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Noch darf das Huhn von Marcel Emrich leben. Sterben wird es eines Tages stressfrei im Schlachtmobil im Hintergrund.

Schlachtmobil

Kurzer Weg zur Schlachtbank

  • Jutta Rippegather
    vonJutta Rippegather
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Die neue mobile Schlachtanlage erspart dem Geflügel Stress, schont das Klima und fördert Regionalität. Ein Weg, den Hessen weiter gehen will.

Bei Familie Emrich kommen die Eier von glücklichen Hühnern, die auf einer mit Elektrozaun gesicherten Wiese herumlaufen. Zum Legen ziehen sich die Tiere zurück in das Mobil. Bis zur letzten Sekunde achtet die Wetterauer Landwirtsfamilie auf das Wohl ihrer Hühner. Die Vögel müssen keinen stressigen Massentransport ertragen, auch keine Schlachtmethoden, bei denen die Betäubung gelegentlich nicht funktioniert. Die Hühner aus Ortenberg-Usenborn werden den Tod in gewohnter Umgebung finden. Direkt neben ihrer Behausung – in Hessens erstem Schlachtmobil.

Ortstermin in der hügeligen grünen Landschaft am Rande des Vogelsbergs: Vertreter der Landesregierung sind angereist, vom Wetteraukreis, vom Bundesverband der deutschen Mobilstallhalter. Marcel und Lisa Emrich stehen vor dem Schlachtmobil, er hält ein Huhn der Rasse Braune Tetra im Arm. Noch ist es zu jung, um als Suppenhuhn zu enden, noch legt es die rund 300 geforderten Eier pro Jahr. Erst im Alter von eineinhalb Jahren nimmt die Leistung ab, dann ist es Zeit zu sterben. Früher bedeutete dies 70 Kilometer Transport zum nächsten Geflügelschlachthof im Lahn-Dill-Kreis, in engen Kisten, und nach der Ankunft womöglich noch eine Wartezeit von einem halben Tag.

„Das gefällt mir nicht“, sagt der 33 Jahre alte Landwirt. Deshalb hatten er und seine Frau Lisa (28) die Hand gehoben, als ein Betreiber für den ausgebauten Anhänger gesucht wurde, den die Chefin des Wetterauer Veterinärsamts, Veronika Ibrahim, in Anlehnung an ähnliche Anlagen in Niedersachsen und Baden-Württemberg entwickelt hat. Auch Enten, Puten oder Gänsen zu erlegen, ist darin möglich.

Ein Plüschhuhn dient zur Demonstration des Schlachtvorgangs.

„Der Schlachthof kommt zum Huhn“ ist auf der Längsseite des Gefährts zu lesen. Als Förderer genannt sind das Hessische Umweltministerium, die Gerty-Strohm-Stiftung, der Wetteraukreis, die Ökolandbau Modellregion Wetterau. Einzeln werden die Vögel in einer manuellen Elektroanlage betäubt, geschlachtet und dann landen sie im Kühlhaus des Hofladens, wie Familie Emrich ihn betreibt. Oder in einem Kühlwagen. In Betrieb ist das Mobil seit dem 25. Juni und weit über die Grenzen der Region hinaus unterwegs. Auch Landwirte in Nordrhein-Westfalen oder Rheinland-Pfalz haben das Angebot in Anspruch genommen. Ein weiterer Vorteil neben dem Tierwohl: Der Einsatz rechnet sich bereits ab 100 Hühnern, eine Anzahl, bei der die großen Schlachthöfe abwinken.

„In Deutschland ist der gesamte Bereich auf große Betriebe zugeschnitten“, sagt Hessens Tierschutzbeauftragte Madeleine Martin, die das Projekt mit initiiert hat. „Man hat den regionalen Raum nicht im Blick gehabt.“ Oft werde das Geflügel bis nach Polen oder in ein anderes osteuropäisches Land gekarrt, um dann wieder in gekühlten Lastwagen über die Autobahnen zurück zum deutschen Verbraucher zu gelangen. Der Erfolg des Mobils stimmt sie hoffnungsvoll: „Es verändert sich was.“

Auch unter dem Aspekt der Klimabilanz sei die herkömmliche Art nicht die beste, mit den Ressourcen umzugehen, meint Umweltstaatssekretär Oliver Conz. Inzwischen setzten viele landwirtschaftliche Betriebe bereits auf mobile Hühner- und Kuhställe, in denen sich die Tiere frei bewegen könnten, und Schweineställe mit Liegebuchten. „Doch wer das Tierwohl verbessern möchte, muss auch die Schlachtung im Blick haben.“

Veränderungen in diesem Bereich stoßen oft auf Skepsis, hat Veterinärdirektorin Ibrahim erfahren, die demnächst ins Ministerium nach Wiesbaden wechselt. Immer wieder fragten Kollegen an, ob die fehlende EU-Zulassung nicht ein Hindernis bedeute. Die Sorgen seien unberechtigt, betont Martin. „Das Hygienekonzept entspricht dem EU-Standard.“

Für sie ist die mobile Geflügelschlachtung ein weiterer Schritt auf dem Weg, der mit der Anlage „Extrawurst“ für Rinder im Wetteraukreis begann. Die Inbetriebnahme eines zweiten Exemplars in Nordhessen stocke leider. Doch so schnell gibt sie nicht auf: „Ich hoffe, dass es in fünf Jahren viel mehr solcher regionalen Angebote gibt“, sagt sie. „Und als nächstes Projekt sind die Schweine dran.“

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