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Der Fraktionsvorsitzende der Grünen in Hessen Mathias Wagner im Interview über die Corona-Krise.

Grünen-Fraktionschef Wagner im Interview

Corona-Krise in Hessen:„Die Freiheit, die wir sehr vermissen“

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Der Fraktionsvorsitzende der Grünen in Hessen Mathias Wagner dringt im Interview darauf, die Corona-Krise nicht für dauerhafte Einschränkungen in Freiheitsrechte zu nutzen.  Die aktuellen Einschnitte seien allerdings erforderlich, um die unkontrollierte Ausbreitung des Virus zu stoppen.

  • Der Fraktionsvorsitzende der Grünen in Hessen Mathias Wagner spricht im Interview über die Corona-Krise
  • Er sieht die aktuellen Einschränkungen als notwendig an, um die unkontrollierte Ausbreitung des Coronavirus zu stoppen
  • Die Krise solle allerdings nicht benutzt werden, um dauerhafte Einschränkungen in Freiheitsrechte vorzunehmen

Mathias Wagner, ist seit 2003 Mitglied des Hessischen Landtages und seit Januar 2014 Vorsitzender der Landtagsfraktion der Grünen.

Herr Wagner, wie lange kann man den Menschen Ausgangsbeschränkungen in diesem Ausmaß zumuten?

Das Wichtigste im Moment ist, dass wir die unkontrollierte Ausbreitung des Virus stoppen. Wenn wir die Ausbreitung unter Kontrolle haben, dann müssen natürlich alle diese Maßnahmen auf den Prüfstand. Das ist allen Beteiligten klar.

Corona-Krise in Hessen: Schnelle Ausbreitung muss gestoppt werden

Haben Sie Hoffnung, dass das nach Ostern passiert?

Ich will nicht spekulieren. Wir müssen uns die Zahlen anschauen, die sehr schnelle Ausbreitung muss gestoppt werden. Wenn Sie sich vorstellen, das ginge so weiter und Sie hätten Hunderttausende, vielleicht Millionen Menschen in unserem Land, die gleichzeitig erkranken: Das würde kein Gesundheitssystem verkraften, und davor müssen wir uns schützen. 

Wir hätten dann Entscheidungen wie in Italien: Wer wird behandelt und wer wird nicht behandelt? Das heißt letztlich: Wer darf leben und wer muss sterben? Das müssen wir verhindern.

Corona-Krise in Hessen: Keine großen Unterscheide zwischen den Bundesländern

Die europäischen Staaten und auch die Bundesländer gehen unterschiedliche Wege. Wie würden Sie den hessischen Weg beschreiben?

Zwischen den Bundesländern sehe ich keine wirklichen Unterschiede mehr. Vielleicht wollte der eine Ministerpräsident im Süden am Anfang besonders handlungsfähig erscheinen. Ich bin froh, dass diese Phase vorbei ist und wir in allen Bundesländern weitgehend die gleichen Regeln haben. 

Wenn ich es richtig sehe, machen es in Europa auch die meisten Staaten ähnlich. Es gibt einen Sonderweg in Schweden, der hoch riskant ist. Ich hoffe, er führt nicht zu schlimmen Ergebnissen.

Schweden setzt auf weniger Einschränkungen des öffentlichen Lebens. Dabei müsste einem Grünen, der seine Partei als Freiheitspartei versteht, doch eigentlich das Herz höherschlagen.

Natürlich schlägt das Herz der Freiheit hoch. Aber es geht in der aktuellen Situation immer darum, dass durch die Freiheit, die wir alle lieben und sehr vermissen, in einem erheblichen Maße die Freiheit von Anderen eingeschränkt würde, nämlich die der Erkrankten und derjenigen, für die wir nicht genug Intensivbetten und Beatmungsgeräte hätten. Sie würden durch diesen Virus wirklich in lebensbedrohliche Situationen kommen.

Mathias Wagner zur Corona-Krise in Hessen: Keine dauerhaften Einschränkungen

Manche Kritiker haben Sorgen, dass Einschränkungen bleiben werden, auch wenn die Corona-Krise vorbei ist. Teilen Sie solche Bedenken?

Man muss immer sehr genau hinschauen, dass die Krise nicht benutzt wird, um Einschränkungen in unsere Freiheitsrechte vorzunehmen. Ich nehme aber die Bundesregierung und alle Landesregierungen so wahr, dass niemand die Vorstellung hat, dass von den Notmaßnahmen etwas in den Regelbetrieb übergeht. 

