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„Alkohol ist überall verfügbar, der Übergang zur Abhängigkeit fließend.“

Sucht

Krank wegen Alkohol: Flächendeckendes Präventionsangebot fehlt in Hessen

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Eine neue DAK-Studie weist auf die wirtschaftlichen Folgen von Suchtverhalten hin.

Rund 326.000 Erwerbstätige in Hessen trinken so viel Alkohol, dass sie krank oder abhängig werden können. 9000 sind süchtig. Und das ist nur die Spitze des Eisbergs. Denn es handelt sich lediglich um Berufstätige, die mit dieser Diagnose so lange krankgeschrieben wurden, dass die DAK davon erfuhr. In der Realität sei die Zahl der Betroffenen höher, sagt Martin Hambrecht, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie am Agaplesion- Elisabethenstift in Darmstadt.

Ein bis zwei Tage reichten oft, um sich von einem Alkoholexzess zu erholen. Und Suchtpatienten wollten ihre Krankheit oft nicht wahrhaben. „Da ist der Arzt in einem Dilemma.“

Sötkin Geitner, Leiterin der DAK-Landesvertretung Hessen, weist auf die wirtschaftlichen Folgen hin: „Der riskante Umgang mit Alkohol bleibt ein zentrales Problem in unserer Gesellschaft, das auch gravierende Folgen in der Arbeitswelt hat“, sagt sie bei der Präsentation des aktuellen DAK-Gesundheitsreports am Mittwoch in Darmstadt. Es fehle ein flächendeckendes Angebot zur Alkoholprävention in Hessen; die Krankenkasse werde es mit einem neuen Online-Selbsthilfeprogramm schließen.

Psychiater Hambrecht teilt diese Ansicht nicht: Es gebe genug Anlaufstellen und Selbsthilfegruppen, Suchtberater in jedem größeren Betrieb, jeder Behörde. Nachholbedarf sieht er in kleineren Firmen. Hauptproblem bleibe die fehlende Einsicht in die Krankheit. „Alkohol ist überall verfügbar, der Übergang zur Abhängigkeit fließend.“

Sucht ist das Thema, dem die DAK ihren Gesundheitsreport widmet. Demnach sind 10,6 Prozent der Erwerbstätigen zigarettenabhängig, das sind 336.000 Menschen. In der Altersgruppe der 60- bis 65-Jährigen qualmt fast jeder Vierte. Rund sechs Prozent der hessischen Arbeitnehmer dampfen E-Zigaretten, greifen oft parallel zur herkömmlichen Kippe. Erstmals untersucht der Report auch das Thema Gaming und dessen Auswirkungen auf die Arbeitswelt. Das Ergebnis: Rund 60 Prozent der hessischen Arbeitnehmer nutzen Computerspiele, jeder elfte zockt riskant, 78.000 sind süchtig.

Wer unter sogenannten Substanzstörungen leidet, fehlt fast doppelt so häufig im Job wie ein Kollege ohne auffällige Probleme. Wie dem Report weiter zu entnehmen ist, ist der Großteil der Krankmeldungen bei Suchtproblemen in Hessen auf Alkohol zurückzuführen (75 Prozent). Die Betroffenen zeigten bei allen Diagnosen mehr Fehltage.

Besonders deutlich sei der Unterschied bei psychischen Leiden, wo die Zahl der Fehltage viermal so hoch ist. Bei Muskel-Skelett-Erkrankungen wie Rückenschmerzen gibt es ein Plus von rund 90, bei Atemwegserkrankungen von 40 Prozent. Auch diese Zahlen spiegelten nur einen Ausschnitt der Gesamtbevölkerung wider, sagt Psychiater Hambrecht: Mit Anfang / Mitte 50 seien die meisten Alkoholabhängigen bereits aus dem Erwerbsleben ausgeschieden.

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