Judenhass in Hessen

Hessen: Mehr Zivilcourage gegen Judenhass

Der hessische Antisemitismusbeauftrager Uwe Becker ist überzeugt: Jeder kann etwas gegen Antisemitismus tun.

Seit dem versuchten Anschlag auf die Synagoge von Halle am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur beobachtet der hessische Antisemitismusbeauftragte auch in Hessen mehr Ängste in vielen jüdischen Familien. Die schwer bewaffneten Polizisten vor Synagogen, jüdischen Schulen und Kindergärten hätten bislang im Bewusstsein der Menschen eher für den Schutz vor einer abstrakten Gefahr gestanden, sagte Uwe Becker. „Das ist seit Halle anders geworden, weil jetzt in den Köpfen der Kinder tatsächlich vorhanden ist, dass da so etwas Schreckliches passieren kann.“ Eltern hätten ihm in Gesprächen berichtet, dass diese Ängste Unsicherheit über die eigene Zukunft auslösten. Damit sei bereits „ein schrecklicher Punkt“ erreicht, sagte Becker, wenn sich Menschen aus Hessen fragten, ob sie bleiben oder doch besser weggehen sollten. „Dem möchte ich entgegentreten und sagen, es muss in diesem Land eine Zukunft geben“, betonte Becker, der im April zum Landesbeauftragten für den Kampf gegen Antisemitismus berufen worden war.

In dieser Funktion entwickelt er Strategien, um dem Judenhass entgegenzuwirken. Becker ist Kontaktperson für Menschen, die Opfer von Judenfeindlichkeit wurden. Gerade Besuche an Schulen und Begegnungen mit Jugendlichen stimmten ihn aber hoffnungsvoll. Es sei viel Interesse spürbar, auch am Programm „Meet the Rabbi“, das im kommenden Jahr an hessischen Schulen starten soll. Dabei besuchen die Rabbiner Schulen, um dort über die jüdische Religion zu sprechen.

Wichtig sei, aufzustehen und die Stimme zu erheben, wenn an irgendeiner Stelle „Jude“ als Schimpfwort gebraucht werde, sagte Becker. Er wünsche sich ein „Aufwachen der Gesellschaft“ und mehr Zivilcourage. „Die große Gefahr sind nicht so sehr die extremen Ränder, sondern wie die Mitte der Gesellschaft die Dinge aufnimmt und wie sie damit umgeht“, befand Becker. „Zurückweichen schafft Platz für die, die ein anderes Land wollen. Und deswegen braucht es umgekehrt diese Zivilcourage und das Bewusstsein, dass jeder auch was tun kann.“

Das Strafrecht sei für die Verfolgung antisemitischer Straftaten ausreichend, müsse aber teilweise konsequenter angewendet werden. Dies gelte etwa dann, wenn antisemitische Schmierereien nicht nur als Sachbeschädigungen geahndet würden, sondern auch als Volksverhetzung eingeordnet würde. „Das Strafrecht gibt durchaus Möglichkeiten, in dem Moment, wo auch antisemitische Aspekte in eine Straftat hineinfließen, verschärfend zu werten“, so Becker. Zu Beginn des neuen Jahres entsteht in Hessen eine Meldestelle für antisemitische Vorfälle. Sie wird am Demokratiezentrum Hessen an der Universität Marburg aufgebaut. (dpa)

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