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Leben in den Bäumen.
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Leben in den Bäumen.

Waldbesetzung

Protest im Danneröder Forst geht weiter

  • Jutta Rippegather
    vonJutta Rippegather
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Der Widerstand gegen den Ausbau der A49 lebt. Es gibt Besetzungen, Dutzende Ermittlungen – auch gegen Polizisten. Zwei Leute sitzen seit Wochen in U-Haft.

Es war am 9. Dezember: Nach rund vier Wochen Einsatz im Dannenröder Forst zog die Polizei eine vorläufige Bilanz. Die Strategie der Deeskalation sei aufgegangen. „Die Polizei konnte das Recht in der heiklen Rodungsphase sicher durchsetzen und dabei die freie Meinungsäußerung, die Versammlungsfreiheit und die freie Berichterstattung gewährleisten.“ Nicht immer sei der Protest friedlich geblieben. „Wir mussten beispielsweise miterleben, wie Fäkalien und Steine auf Einsatzkräfte geworfen wurden und Pyrotechnik auf die Kolleginnen und Kollegen gerichtet gezündet wurde. Darüber hinaus wurden Einsatzkräfte mittels Zwillen beschossen, was eine erhebliche Gefährdung darstellte.“ Es gebe Hunderte Ermittlungsverfahren, unter anderem wegen des Verdachts der versuchten Tötung von Polizeibeamt:innen, wegen Landfriedensbruchs, Beleidigung sowie Nötigung.

Trotz aller Bemühungen sei nicht immer alles rund gelaufen, räumte die Polizei ein. Das sei aber kein Grund für Pauschalisierungen: „Polizistinnen und Polizisten sind auch nur Menschen, die Fehler machen können.“ So ermittle etwa die Staatsanwaltschaft Gießen nach dem Durchtrennen eines Seils und des Sturzes einer Aktivistin von einem Tripod wegen des Verdachtes der fahrlässigen Körperverletzung gegen einen Beamten.

Vor mehr als vier Wochen fiel der letzte Baum für die Schneise, auf die die Befürworter:innen des Ausbaus der A49 seit Jahrzehnten warten. Sie soll die Wege vom Vogelsberg in die Städte verkürzen, das Pendeln erleichtern, das Ansiedeln von Wirtschaftsunternehmen fördern. Sämtliche Klagen gegen die Naturzerstörung wurden abgelehnt. Darauf wies Hessens Verkehrsminister Tarek Al-Wazir (Grüne) gebetsmühlenhaft hin, weil ihn die Widerständler immer wieder aufforderten, die Rodungsarbeiten zu stoppen.

Eine Zwickmühle für den Politiker, der aus Koalitionsräson zuschaute, wie vor seiner Haustüre ein Vorhaben durchgezogen wurde, das die hessischen Grünen seit Jahrzehnten bekämpfen. Al-Wazir erntete dafür nicht nur Kritik von den Aktivist:innen, sondern auch von Parteifreund:innen, vor allem in und rund um Homberg/Ohm, zu dem Dannenrod als Ortsteil gehört.

Ein landwirtschaftlich geprägtes Dorf, das im November 2020 bundesweite Berühmtheit erlangte. Je näher der Rodungstermin rückte, desto mehr junge Leute strömten in den Forst, um die imposanten Bäume zu schützen. Rund ein Dutzend Dörfer entstanden in luftiger Höhe. Bei der Räumung ihrer „Barrios“ verschanzten sie sich dort oben und begaben sich in große Gefahr. Eine heikle Mission für die Polizist:innen, die sie einzeln mit Hilfe eines Hubwagens herunterholten.

Das Polizeipräsidium Mittelhessen bearbeitet nach eigenen Angaben derzeit „eine einstellige Anzahl an Strafanzeigen“ gegen Kolleg:innen. „Darunter auch die wegen des Verdachts der fahrlässigen Körperverletzung wegen des Durchtrennens sowie des Heruntertretens von Seilen, welche in der Folge möglicherweise zu Abstürzen von zwei Ausbaugegnern führten.“ Eine davon ist die Frau, die schwerste Rückenverletzungen erlitt. Laut Staatsanwaltschaft Gießen befinden sich aktuell noch zwei Personen in U-Haft, weil sie ihre Personalien nicht angeben wollen und deshalb Fluchtgefahr besteht. Darunter die Besetzerin, die einen Polizisten mit Tritten daran habe hindern wollen, sie von einem Baum herunterzuholen. Es gebe auch Ermittlungen gegen Polizisten wegen sexueller Belästigungen, der oder die Geschädigte habe sich aber nie gemeldet.

Rund ein Dutzend Verfahren seien bereits abgeschlossen. Erster Fall war eine 28 Jahre alte Britin, gegen die Mitte Oktober ein Strafbefehl über 200 Euro erlassen wurde. Die Frau hatte sich mit Tritten gewehrt, als Polizisten sie wegtrugen. „Das ist Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte und versuchte Körperverletzung“, sagt der stellvertretende Sprecher der Gießener Staatsanwaltschaft, Rouven Spieler. Hinzu kommen zehn Ermittlungen gegen die Leute, die sich aus Protest von Autobahnbrücken in Rhein-Main abgeseilt hatten. Für sie ist Frankfurt zuständig: „Es geht um den Vorwurf der Nötigung. Keiner der Beschuldigten befindet sich mehr in Haft“, informiert Oberstaatsanwältin Nadja Niesen.

Die Barrios sind Vergangenheit. Der Protest nicht. Der Polizei sind aktuell vier Camps im Zusammenhang mit dem Weiterbau der A49 bekannt. „Die zahlenmäßige Zusammensetzung der Camp-Bewohnerinnen und –Bewohner ist an den jeweiligen Tagen unterschiedlich hoch.“ In der vergangenen Woche erst wurde ein besetzter Teil der Trasse im südlichen Herrenwald geräumt.

Die Küche für alle, die Küfa, sorgt weiter für die Verpflegung der Aktivist:innen in Dannenrod. In einem coronabedingt geschlossenen Gasthaus finden Kurse statt, ist Onlinestudieren möglich. Für den Sommer ist unter anderem ein Klima-Camp geplant. Beteiligt an den Planungen sind auch die sogenannten Dannieltern. Die Mütter und Väter von Aktivist:innen haben ihre Kinder begleitet und ihre Erlebnisse in Texten verarbeitet. Die Frankfurter Rundschau veröffentlicht auf der folgenden Seite Auszüge.

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