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Ein lauer Frühsommerabend im Rheingau? Wegen der fehlenden Lokführer fährt die Rheingaulinie Vias nur einmal pro Stunde. 

Verkehr

Lokführer dringend gesucht

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Bahnunternehmen in Hessen müssen ihr Angebot einschränken, immer wieder fallen auch Züge aus. Experten warnen vor Stillstand auf der Schiene.

Sonntags im 30-Minuten-Takt in den Rheingau. Ein Traum, der in der beginnenden Ausflugsaison nicht in Erfüllung geht. Es gibt zu wenig Lokführer, teilt die Betreiberin der Rheingaulinie Vias mit. Die Personallage sei „schwierig“, oberstes Ziel Verlässlichkeit, so Geschäftsführer Jochen Auleres. „Wir bedauern, dass wir nicht schon in diesem Jahr den Halbstundentakt am Wochenende zwischen Frankfurt, Wiesbaden und Assmannshausen einführen können und arbeiten mit Hochdruck daran, weiteres Personal auszubilden.“

Raus ins Grüne
In der Ausflugsaison  erweitert der Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV) vom 1. Mai an sein Angebot, was auch Platz für mehr Fahrräder schafft.

Auf der Lahntalbahn  zwischen Limburg und Gießen werden sonn- und feiertags in jede Richtung sieben zusätzliche Züge eingesetzt.

Die Rhönbahn  von Fulda nach Gersfeld ist sonn- und feiertags zu den stark genutzten Zeiten im Stundentakt unterwegs.

Auf der Niddertalbahn  zwischen Glauburg und Frankfurt fahren an den Wochenenden viele Züge mit zusätzlichen Kapazitäten für Fahrrädern. Von Mai bis Oktober werden an Sonn- und Feiertagen zwei zusätzliche Züge von Frankfurt nach Stockheim angeboten.

Der Weiltalbus  von Oberursel nach Weilburg kann jetzt auch Elektrofahrräder befördern. Er verkehrt an Wochenenden und Feiertagen. jur

www.rmv.de.

Kein Einzelfall. Nach Schätzungen der Gewerkschaft der Lokomotivführer (GDL) fehlen bundesweit 1000 Lokführer. „Auch bei anderen Verkehrsunternehmen fallen regelmäßig Fahrten aufgrund von Fahrermangel aus, obwohl jedes Unternehmen mit umfangreichen Programmen neues Personal sucht“, sagt Vanessa Rehermann, Sprecherin des Rhein-Main-Verkehrsverbunds (RMV), der zumindest für die Rheingauer Schlemmerwoche bei einem anderen Unternehmen Sonderzüge bestellen konnte. Der demografische Wandel verschärfe die Lage zusätzlich. „In den nächsten fünf Jahren bekommen wir noch einen extremeren Personalmangel“, prognostiziert Karl de Andrade-Huber von der GDL. Die Babyboomer gehen in die Rente, die folgenden geburtenschwachen Jahrgänge sind von potenziellen Arbeitgebern stark umworben. Die Dienstzeiten seien nicht jedermanns Sache. Außerdem halte sich das vom Ex-Bahnvorstand Rüdiger Grube gestreute Gerücht, dass Lokführer in fünf Jahren vom Autonomen Fahren ersetzt würden. „Das sollte man mal öffentlich korrigieren.“

Die Deutsche Bahn hat in Hessen seit 2016 300 neue Lokführer ausgebildet

Die Folgen der knappen Personaldecke bekommen die Fahrgäste zu spüren. Jüngst fiel die Regionalbahn 11 der Hessischen Landesbahn nach Bad Soden aus, sagt Wilfried Staub vom Fahrgastverband Pro Bahn. Offiziell wegen „technischer Störungen“. In Wirklichkeit mangels Personal. Aus dem gleichen Grund lasse die Deutsche Bahn (DB) oft Verstärkerzüge für die Linie 2 der S-Bahn Rhein-Main ausfallen. „Die zahlen lieber Strafe, als teure Personalreserven vorzuhalten.“

Die DB hatte jüngst berichtet, sie habe seit 2016 in Hessen 300 neue Lokführer für den Regional- und S-Bahn-Verkehr ausgebildet. Weitere 170 Neueinstellungen seien für dieses Jahr geplant. Das seien Menschen, die eine wichtige Aufgabe für die Gesellschaft übernähmen, sagt RMV-Sprecherin Rehermann: „Ohne öffentliche Mobilität steht unser Land still.“ Gewerkschaftsmann de Andrade-Huber wünscht sich mehr „Wertschätzung“ als ein schnödes Dankeschön. Ein Jobticket, etwa. Oder einen Fuhrpark mit Dienstwagen, mit denen der Lokführer heimfahren kann.

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