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Hessen: Opferberatung studieren

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Von: Gregor Haschnik

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Blick auf die Stadt Marburg. Die Philipps-Universität bietet ab dem Wintersemester einen bundesweit einmaligen weiterbildenden Masterstudiengang an.
Blick auf die Stadt Marburg. Die Philipps-Universität bietet ab dem Wintersemester einen bundesweit einmaligen weiterbildenden Masterstudiengang an. © Nadine Weigel/dpa

Im Kampf gegen Rechtsextremismus bietet die Universität Marburg eine neue Weiterbildung an.

Der rassistisch motivierte Anschlag von Hanau, der Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke, die Drohbriefserie „NSU 2.0“ und viele weitere rassistische Attacken, etwa auf eine Fußballmannschaft in Birstein – in den vergangenen Jahren waren zahlreiche Menschen in Hessen von rechtsextremer Gewalt betroffen. Die Nachfrage nach Hilfs- und Beratungsangeboten ist hoch ebenso wie die Anforderungen an die Expert:innen. Mitunter waren die personellen Kapazitäten in den Anlaufstellen erschöpft.

Jetzt bietet die Philipps-Universität Marburg ab dem Wintersemester einen bundesweit einmaligen weiterbildenden Masterstudiengang an, bei dem Theorie und Praxis verknüpft werden sollen: „Beratung im Kontext Rechtsextremismus“. Das viersemestrige, kostenpflichtige Angebot ist im Fachbereich Erziehungswissenschaften und dem dort ansässigen Demokratiezentrum Hessen angesiedelt. Es richtet sich vor allem an Fachkräfte aus der mobilen Beratung und angrenzenden Arbeitsfeldern. Interessierte können sich bis zum 15. Juli bewerben.

Das Zentrum

Das Demokratiezentrum Hessen ist an der Universität Marburg angesiedelt. Es führt das „Beratungsnetzwerk Hessen – gemeinsam für Demokratie und gegen Rechtsextremismus“. Dieses berät Opfer von Rechtsextremismus, Antisemitismus, Rassismus, sowie Schulen, Familien und andere Betroffene. Die Einrichtungen werden durch das hessische Innenministerium und über das Bundesprogramm „Demokratie leben!“ finanziert. gha

Die auf 20 Plätze begrenzte Weiterbildung solle dazu beitragen, Qualität und Professionalität im Berufsfeld der Beratung gegen Rechtsextremismus und zur Demokratieförderung zu sichern, sagt Tina Dürr vom Demokratiezentrum, die den Studiengang mitaufgebaut hat. Bislang gebe es „kein umfassendes Ausbildungsangebot“. Gleichzeitig erstarkten antidemokratische Haltungen und ein teils gewaltbereiter Nationalismus – womit auch das zivilgesellschaftliche Engagement dagegen wichtiger werde. Ziel sei es, „Menschen und Institutionen zu befähigen, sich adäquat gegen Rassismus, Rechtsextremismus und Antisemitismus sowie weitere Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit einzusetzen“.

Das Demokratienetzwerk bietet bereits seit 2012 eine Weiterbildungsreihe für Fachleute an. Das neue universitäre Angebot ist der nächste Schritt und soll auch dem Personalmangel entgegenwirken.

Konkret werde es während des Studiums unter anderem um „die unterschiedlichen Facetten des Rechtsextremismus“ gehen, darum, wie er sich darstelle und erklären lasse, erklärt Reiner Becker, Leiter des Demokratiezentrums. Es handele sich um eine heterogene Bewegung, in der oft neue Akteur:innen und Inhalte auftauchen. Derzeit spielten Verschwörungsideologien eine große Rolle. Darüber hinaus soll Beratung gelehrt werden, aber auch politische Bildung und Gemeinwesenarbeit, etwa um das Entstehen zivilgesellschaftlicher Bündnisse zu unterstützen. Das abschließende Modul soll sich „Haltung und Ethik“ widmen. Die Fälle in der Beratung „sind herausfordernd“, so Becker. Es sei wichtig, das eigene Tun zu reflektieren und darauf vorbereitet zu sein, dass die eigenen Werte mit der Wirklichkeit in Konflikt gerieten.

Wer für den Studiengang zugelassen werden will, muss ein abgeschlossenes Bachelorstudium in Erziehungs- oder Gesellschaftswissenschaften und eine mindestens einjährige einschlägige Berufspraxis vorweisen. Die Zulassung erfolgt in der Reihenfolge der Bewerbungen, wenn diese die Voraussetzungen erfüllen. 3900 Euro pro Semester soll das Studium kosten, wobei das Zentrum dazu berät, wie die Gebühren finanziert werden könnten und sich bemüht, sie zu reduzieren. Er sei zuversichtlich, dass dies etwa mit Hilfe von Förderung gelinge, sagt Becker.

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