Wir Grüne werden mit Sicherheit darauf achten, dass so etwas nicht geschieht. An dieser Stelle will ich auch einmal sagen: Es ist fast übermenschlich ist, was derzeit im Sozialministerium, der gesamten Landesregierung und der öffentlichen Verwaltung geleistet wird. Auch das schafft Vertrauen darin, dass verantwortlich gehandelt wird.

Mathias Wagner zu Corona-Krise: Regierung in Hessen handelt sehr verantwortlich

Welche Einschränkungen empfinden Sie persönlich als besonders einschneidend?

Ich bedaure am meisten, Menschen nicht in der direkten Begegnung ins Gesicht schauen zu können, am Arbeitsplatz oder im privaten Bereich, wo man nicht mehr in Gruppen zusammenkommen kann. 

Es fehlen die Körpersprache, die Mimik oder einfach mal jemanden in den Arm nehmen zu können, gerade jetzt, nach dem Tod von Finanzminister Thomas Schäfer. Das ist eine Form von verstümmelter Kommunikation, unter der ich sehr leide.

Ist die Krise ein unüberwindlicher Berg oder ist sie zu meistern?

Ich glaube, sie ist zu meistern. Die Regierungen handeln sehr verantwortlich, auch der Hessische Landtag in seltener Einigkeit, weil alle das Ziel haben, diese Krise zu bewältigen. Ich bin Optimist und ich bleibe Optimist.

Corona-Krise in Hessen: Grünen-Fraktionsvorsitzender Mathias Wagner bleibt optimistisch

Wie verändert die Corona-Krise die Politik? Wird es zum Beispiel mehr Kooperation geben zwischen Koalition und Opposition?

Das weiß ich nicht. Die Krise ist eine Ausnahmesituation, in der alle zusammenstehen. Das finde ich sehr gut. Ich bin sehr dankbar, dass wir beispielsweise den Nachtragshaushalt zur Bewältigung der Corona-Krise in einem breiten Konsens von Regierungs- und Oppositionsfraktionen gemeinsam auf den Weg bringen konnten. 

Aber zu erwarten, dass das künftig bei allen Themen so sein könnte, das fände ich falsch. Es geht immer um den Wettstreit der Ideen.

Corona-Krise in Hessen: Die Entschleunigung ist Anlass, um über die Gesellschaft nachzudenken

Gibt es Punkte, wo Sie sich wünschen, dass wir verändert aus der Krise herauskommen?

Vielleicht ist die zwanghafte Entschleunigung, die wir jetzt erleben, ein Anlass, darüber nachzudenken, ob die Hochgeschwindigkeitsgesellschaft tatsächlich überall so weiterlaufen muss. Ich kann mir auch vorstellen, dass sich manche Übertreibung der Globalisierung relativiert. 

Etwa die Abhängigkeit, in die wir uns von anderen Ländern begeben haben. Es muss hinterfragt werden, ob der Preisvorteil von einigen wenigen Cent es wert ist, ein so fragiles System aufzubauen, wie wir es jetzt in der Krise sehen.

Heißt das, dass die Produktion wichtiger Güter, die wir jetzt aus Asien beziehen, nach Europa geholt werden muss?

Das kann eine Konsequenz sein. Wir werden uns durch diese Krise sehr bewusst, dass mit der Abhängigkeit durch diese weltweite Arbeitsteilung eine Anfälligkeit verbunden ist. Es kann sein, dass wir zu dem Schluss kommen, das macht in einigen Bereichen so keinen Sinn. Vielleicht müssen wir Produktionsketten entwickeln, die auch in der Krise stabiler sind.

Corona-Krise in Hessen: Mehr Unterstützung für Lehrkräfte mit digitalen Mitteln

Wird die Digitalisierung, etwa in den Schulen, durch die Erfahrungen in der Krise in Schwung kommen?

Es lohnt, unabhängig von der Krise, darüber nachzudenken, wie Lehrerinnen und Lehrer mit digitalen Mitteln unterstützt werden können, damit sie sich in viel stärkerem Maße auf die individuelle Förderung von Schülerinnen und Schülern konzentrieren können. 

Hier liegt aus meiner Sicht eine riesige Chance. Das galt aber auch schon vor Corona. Keine digitale Methode wird die Begegnung in der Schule, das Lernen von Mensch zu Mensch ersetzen können. Aber beim Aneignen von Wissen, da haben wir beileibe noch nicht die Potenziale der Digitalisierung ausgeschöpft.

Das Interview mit Mathias Wagner führte Pitt von Bebenburg

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Alle aktuellen Entwicklungen zur Corona-Krise in Hessen gibt es im News-Ticker.

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