmen. So hatte der Minister auf eine Anfrage von Oppositionspolitiker Degen mitgeteilt, dass von 302 Stellen in der mobilen Vertretungsreserve weniger als 140 besetzt seien.

Mehr als 50.000 Lehrerstellen

Für den Grundunterricht an den Schulen wären nach Angaben des Ministers 38 100 Stellen ausreichend. Zusätzliche 11 315 Stellen stünden bereit, um Ganztagsangebote, Inklusion, sozialpädagogische Förderung und Deutschunterricht für Zuwanderer gewährleisten zu können. Die Gesamtzahl von 54 700 Stellen ergibt sich, weil auch Deputate für Schulleiter angerechnet werden oder für Lehrer, die ans Ministerium oder andere Stellen abgeordnet werden.

Lorz hob hervor, dass die Zahl der zusätzlichen Lehrerstellen für Ganztagsangebote innerhalb von sechs Jahren auf fast 3300 verdoppelt worden seien. Nach Degens Auffassung reichen die Anstrengungen nicht aus. Jede vierte Schule in Hessen biete keinerlei Angebote, Kinder auch nachmittags zu betreuen und zu fördern.

Neue Studienplätze

Um den Lehrermangel perspektivisch zu bekämpfen, dringt die Landesregierung auf eine stärkere Lehrerausbildung. Im Wintersemester kämen an den Unis in Frankfurt, Gießen und Kassel 135 Studienplätze für das Grundschullehramt hinzu, kündigte Lorz an. Weitere 30 Studienplätze für das Lehramt an Förderschulen würden in Gießen eingerichtet.

Ditib ist kein Partner mehr

Für einige muslimische Siebtklässler steht ab Montag ein neues Fach im Lehrplan. Sie werden in alleiniger Verantwortung des Landes in Islamkunde unterrichtet, statt wie bisher Islamunterricht nach dem Bekenntnis der Ditib-Moscheegemeinden zu erhalten. Das betrifft jene 144 Schülerinnen und Schüler, die bis in die sechste Klasse den von Ditib mitgetragenen Islamunterricht erhalten haben und nun in die siebte Klasse kommen, für die es keine Vereinbarung mit Ditib gibt.

Islam als Schulfach

Lorz prüft derzeit, ob der umstrittene Moscheenverband weiterhin die Kriterien als Religionsgemeinschaft erfüllt, um als Partner dienen zu können. Eine Entscheidung soll bis Jahresende fallen.

Eine andere Neuerung erwähnte Minister Lorz nicht, dafür aber sein grüner Koalitionspartner. Jetzt beginne die Ausschreibung für „pädagogisch selbstständige Schulen“. Dreißig solcher Schulen soll ab 2020/21 erlaubt werden, neue Wege in der Unterrichtsgestaltung zu erproben. Sie können dabei auf Ziffernnoten verzichten und sie durch schriftliche Bewertungen ersetzen, was in Teilen der CDU für Missfallen sorgt. Darüber hinaus dürften diese Schulen fächerübergreifend unterrichten oder Schülerinnen und Schüler stärker in den Unterricht einbeziehen, schilderte der Grüne Daniel May.

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