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Andreas Mohr lockt die Vögel mit ihrem Lockruf, den er über den kleinen Lautsprecher abspielt.

Tierschutz

Retter des Rebhuhns in der Wetterau

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Rund hundert Jagdpächter haben sich in der Wetterau zu einem Hegering zusammengeschlossen, der die Feldvögel verwöhnt und vor ihren Feinden schützt.

Andreas Mohr hält einen kleinen Lautsprecher in die Höhe: „Kireck, Kireck.“ Es folgt eine Art Stöhnen. Mohr blickt sich ruhig um und drückt noch mal auf sein Handy. „Kireck, Kireck“, kommt es aus der Klangattrappe, Wieder keine Antwort auf den Lockruf aus der Konserve.

„Verhören von Rebhühnern“ nennt sich die Zählmethode, mit der Mohr und andere Jagdpächter in Hessen derzeit beschäftigt sind. Ein lustiger Ausdruck mit einem ernsten Hintergrund. In der ausgeräumten Agrarlandschaft ist der taubengroße Vogel selten geworden. Er findet kaum mehr Deckung und Futter. Denn Ackerunkräuter und samentragende Pflanzen sind so gut wie verschwunden. Zwischen 2009 und 2017 ging die Population bundesweit um 44 Prozent zurück.

Höchste Zeit, den Abwärtstrend zu stoppen. Das ist dem vollbärtigen 56-Jährigen und seinen Mitstreitern im Rebhuhnhegering Wetterau gelungen – unter anderem mit finanzieller Unterstützung des Landes. 2015 haben sie eine Biodiversitätsgruppe gegründet. Hundert Jagdpächter sind mittlerweile dabei. Von Marburg bis Bad Vilbel. Auch der Main-Kinzig-Kreis und der Vogelsberg machen mit. Das Engagement zeigt Erfolg. Die Besätze haben sich inzwischen stabilisiert, es ist sogar ein leichter Anstieg zu verzeichnen. Wie ihnen das gelungen ist, demonstrieren der Büdinger und seine Mitstreiter den Besuchern am Beispiel von Büdingens 750 Hektar großem Jagdrevier bei Reichelsheim. Sie sprechen von einem „bundesweiten Vorzeigeprojekt“. Es ist kurz vor Sonnenuntergang und es bläst ein bitterkalter Wind.

Intensive Landwirtschaft ist der größte Feind des Perdix perdix.

Zweihundertzwanzig Rebhühner hat der 56-Jährige dort im vergangenen Herbst gezählt. Damit sie sich in diesem Frühjahr weiter prächtig vermehren, werden sie von ihm verwöhnt. Mohr greift in einen Eimer mit Kraftfuttergemisch und zählt auf, aus was es besteht: Weizen, Mais, Erbsen, Raps, Leinsaat. Fünfunddreißig solcher Eimer füllt er alle vier Tage nach. Nicht nur das Rebhuhn stärkt sich hier. Auch Mäuse, Grauammern und andere Feldvögel schlagen sich die Bäuche voll. Im Frühjahr, sagt er, lege er unter einen Stein noch Kandiszucker, um Ameisen anzulocken. Deren Eier sind ein willkommener Eiweißlieferant für die Küken.

Normalerweise hält sich das Rebhuhn auf dem freien Feld auf. Doch zum Brüten benötigt es die breiten Ausgleichsflächen zwischen den Feldern in Reichelsheim, in denen Hirse, Wegwarte. Malven oder die wilde Möhre Deckung bieten und zugleich Nahrung. Alle zwei Jahre sät der Jagdpächter die Pflanzenmischung neu. Die von den Landwirten vermehrt angelegten Blühstreifen hülfen dem Rebhuhn nur bedingt weiter, sagt Mohr. Nach der Ernte sind sie verschwunden, so wie die Getreidekörner, die so schnell untergepflügt werden wie die Stoppelfelder. Daran lasse sich nun mal nichts ändern, die Preispolitik zwinge die Landwirte, möglichst effektiv zu arbeiten.

Futternothilfe, Lebensraumgestaltung, hinzu kommt eine dritte Zutat für den „Rebhuhntrank“, wie der Hegering sein Konzept getauft hat. „Prädatorenmanagement“ heißt der technische Ausdruck, was nichts anderes bedeutet, als die Feinde des Rebhuhns mit Fallen zu bejagen. Im Büdinger Revier sind das vor allem Füchse, Waschbären und Marder. Weil sich auch der geschützte Feldhamster hier wohlfühlt, kann Mohr eine Ausnahmegenehmigung von der Schonzeit beantragen. Davon profitierten auch Hase und Eisvogel, sagt er.

