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Lernen zuhause kann Unterricht in der Schule kaum ersetzen. Selbst dann nicht, wenn Eltern sich viel Mühe geben.

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Hessen: Sorge um die Daheimgebliebenen

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Eltern tun sich schwer damit, Lehrer zu ersetzen, und Schüler könnten abgehängt werden – deshalb soll es kein Sitzenbleiben und keine Noten geben.

Für die allermeisten Schülerinnen und Schüler in Hessen wird die Schule wohl noch lange nicht wieder beginnen. Wie sie dennoch unterrichtet werden können, ist ein ungelöstes Problem. Das bereitet nicht nur Eltern Sorgen.

„Eltern können Lehrkräfte nicht ersetzen, sie können die Lücke nicht schließen, die durch den Wegfall des Unterrichts in den Schulen entsteht“, sagt Korhan Ekinci, Vorsitzender des Landeselternbeirats Hessen (LEB). Deshalb dürfe es nicht sein, dass von dem Unterricht zu Hause eine Versetzung oder das Zeugnis abhängt. Er fordert deshalb, dass die Leistungen nicht benotet werden.

Genauso sieht das der Elternbund Hessen (EBH). „Es wäre ein Zeichen der Fairness, Schülerinnen und Schüler darüber zu informieren, dass die während der schulfreien Zeit erbrachten Leistungen weder bewertet werden noch als Grundlage für spätere Klausuren dienen dürfen“, fordern die Elternvertreter in einem offenen Brief an Kultusminister Alexander Lorz (CDU).

„Es liegen uns zahlreiche Hinweise und Beschwerden vor, in denen Schülerinnen und Schülern mit einer negativen Bewertung oder Einträgen ins Klassenbuch gedroht wurde, sollten sie Arbeitsnachweise zu spät abgeben oder diese den Anforderungen nicht entsprechen“, berichtet EBH-Vorsitzender Klaus Wilmes-Groebel.

Elternbund empfiehlt Verzicht auf Notenvergabe

Schon jetzt seien die erforderlichen schriftlichen Leistungsnachweise kaum noch zu erbringen. Der Elternbund empfiehlt daher, in diesem Halbjahr weitestgehend auf die Vergabe von Noten zu verzichten und Schülerinnen und Schüler automatisch in die nächste Jahrgangsstufe zu versetzen. Wer das nicht wolle, müsse freiwillig ein Jahr wiederholen dürfen.

Auch sorgen sich die Elternvertreter darum, dass die Lücke zwischen jenen, die von zu Hause gute Unterstützung erhalten und jenen, die abgehängt zu werden drohen, größer werden könnte. Der Bundesvorsitzende des Verbands Bildung und Erziehung (VBE), Udo Beckmann, hatte bereits vor geraumer Zeit im FR-Interview die Befürchtung geäußert, die Bildungsungerechtigkeit könne durch die Schulschließungen zunehmen. Leiden könnten auch gerade jene, die besonderer Förderung bedürften.

Der hessische Philologenverband sieht eine Fortführung des sogenannten Homeschooling kritisch, da nicht alle Schülerinnen und Schüler über die technischen Voraussetzungen dafür verfügten. Längst nicht alle könnten daher die Aufgaben angemessen bearbeiten, an Videokonferenzen teilnehmen oder überhaupt die Aufgaben erst einmal erhalten, heißt es in einer Stellungnahme des Verbands.

„Viele, viele Hilferufe von Eltern“

Doch selbst da, wo die technischen Voraussetzungen gegeben sind, hakt es offenbar gewaltig. „Es gibt viele, viele Hilferufe von Eltern, weil sie zu Hause mit dem Vermitteln des Stoffes überfordert sind“, berichtet LEB-Vorsitzender Ekinci. Nötig sei es deshalb, dass die Eltern für die Erledigung überhaupt nicht gebraucht würden. Gleichzeitig sei es wichtig, die Kinder und Jugendlichen „im Lern-Modus zu halten“, wie Ekinci sagt. Es gebe überall im Land gute Beispiele dafür, wie Schulen und Lehrkräfte dies bewältigten. So würden beispielsweise einige Lehrer kurze Videos aufnehmen und den Eltern diese zuschicken, damit diese sie für das Lernen nutzen könnten. Dabei sei es wichtig, dass auch Rückmeldungen von Schülerinnen und Schülern an die Lehrer und zwischen den Lernenden untereinander möglich seien.

Die Quantität und die Qualität des Homeschoolings sei von Schule zu Schule, teilweise auch innerhalb einer Schule sehr unterschiedlich, moniert EBH-Vorsitzender Klaus Wilmes-Groebel. Es sei zu befürchten, dass vor allem Kinder und deren Eltern mit nichtdeutscher Herkunft überlastet sein könnten. Gleiches gilt für Elternhäuser mit bildungsfernem Hintergrund. Nötig sei daher zumindest eine Anleitung, wie das „Lernen auf Distanz“ gelingen könne.

Sommerferien nutzen

Das hessische Kultusministerium wird sich voraussichtlich am Donnerstag dazu äußern, wie es an den Schulen und zu Hause weitergehen könne. Das teilte ein Sprecher am Dienstag mit. Laut Ekinci sind Eltern, Schülervertreter und Ministerium zurzeit in enger Abstimmung darüber, wie mit der besonderen Situation umgegangen werden könne. „Ich fürchte“, so Ekinci, „dass es Schulschließungen noch bis zu den Sommerferien geben könnte.“

Der Elternbund bringt deshalb ins Spiel, die Sommerferien zu nutzen, um die entstandenen Defizite wenigstens teilweise zu kompensieren. Ein Beispiel dafür sind die „Ostercamps“, in denen Schülerinnen und Schüler neben Freizeitangeboten auch Lernangebote erhalten, um eine Versetzung zu erreichen. Angelehnt an dieses Modell könnte es nach Vorstellung des EBH „Sommercamps“ geben. Diese müssten wie die Camps zu Ostern freiwillig sein.

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