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Alkoholkontrollen auf Autobahnraststätten

Lkw-Kontrollen

Jeder sechste Trucker hat Alkohol im Blut

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Die Polizei hat in Hessen rund 1200 Lkw-Fahrer kontrolliert. Fast 80 von ihnen wurde die Weiterfahrt wegen Alkoholkonsums verboten.

Es war die erste Großaktion dieser Art in Hessen, und die Bilanz war ernüchternd: Jeder sechste kontrollierte Lastwagenfahrer war alkoholisiert. Zahlen, die ein Schlaglicht auf die Arbeitssituation der Trucker werfen. Vor allem die Ausländer unter ihnen verbringen oft das ganze Wochenende auf der Raststätte. Nicht selten ganz allein.

250 Polizisten haben am Sonntagabend in ganz Hessen Lastwagenfahrer auf ihre Fahrtüchtigkeit überprüft. Sie klopften an die Türen der stehenden Fahrzeuge und baten um einen freiwilligen Atem-Alkoholtest. „Die Kooperationsbereitschaft war sehr hoch“, sagte Jörg Reinemer, Sprecher des Polizeipräsidiums Mittelhessen, am Montag. Dort liefen die Fäden zusammen.

Das Ergebnis zeigte, dass solche Kontrollen bitter notwendig sind: Mit 190 der insgesamt rund 1200 kontrollierten Fahrer hatte jeder sechste Alkohol im Blut. Bei 79 lag der Wert über der 0,5-Promille-Grenze.

Lag der Wert nur geringfügig über dem erlaubten, durften die Betroffenen nach einiger Wartezeit weiterfahren. Etliche Fahrer hatten jedoch einen Wert von weit mehr als einem Promille. Deren Lastwagen bekamen Parkkrallen angelegt, oder sie mussten ihre Schlüssel und Papiere abgeben. Am Montag durften sie die bei der jeweils zuständigen Autobahnpolizei wieder abholen.

Ausgehändigt bekamen sie die Papiere unter der Bedingung, dass sie dort einen weiteren Alkoholtest bestanden. Den Führerschein verlor keiner von ihnen, denn sie waren ja noch nicht losgefahren. „Es gab keine Strafanzeige“, sagt der Polizeisprecher. Die Aktion konzentrierte sich auf die Autobahnraststätten. Sie begann um 18 Uhr und endete gegen Mitternacht.

Alkoholkontrollen auf Autobahnraststätte

Sie sollte ein Warnschuss sein. „Es ging um Prävention.“ Gegen 22 Uhr endet das Sonntagsfahrverbot, das viele Fahrer erfahrungsgemäß dafür nutzen, die gesetzliche Wochenruhezeit zu absolvieren. Sie setzen sich dann wieder hinters Steuer und fahren los. Ziel der Kontrollen war, dies bei jenen zu verhindern, die unter dem Einfluss berauschender Mittel standen. Nach Angaben des Polizeisprechers wurden die Trucker auch auf Drogen getestet. „Bei allen war das Ergebnis negativ.“ Mit vielen Fahrern habe man sich mit Händen und Füßen verständig müssen, da der Großteil der Kontrollierten der deutschen Sprache nicht mächtig ist.

Das lasse sich leicht erklären, meint Willi Schnieders, Bundesvorsitzender der Kraftfahrergewerkschaft. „Die Fahrer aus Deutschland sind am Wochenende zu Hause.“ Wer weiter weg wohnt, etwa in Osteuropa, sei gezwungen, seine Pause auf der Raststätte zu verbringen. „Die fahren vorher noch zum Discounter, um sich mit Essen und vor allem Alkohol einzudecken“, sagt Schnieders. „Und dann wird das ganze Wochenende getrunken. Unter der Woche natürlich auch.“ Man könne ja nicht die ganze Zeit mit Kartoffelschälen und Laptop-Spielen verbringen. Und nicht immer finde sich ein Landsmann zum Reden.

Staat kontra Lobbyisten

Schnieders befürwortet die Kontrollen und strengere Regeln. „Der deutsche Gesetzgeber ist sehr freigiebig.“ Die Politik traue sich nicht, die Gegenwehr der Lobbyisten zu brechen. Offiziell zum Beispiel dürfen Fahrer in der EU ihre wöchentliche Pause von mindestens 45 Stunden am Stück nicht in der Fahrzeugkabine verbringen. De facto ist das Wohnen im Truck gang und gäbe: „Die kochen und waschen in der Auflage“, sagt der Bundesvorsitzende.

Die Arbeitssituation werde immer schlechter: Lastwagenfahrer müssten oft beim Ausladen der Rampen der Discounter mitanpacken. „Das wird immer dreister.“ Das müssten sich die Verbraucher bewusst machen, wenn sie mitten im Winter Erdbeeren oder Spargel essen wollen. „Das sehen sie nicht. Sie wollen immer nur billig, billig.“

Angesichts des Stresses und der Verantwortung sei die Entlohnung nicht angemessen, sagt Schnieders. Die Monatsgehälter reichten von 800 Euro brutto für in Rumänien angestellte Trucker, die oft wochenlang nicht ihre Heimat sehen, bis maximal 2600 Euro für Mitarbeiter deutscher Speditionen. All dies führe dazu, dass immer weniger Frauen und Männer den Beruf ergreifen. Fahrer seien ein seltenes Gut. Folge des Mangels: „30 Prozent der Fahrzeuge in Deutschland werden nicht bewegt.“

Der Speditions- und Logistikverband Hessen/Rheinland-Pfalz verweist auf eine Sicherheitskampagne, die er im vergangenen August zusammen mit dem ADAC ins Leben rief. Zu den darin genannten „zehn Selbstverpflichtungen“ gehört unter anderem, während der Fahrt auf das Telefonieren, Kaffeekochen oder Alkoholtrinken zu verzichten.

Die Realität ist eine andere. Immer stoße die Polizei auf Fahrer, die unter dem Einfluss berauschender Mittel stehen, vor allem unter Alkoholeinfluss, sagt Polizeisprecher Reinemer. Sie stellten ein erhebliches Risiko für die Verkehrssicherheit dar und gefährdeten ihre eigene Gesundheit und ihr Leben sowie das aller anderen Verkehrsteilnehmer. „Das sind tickende Zeitbomben.“

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