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In Darmstadt ist das Verkehrsaufkommen mit den Corona-Kontaktbeschränkungen gesunken.

Mobilität

„Spannend ist, wie viel Verkehr in Hessen übrig bleibt“

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Der Mobilitätsforscher Volker Blees spricht über die positiven Auswirkungen von Homeoffice und Radfahren für die Hessen.

Die Autobahnen im Rhein-Main-Gebiet sind nahezu staufrei. In den Städten sind mehr und mehr Radfahrer und Fußgänger unterwegs. Mobilitätsforscher Volker Blees misst diese Veränderungen und extrahiert Daten, die helfen können, die Mobilität der Zukunft zu gestalten.

Wie spannend sind diese Tage für Sie als Mobilitätsforscher?

Für mich ist es eine hochspannende Zeit. Als Verkehrsforscher sind wir eigentlich angewandte Sozialforscher. Verkehr ist eine Form sozialen Verhaltens, und wir untersuchen, wie sich Menschen unter speziellen Bedingungen verhalten. Die spannendste Frage für mich ist, wie viel Verkehr eigentlich übrig bleibt, wenn zum Beispiel Fahrten zum Sport oder ins Restaurant wegfallen.

Volker Blees ist Professor für Verkehrswesen im Fachbereich Architektur und Bauingenieurwesen an der Hochschule Rhein-Main in Wiesbaden.

Sie analysieren die Entwicklung des Verkehrs seit dem 9. März. Auf welche Daten greifen Sie dabei zurück?

Es sind Daten von zehn Straßenkreuzungen in Darmstadt. An vielen Ampeln erfassen Induktionsschleifen den Verkehr. Die Stadt stellt – meines Wissens als einzige in Deutschland – solche Daten öffentlich zur Verfügung. Von den mehr als 100 Ampelkreuzungen habe ich zehn ausgewählt. Sie liegen am Stadtrand, an den Ein- und Ausfallstraßen, die von Pendlern genutzt werden.

Wie hat sich der Verkehr dort seit dem 9. März verändert?

Am 16. März, dem ersten Tag, an dem Schulen und Kindertagesstätten geschlossen waren, betrug das Verkehrsaufkommen noch mehr als 90 Prozent im Vergleich zur Vorwoche, in der es keine Einschränkungen gab. Dann wurde das gesellschaftliche Leben sukzessive heruntergefahren, und am 20. März lag das Verkehrsaufkommen nur noch bei 70 Prozent.

Ist es noch weiter gesunken?

Ja, in der Folgewoche ist es auf etwas über 60 Prozent des normales Aufkommens gesunken, dann aber wieder leicht gestiegen und hat sich inzwischen bei etwa 70 Prozent eingependelt.

Lassen Ihre Daten Schlüsse zu, welche Art von Verkehr noch übrig geblieben ist?

Es liegt auf der Hand, dass viele Wege entfallen sind: die zur Schule oder zu Hobbys. Berufs- und Einkaufsfahrten machen derzeit den größten Teil des Verkehrsaufkommens aus. Wir planen Befragungen, um herauszufinden, welche Wege die Menschen tatsächlich noch zurücklegen.

Sie haben schon angedeutet, dass das für Sie als Verkehrsforscher eine spannende Frage ist. Warum?

In der Diskussion um die Verkehrswende geht es immer wieder um Schlagworte wie „Autofreie Stadt“ und darum, nicht notwendige Autofahrten zu reduzieren. Aber was sind nicht notwendige Autofahrten? Die Situation derzeit liefert erstmals einen Anhaltspunkt. Wenn das gesellschaftliche Leben heruntergefahren ist, kann man davon ausgehen, dass es sich bei dem verbliebenen Verkehrsaufkommen um notwendigen Verkehr handelt. Die Zahlen können eine Messlatte sein.

70 Prozent sind immer noch recht viel.

Trotz der besonderen Situation ist der Autoverkehr nur um 30 bis 40 Prozent zurückgegangen. Wenn ich mit einer relativ geringen Reduzierung schon so viel Beruhigung auf den Straßen erreichen kann, macht das Hoffnung. Die jüngsten Daten des Hessischen Landesamts für Naturschutz, Umwelt und Geologie zeigen zudem, dass sich die Luftverschmutzung reduziert hat. Wenn es also langfristig gelingt, 10, 15 oder 20 Prozent des Autoverkehrs zu verlagern, steigert das die Lebensqualität in den Städten deutlich.

Sollten also weiter möglichst viele Menschen zu Hause arbeiten?

Es geht auch darum, dass mehr Menschen den öffentlichen Personennahverkehr oder das Fahrrad nutzen. Aber ja: Homeoffice ist für den Verkehr ein Gewinn. Das muss nicht radikal sein. Schon ein Tag in der Woche oder alle zwei Wochen hilft, den Verkehr zu reduzieren – vor allem in Zeiten, in denen viele Autos unterwegs sind.

Wie wird Corona die Mobilität verändern?

Viele werden in der aktuellen Lage das Homeoffice und auch das Fahrrad schätzen gelernt haben. Zwar kehren die meisten von uns zunächst zu ihren alten Mobilitätsmustern zurück, aber sie werden auch die Erfahrung mitnehmen, wie viel angenehmer Städte bei weniger Autoverkehr sind. Wenn nun die notwendigen staatlichen Finanzhilfen auch noch in Maßnahmen der Verkehrswende statt reflexhaft in die traditionelle Autoindustrie fließen, ist schon viel geholfen.

Interview: Diana Unkart

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