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An der Pasta-Station können sich die Gäste der Kantine „Mainarcaden“ in der Frankfurter City ihre Nudeln frisch zubereiten lassen.

Ernährungsstrategie

Offensive für nachhaltiges Essen

  • Jutta Rippegather
    vonJutta Rippegather
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Hessens Ernährungsstrategie nimmt Gemeinschaftverpflegung und Bildung in den Fokus. Umweltschützer vermissen das Einbeziehen des Handels.

Bei Kindern hat Gemüse ein Imageproblem: „Du Lauch“ ist sogar ein beliebtes Schimpfwort in Kitas. Öko-Lebensmittel sind in der Regel teurer. Das ist die zweite Herausforderung, der sich Hessen zu stellen hat. Die dritte ist die Logistik, sagte Robert Hermanowski, Geschäftsführer des Forschungsinstituts für biologischen Landbau (FiBL) in Frankfurt. Für alle drei gibt es Lösungen. Sie zu kommunizieren, ist ein Schwerpunkt der hessischen Ernährungsstrategie, die Umweltministern Priska Hinz (Grüne) am Mittwoch in Wiesbaden gemeinsam mit Hermanowski und dem Mensa-Zuständigen der TU Darmstadt vorstellte. Erste Schwerpunkte sollen die Gemeinschaftverpflegung von Großkantinen bis zu Kitas sein sowie die Bildung – in der Schule wie außerhalb.

Nicht zuletzt der Tönnies-Skandal habe viele Bürgerinnen und Bürger noch einmal dafür sensibilisiert, welchen Einfluss sie bei ihren tägliche Entscheidungen besitzen. „Es geht nicht nur darum, ob es uns gut schmeckt und satt macht“, betonte Hinz. „Die Auswahl unser Lebensmittel hat grundlegende Auswirkungen auf den Klimaschutz, den Erhalt der Artenvielfalt, den Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen wie Wasser, Luft und Böden oder das Tierwohl.“

Ihre Strategie sieht fünf Handlungsfelder vor. Neben gesunden und nachhaltigen Angeboten in der Gemeinschafts- und Schulverpflegung und Ernährungsbildung geht es auch um Strategien dagegen, dass ein Drittel aller Lebensmittel im Müll landen. Die anderen beiden setzen auf das Projekt Ökomodellregionen, das unter anderem die Akteure vor Ort vernetzt. Die Landesregierung will Erzeugung, Angebot und Vermarktung nachhaltiger, ökologischer und regionaler Lebensmittel fördern sowie das zivilgesellschaftliche Engagement in diesem Bereich.

Ökomodellregion:

Bis 2025 soll der Ökolandbau in Hessen einen Anteil von 25 Prozent an der heimischen Landwirtschaft haben. So steht es im schwarz-grünen Koalitionsvertrag. Die Modellregionen haben die Aufgabe, Projekte zu entwickeln, die den Anteil an ökologisch und regional erzeugten Lebensmitteln erhöhen. Inzwischen gibt es sie flächendeckend in ganz Hessen. www.oekomodellregionen-hessen.de Mehr zur Ernährungsstrategie: https://umwelt.hessen.de/ernaehrungsstrategie

Auch bei der Bildung greift Hessen zum Teil auf Altbewährtes zurück. In der Werkstatt Ernährung etwa erfahren Kinder der Klassen 5 bis 7, wie sich Lebensmittel anfühlen und riechen. Praktische Tipps gibt es zum Umgang mit Lebensmittelresten oder dem optimalen Einräumen des Kühlschranks. Neu wird das Angebot des „calciumhaltigen Schulfrühstücks“ der Sektion Hessen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung sein.

Das Forschungsinstitut für biologischen Landbau hat den Auftrag, einen Leitfaden zu entwickeln, der individuell auf die jeweilige Verpflegungseinrichtung zugeschnitten ist. „Es macht einen großen Unterschied, ob eine kleine Kindertagesstätte oder eine große Schule die Küche auf nachhaltigere Speisen umstellen möchte“, sagte Geschäftsführer Hermanowski. Maßgeblich sei, die Mitarbeiter mitzunehmen. Hänge doch viel von ihrer Kreativität ab – um den höheren Preis auszugleichen und nicht zuletzt, damit es schmeckt.

Im Fokus stünden mehr biologische, aber vor allem saisonale und regional erzeugte Lebensmittel. „Wenn wir den Einrichtungen empfehlen, ausschließlich den Bioanteil zu erhöhen, egal woher, dann profitiert unsere regionale Landwirtschaft nicht davon.“ Am weitesten ist die Ökomodellregion Lahn-Dill/Gießen. Sie kümmert sich in einem großen Projekt um die Stärkung der Schulverpflegung mit bio-regionalen Lebensmitteln. Das Problem der mangelnden Nachfrage sehen weder er noch die Ministerin. „Es ist die Landwirtschaft, die träge ist“, sagte der FiBL-Geschäftsführer. „Sie vermarktet ihre Schweine lieber nach China als auf dem heimischen Markt.“

Noch in diesem Jahr soll das Netzwerk „100 Klimakantinen“ an den Start gehen. Einer der Aspiranten wird das Team von Frank Nettlenbusch sein, Betriebskoordinator des Studierendenwerks der TU Darmstadt für den Campus Lichtwiese. Dort liegt der Bioanteil der Mensen mit ihren bis zu 10 000 Essen am Tag bei 23 Prozent. „Wir sehen, wie gut die Gerichte angenommen werden, wenn man den Leuten nachhaltige und weniger fleischlastige Speisen schmackhaft präsentiert“, sagte der Praktiker. Er warnte gleichzeitig vor dem erhobenen Zeigefinger, auf den auch Hinz explizit verzichten will. „Solange den Gästen nichts aufgezwungen wird, sind sie offen für mehr Bio und weniger Fleisch und auch bereit, mehr dafür zu zahlen.“

Der Bund Umwelt und Naturschutz (BUND) begrüßte die Ernährungsstrategie. Er vermisse aber das Einbeziehen des Handels, sagte Landesgeschäftsführer Michael Rothkegel. Ohne klare und transparente Kennzeichnung sei ein umwelt- und klimafreundlicher Einkauf unmöglich. „Hier ist insbesondere die Politik gefordert, aber ebenso auch der Lebensmitteleinzelhandel.“

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