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Das Risiko für Altersarmut steigt.

Altersarmut

„In Hessen kommt eine Welle von Altersarmut auf uns zu“

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Linke und Wohlfahrtsverbände mahnen ein Gegensteuern in Hessen an. Frauen sind besonders oft betroffen. Und das nicht nur dort, wo die Mieten hoch sind.

Menschen im Rentenalter sind immer häufiger von Armut betroffen – vor allem Frauen. Und das sei erst der Anfang, fürchten Vertreter von Wohlfahrtsverbänden und Linken. Es werde noch viel schlimmer kommen, wenn die Verantwortlichen in der Politik nicht massiv gegensteuerten.

„Es scheint, als ob viele kein Gefühl mehr dafür haben, was Armut in diesem Land bedeutet“, beklagte Christiane Böhm, sozialpolitische Sprecherin der Linke-Landtagsfraktion am Freitag in Wiesbaden. Dort stellte Böhm die Ergebnisse einer großen Anfrage ihrer Partei an die Landesregierung vor. Vor allem Alleinerziehende und Menschen, die während ihres Berufslebens nur geringe oder gar keine Beiträge in die Rentenkassen zahlen konnten, hätten im Alter oft kaum genug zum Leben. Dazu gehörten auch viele Migranten.

WENIG GELD

Als arm gilt, wer weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Netto-Haushaltseinkommens zur Verfügung hat. Bei Alleinstehenden waren das 2018 monatlich 1035 Euro, bei einem Paar ohne Kinder 1533 Euro.

15,9 Prozentder über 65-Jährigen in Hessen waren im Jahr 2017 armutsgefährdet. pgh

„Ich kenne Menschen, die müssen sich überlegen, ob sie sich das Straßenbahnticket leisten können, mit dem sie von Fechenheim in die Frankfurter Innenstadt fahren wollen“, berichtete Annette Wippermann vom Paritätischen Wohlfahrtsverband. Auch das Seniorenticket, für das die über 65-Jährigen für 365 Euro ein Jahr lang durch Hessen fahren können, sei für viele nicht zu bezahlen.

In den Jahren 2005 bis 2017 habe die Quote jener Älteren, die unter Armut leiden, von gut 14 auf knapp 16 Prozent zugenommen. Frauen seien mit 18 Prozent überdurchschnittlich betroffen. Auch die Zahl jener, die eine Grundsicherung bezögen, habe von 36 500 im Jahr 2010 auf mehr als 50 000 im Jahr 2018 zugenommen. Dabei sei die Dunkelziffer hoch. Böhm schätzt, das nicht einmal die Hälfte der Berechtigten die nötigen Anträge stellten, sei es aus Unwissenheit oder Scham. Auf knapp 94 000 nahezu verdoppelt habe sich im gleichen Zeitraum die Zahl jener, die trotz Rentenalter erwerbsttätig seien. Insgesamt sei Hessen im Ländervergleich vom dritten auf den siebten Platz abgerutscht. Neben prekären oder schlecht bezahlten Beschäftigungsverhältnissen seien es gerade im Ballungsraum die Mieten, die viele Menschen in die Armut trieben. Auf dem Land dagegen, wo die Mieten niedriger seien, sei die Infrastruktur häufig mangelhaft, fehle es etwa an günstigen Einkaufsmöglichkeiten oder guten Busverbindungen, erläuterte Paul Weimann, Landesvorsitzender des Sozialverbands VdK Hessen-Thüringen.

Als Indiz für die zunehmende Armut wertete er den Anstieg der Mitgliederzahlen im VdK. Diese seien innerhalb der vergangenen vier Jahre von 200 000 auf jetzt 280 000 geklettert. „Da kommt eine Welle von Altersarmut auf uns zu“, mahnte Ralf Weidner vom Bündnis soziale Gerechtigkeit Hessen, dem rund 30 Organisationen angehören. So habe schon in den vergangenen zwei Jahren der Anteil von Rentnern, die sich an den Tafeln mit kostenlosen Lebensmitteln versorgen müssten, extrem zugenommen, sagte Wippermann. Die Gefahr, dass Menschen abgehängt würden, wachse und damit deren Anfälligkeit für Populisten, warnte Weimann.

Die schwarz-grüne Landesregierung müsse mehr in den sozialen Wohnungsbau investieren, Mieten deckeln, einen flächendeckenden und kostenfreien öffentlichen Nahverkehr einrichten und seine eigenen Beschäftigten gerade in sozialen Berufen besser bezahlen, forderten Linke und die Vertreter der Wohlfahrtsverbände. Im Bund solle sich Hessen für eine Rentenreform und einen gesetzlichen Mindestlohn von 13 Euro einsetzen.

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