+
Karin Tietze-Ludwig (rechts) mit Franziska Reichenbacher.

Glücksspiel

70 Jahre Traum vom Hauptgewinn in Hessen

  • schließen

1949 wurde das das Vorläuferunternehmen von Lotto Hessen gegründet.

Die Weihnachtsgänse waren der Renner. Kurz vor dem Fest im Jahr 1949 hatte die hessische Lotteriegesellschaft hundert Weihnachtsgänse als Sonderpreise ausgelobt. Die Tiere hingen zur Werbung vor einigen der Annahmestellen.

Erst wenige Monate zuvor war die „Staatliche Sportwetten GmbH Hessen“ gegründet worden, das Vorläuferunternehmen von Lotto Hessen: am 14. März 1949. Dessen Umsätze stiegen rasant. Bei der ersten Ausspielung wurden 115.812 Mark umgesetzt, bereits 1951 erstmals die Million geknackt – und heute spielen die Hessinnen und Hessen für mehr als 650 Millionen Euro im Jahr.

Am Donnerstag blickte Geschäftsführer Heinz-Georg Sundermann in Wiesbaden zurück auf 70 Jahre staatliche Lotteriegeschichte in Hessen. „Die Menschen hatten im Prinzip die gleichen Träume wie heute“, stellte er fest und zählte auf: „Geld, Haus, Auto, Reisen“.

Fußball-Toto zu Beginn

In den ersten Jahren bot das Unternehmen lediglich Fußball-Toto an, mit besonderem Erfolg im Jahr des deutschen Weltmeisterschafts-Siegs 1954. Erst 1956 kam in Hessen Lotto dazu, das sich schnell zum beliebtesten Glücksspiel entwickelte.

So sahen sie aus: die ersten hessischen Lotto-Kugeln.

Dazu trugen drei Lottofeen bei, die bei der Pressekonferenz neben Sundermann saßen: Elvira Hahn, Karin Tietze-Ludwig und Franziska Reichenbacher. Hahn war als zwölfjähriges Heimkind ausgewählt worden, die ersten deutschen Lottozahlen zu ziehen – im Oktober 1955 in Hamburg. Die Hessen durften damals noch nicht mitspielen.

Hahn, die heute in Hessen lebt, kann die Gewinnzahlen auch gut 60 Jahre später noch aus dem Kopf hersagen: 3, 12, 13, 16, 23, 41. Bis heute spiele sie diese Zahlen, berichtete sie, aber: „Ich habe noch nie gewonnen.“

Ins Fernsehen kam Lotto 1965, und zwar im Hessischen Rundfunk. Zwei Jahre später übernahm Tietze-Ludwig die Sendung, die 30 Jahre lang die Ziehung präsentierte. Immer wieder hätten Spieler versucht, sie zu bestechen, damit ihre Zahlen gezogen würden, erzählte Tietze-Ludwig jetzt. So habe ein Metzger ihr „hausgemachte Leberwurst gegen sechs Richtige“ angeboten, erzählt die Moderatorin und amüsiert sich noch heute.

Seit 1993 läuft der Lotteriebetrieb vollständig digital, nachdem erste Schritte Ende der 70er Jahre begonnen hatten. In den frühen Jahren war es ein enormer Aufwand, die abgegebenen Scheine zu sammeln, auszuwerten und die Gewinne auszuzahlen.

Die erste Gewinnauswertung der Toto-Scheine am 10. April 1949 wurde in einer Turnhalle in der Wiesbadener Schwalbacher Straße organisiert. Das Inventar hatte man aus der Gaststätte nebenan ausgeliehen. Rund 200 Hilfskräfte wurden zur Auswertung eingesetzt. Sie prüften die ganze Nacht hindurch, mit zwei Tassen Kaffee auf Kosten von Hessen-Toto. Sundermann zitierte einen Chronisten dieser Nacht: „Kein Laut, kein Zigarettenrauch, nur das Rascheln des Papiers“ sei zu vernehmen gewesen.

Lesen Sie auch: Sport und Kultur können hoffen

Am Ende stand fest, dass zwei der 70.000 Tipper alle zwölf Spiele richtig vorhergesagt und je 9650 Mark gewonnen hatten. Die Gewinne wurden per Postscheckanweisungen ausgezahlt.

Auswertung der Scheine in der Turnhalle Schwalbacher Straße.

In den Tagen davor hatten die Tippscheine aufwendig nach Wiesbaden ins Erbprinzenpalais an der Wilhelmstraße gebracht werden müssen, wo heute die Industrie- und Handelskammer ihren Sitz hat. In Säcken, Taschen und Kisten traf die Ladung ein – in einer Zeit, in der nur wenige Autos fuhren und Benzin noch rationiert war. 1952 zog die Lotteriegesellschaft in die Rosenstraße.

Von Anfang an wurde ein Teil der Glücksspiel-Einsätze für soziale und kulturelle Zwecke oder den Sport ausgeschüttet. Gerade die Verbindung zum Sport war eng, zumal sich Toto um Fußballspiele drehte. Sundermann erinnerte daran, dass etliche Stadien mit Hilfe von Lotto errichtet oder saniert worden seien, darunter das frühere Waldstadion in Frankfurt. Das Motto lautete „Totogelder schaffen Sportstätten“.

85 Millionen Euro - der höchste Gewinn in der hessischen Lottogeschichte

Insgesamt 610 Millionengewinne hat Lotto Hessen in den vergangenen 70 Jahren ausgezahlt – erst D-Mark-Millionen, später Euro-Millionen. Die größten Gewinne flossen, seit 2012 der Eurojackpot eingeführt wurde. Ein nordhessischer Gewinner erzielte im Juli 2016 fast 85 Millionen Euro. Es war der höchste Gewinn in der hessischen Lottogeschichte.

Nicht nur technisch hat sich einiges gewandelt im Laufe der Jahre. Moderatorin Reichenbacher beobachtet auch Veränderungen im Umgang mit Gewinnen.

Früher kamen Lotterie-Mitarbeiter wie selbstverständlich zu Gewinnern nach Hause, um ihnen das viele Geld persönlich zu überreichen samt einer Flasche Sekt. Heute legten indes viele erfolgreiche Spieler Wert auf Anonymität, sagt Reichenbacher. „Die Leute haben zunehmend Angst, dass man es weiß“, schilderte sie ihre Eindrücke. „Die Sorge, dass das von falschen Freunden weggeräubert wird, ist größer geworden.“ Manche Hauptgewinner wollten ihren Geldsegen sogar vor der eigenen Familie verbergen.

Anonymität besitzt aber auch Nachteile. Wer seinen Schein abgibt, ohne per Lottocard seinen Namen anzugeben, kann Gewinne verpassen. Derzeit sucht Lotto Hessen nach zwei Tippern, für die Gewinne von 77 777 und 100.000 Euro bereitliegen. Sie hatten ihre Scheine in Wiesbaden und Gersfeld abgegeben. Es sind keine Einzelfälle. Gewinne von rund drei Millionen Euro pro Jahr werden nicht abgeholt. Lotto Hessen bezahlt daraus seine Sonderauslosungen – wie einst die Weihnachtsgänse.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare