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Hessen: Nur ein Viertel des Stroms ist klimafreundlich

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Von: Hanning Voigts

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Windkraft sorgt für einen Großteil des in Hessen klimafreundlich produzierten Stroms. dpa
Windkraft sorgt für einen Großteil des in Hessen klimafreundlich produzierten Stroms. dpa © Boris Roessler/dpa

Die Energiewende ist in aller Mund, aber wie weit ist Hessen beim Umstieg auf erneuerbare Energien? Aktuelle Zahlen zeigen, dass der Weg zum klimafreundlichen Strom noch weit ist.

Die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen wie Kohle und Gas beenden, erneuerbare Energien und Stromerzeugung aus Wind, Wasser und Sonne schnell ausbauen. Kaum eine Rede von Politiker:innen unterschiedlicher Parteien in Bund und Land kommt derzeit ohne dieses Bekenntnis aus, erst recht, seit der russische Angriffskrieg auf die Ukraine gezeigt hat, dass es beim Umsteigen auf erneuerbare Energien nicht nur um Klimaschutz, sondern auch um Sicherheits- und Geopolitik geht.

Doch wie sieht es aktuell mit der Energiewende in Hessen aus? Einen aktuellen Einblick bietet die gemeinsame Antwort von Wirtschafts- und Umweltministerium auf eine Große Anfrage der SPD-Fraktion im hessischen Landtag, die seit diesem Monat vorliegt. Die Sozialdemokrat:innen hatten sehr breit nach allen möglichen Aspekten des Themas gefragt, und obwohl der Landesregierung nicht alle Fakten und Details vorliegen und viele Zahlen noch aus dem Jahr 2020 stammen, lässt sich aus den Angaben recht gut ablesen, wie Hessen beim Thema Energiewende derzeit dasteht.

Hessen: Wind als wichtigste erneuerbare Energiequelle

So wurden in Hessen im Jahr 2020 nach Schätzungen des Leipziger Instituts für Energie (IE) insgesamt 9,1 Terrawattstunden (TWh) Strom aus erneuerbaren Quellen in das Stromnetz eingespeist, das entsprach einem Anteil von 56 Prozent an der gesamten Stromerzeugung im Land, die sich auf 16,4 TWh belief. Seinen Strombedarf hätte Hessen damit allerdings bei weitem nicht selbst decken können: Das IE schätzt, dass das Bundesland im gleichen Jahr 36,3 TWh verbraucht hat.

Der Anteil von Strom aus erneuerbaren Energien am Gesamtverbrauch lag daher 2020 nur bei etwa 25,8 Prozent. Das bedeutet allerdings schon eine spürbare Steigerung gegenüber den vorausgegangenen Jahren: 2019 hatte der Anteil erneuerbaren Stroms am gesamten Verbrauch noch bei 22,9 Prozent gelegen, 2018 bei 22,7 Prozent. Vor zehn Jahren, im Jahr 2012, lag diese Quote noch bei mageren 11,1 Prozent.

Bei der Energiewende in Hessen ist noch Luft nach oben

Die wichtigste regenerative Energiequelle in Hessen ist bislang die Windkraft. 4,9 TWh, also mehr als die Hälfte des klimafreundlich erzeugten Stroms, stammte 2020 aus Windkraftanlagen. Rund 1,9 TWh Strom kamen aus Solaranlagen, ebenfalls 1,9 TWh aus Biomasse, also etwa Biogas, und nur 0,2 TWh aus Wasserkraftanlagen. Beim Strom aus Solaranlagen kommen noch geschätzte 0,24 TWh dazu, die nicht in das Stromnetz eingespeist, sondern direkt vom Erzeuger verbraucht werden.

Dem Ausbau der Windkraft kommt in Hessen für das Ziel der Energiewende daher eine entscheidende Rolle zu. Wenn man sich klarmacht, dass das Land 1,9 Prozent seiner Fläche für die Nutzung der Windenergie zur Verfügung stellt und damit Platz für insgesamt 2000 Windrotoren der maximalen Leistungsklasse wäre, kommt der Ausbau aktuell eher langsam voran. So wurden in Hessen im Jahr 2020 nur 28 Windrotoren mit einer Leistung von 88,7 Megawatt in Betrieb genommen, im ersten Quartal 2021 waren es drei Anlagen.

Anfrage

Die ganze Anfrage der SPD-Fraktion zur Energiewende in Hessen hat die Drucksachennummer 20 / 78277. Zu finden ist sie in der Landtagsdatenbank unter https://starweb.hessen.de

Das langsame Tempo hat unter anderem mit den komplexen Genehmigungsverfahren zu tun – und damit, dass es oft Rechtsstreitigkeiten um Windrotoren gibt. Aktuell laufen in Hessen 267 Genehmigungsverfahren für Windenergieanlagen, Anfang Februar waren 15 Klageverfahren wegen versagter Genehmigungen oder angefochtener Vorgaben bei den Gerichten anhängig.

Hessen: Ausbau der Solarenergie geht schneller voran

Beim Solarstrom geht der Ausbau schneller, auch wenn die Photovoltaik insgesamt weniger Strom in Hessen erzeugt: Im Jahr 2020 gingen 11 447 Anlagen mit einer Gesamtleistung von 222,1 Megawatt ans Netz. Der Ausbau der Solarenergie könnte grundsätzlich durch eine Pflicht intensiviert werden, beim Neubau von privaten oder gewerblichen Gebäuden Solaranlagen zu installieren. Da sich die Bundesregierung die Einführung einer solchen bundesweiten Solarpflicht in ihrem Koalitionsvertrag vorgenommen hat, will Hessen in diesem Bereich aktuell nicht selbst gesetzgeberisch tätig werden.

Dagegen will die schwarz-grüne Landesregierung bei der noch für dieses Jahr geplanten Novelle des hessischen Energiegesetzes vorschreiben, bei neuen Parkplätzen mit mehr als 50 Stellplätzen Dächer mit Photovoltaikanlagen zu installieren. Der hessische Landesverband der Umweltschutzorganisation BUND begrüßt diesen Plan und betont, Dächer mit Solarzellen über Parkplätzen seien gleich mehrfach sinnvoll: Sie schützten Autofahrer:innen und ihre Fahrzeuge vor Sommerhitze, erzeugten Strom und benutzten dafür bereits vorhandene Flächen.

Hessen: Kaum Potenzial bei der Wasserkraft

Für die Wasserkraft sieht die Landesregierung in Hessen dagegen kein allzu großes zusätzliches Potenzial. Eine vom Land beauftragte Studie der Universität Kassel kam bereits im Jahr 2011 zu dem Ergebnis, dass man theoretisch 523 Gigawattstunden (GWh) Strom zusätzlich pro Jahr in Hessen erzeugen könnte, der Wasserfluss lasse in den vergangenen zehn Jahren aber eher nach. Zudem sei der Ausbau von Wasserkraft wegen der Auswirkungen auf die Gewässer nicht immer ökologisch sinnvoll.

Dass der Ausbau erneuerbarer Energien auch für Beschäftigung in Hessen sorgt, geht aus den Antworten der zuständigen Ministerien ebenfalls hervor. Etwa 17 630 Menschen arbeiteten 2016 in Hessen laut einer Studie in der betreffenden Branche. Neuere Zahlen liegen der Landesregierung derzeit nicht vor.

(Hanning Voigts)

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