Zeit für die nächste Runde Verhören. „Kireck, Kireck.“ Wieder bleibt die erhoffte Antwort aus. Was ist eigentlich so faszinierend an dem Rebhuhn? Sohn Max Mohr fällt sofort die Szene ein, wenn ein Hahn mit seinen 300 Gramm Lebendgewicht das Nest verteidigt und dabei hoch- und runterflattert. „Das ist der Inbegriff der Ritterlichkeit.“ Der Senior betont, dass auch alle anderen Feldarten von den Aktivitäten des Hegerings profitierten. „Das Rebhuhn ist die komplizierteste und sensibelste Feldart.“ Für die beiden ist es nicht beunruhigend, dass kein Vogel auf den Ruf aus der Klangattrappe reagiert. Erst gestern haben sie Exemplare gesichtet. Und: Das Rebhuhn, sagen sie, sei scheu und unberechenbar. Selbst jetzt zur Balzzeit. An einem Tag antwortet es, an einem anderen hat es keine Lust. Auch lässt sich mit dem Verhören lediglich herausfinden, ob es überhaupt Exemplare gibt. Ihre genaue Zahl findet jeder Pächter durch eigene Beobachtung heraus.

Die Sonne hat sich verabschiedet, der Wind pfeift immer kälter. Es ist fast dunkel. Und dann werden die Wartenden doch noch belohnt. Ein Paar schlägt sich an einem Futtereimer die Bäuche voll. Max Mohr wundert sich nicht. Es ist genau die Zeit, wenn die Fressfeinde des Tages schon schlafen und die der Nacht noch nicht unterwegs sind. Die beiden sind mit ihrem graubraunem Rücken und rostrotem Kopf gut getarnt und selbst durch das Fernglas schwer zu erkennen, aber sie sind da. Und dann ist ein weiterer Vogel auf dem Feld links zu hören, der wohl noch auf der Suche nach einer Partnerin ist: „Kireck, Kireck.“

Alles zum Rebhuhn

Seit Beginn des Ackerbaus ist Perdix perdix in Europa heimisch. Die Intensivierung der Landwirtschaft ist sein größter Feind. Seit den 1980er Jahren ist der Bestand europaweit um 93 Prozent gesunken.

In Hessen ist er seit 2016 ganzjährig geschont. Wohingegen bis in die 1970er Jahre hinein pro Jahr bis zu 100 000 Tiere erlegt wurden.

Die Landesregierung hat im vergangenen Jahr eine neues Schutzprogramm für Rebhuhn, Feldlerche und Feldhamster aufgelegt. Dazu gehört auch das Projekt in der Wetterau.

Der Vogel ist taubengroß, das Gewicht liegt zwischen 300 und 450 Gramm. Der Bauch weist oft einen dunkelblauen Fleck auf. Rücken und Flügeldecken sind graubraun.

Als Feldhuhn meidet es Wald und verbringt selbst die Nacht in Deckung am Boden des Feldes. Es braucht große Feldschläge, unkrautreiche Wegränder, Brachen, niedriges Gebüsch und mag trockenes und warmes Klima.

Die Nahrung besteht aus Knospen, Trieben, Samen von Getreide und Unkraut, Insekten und anderem Kleingetier. Die Küken benötigen 95 Prozent tierisches Eiweiß und ernähren sich hauptsächlich von Ameiseneiern und Insekten.

Die Paare bilden sich im zeitigen Frühjahr, sie sind monogam. Die Eiablage erfolgt Ende April, Anfang Mai in einem Nest in einer Bodenmulde. Das Gelege von acht bis 24 olivfarbenen Eiern wird von der Henne bebrütet. Der Hahn hält Wache. Nach 24 bis 26 Tagen schlüpfen die ersten Küken.

Der Nachwuchs unternimmt schon nach 14 Tagen die ersten kurzen Flüge. Begleitet wird er von Hahn wie Henne. Die Familie bleibt bis zur Balzzeit im Vorfrühling zusammen. Die Lebenserwartung liegt in freier Wildbahn bei zwei bis drei Jahren, im Gehege bei sechs bis sieben Jahren.

Gefahren sind nasskaltes Wetter, Pflanzenschutzmittel, Fuchs, Dachs, Marder, Greifvogel, streunende Hunde, Katzen, Marder und Waschbär. jur

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