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Hessen: Kindeswohlgefährdung nimmt zu

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Von: Gregor Haschnik

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Die Hessische Statistik weist einen Höchstwert an Fällen von Kindeswohlgefährdung aus. Fachleute fordern mehr Schutz.

Hessische Jugendämter haben 2021 in 5134 Fällen eine akute oder latente Kindeswohlgefährdung festgestellt. Dies ist der höchste Wert seit Beginn der Statistik im Jahr 2012. Gegenüber dem Vorjahr nahm die Fallzahl laut Statistischem Landesamt um ein Prozent zu, obwohl mit 15 400 Einschätzungen 200 weniger erfolgten als 2020. Im Vergleich zu 2012 hingegen wurden die Prüfungen verdoppelt.

Den Angaben zufolge kamen Jugendamtsmitarbeiter:innen zu dem Schluss, dass in 17 Prozent der Fälle eine akute Gefährdung vorliege und in 16 Prozent eine latente. Als Ursachen wurden in 48 Prozent der Fälle psychische Misshandlungen, in 47 Prozent Vernachlässigung, in 25 Prozent körperliche Misshandlungen und in fünf Prozent Zeichen sexueller Gewalt genannt (Mehrfachnennungen möglich). Die Ämter ordneten 2021 4214 Schutzmaßnahmen – etwa eine Inobhutnahme oder eine Herausnahme aus einem Zuhause – für Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre an. Die Steigerung von vier Prozent gegenüber 2020 resultiere in erster Linie aus mehr unbegleiteten Einreisen aus dem Ausland (plus 39 Prozent). Die häufigsten Gründe für Maßnahmen waren Überforderung von Eltern (35 Prozent der Fälle), unbegleitete Einreisen (32 Prozent) und Zeichen für Vernachlässigung oder körperliche Misshandlung (13 beziehungsweise 14 Prozent).

Großes Dunkelfeld

Familiengerichte beschlossen 2021 in 873 Fällen Schritte zum teilweisen oder vollständigen Entzug der elterlichen Sorge und damit in fünf Fällen mehr als 2020.

Zur Einordnung der Zahlen sagt Maud Zitelmann, Professorin für Jugendhilfe und Kinderschutz an der Frankfurt University of Applied Sciences: „Während der Corona-Pandemie haben die Jugendämter im Krisenmodus unter Bedingungen gearbeitet, die schon davor in berechtigter Kritik standen. Die Wahrnehmung gefährdeter Kinder und Jugendlicher ist erschwert worden, auch durch die temporäre Schließung von Schulen und Kitas.“ Von diesen seien zunächst deutlich weniger Fälle von Gewalt gemeldet worden, wie Statistiken zeigten. Expert:innen hätten zu Recht frühzeitig davor gewarnt.

Danach ist „das Hellfeld vermutlich etwas größer geworden, doch das Dunkelfeld ist nach wie vor unfassbar groß.“ Die jüngsten Zahlen seien ein trauriger Beleg dafür, „dass Kinderschutz in der Pandemie zu kurz kam“. Dadurch dass Familien auf engem Raum und zeitweise isoliert gelebt hätten, „haben sich Krisen zugespitzt und kam es vermehrt zu Gewalt“.

Zitelmann fordert einen Ausbau kommunaler Kinderschutzstrukturen, der bitter notwendig und überfällig sei. „Fachkräfte kommen oft ohne jede Qualifikation im Kinderschutz aus dem Studium, im Amt betreuen sie dann viel zu viele Familien.“ Viele kündigten nach zwei, drei Jahren. „Das Recht des Kindes auf Ermittlung seiner persönlichen Situation und Bedürfnisse, auf Schutz und passgerechte Hilfen kann so nur schwer gewahrt werden.“

Die Statistik sei „nur die Spitze des Eisbergs“, warnt auch Silke Arnold, hessische Landesvorsitzende beim Deutschen Kinderschutzbund. „Die Entwicklung ist erschreckend, aber kaum verwunderlich. Schon 2020 haben Fachleute unisono vor den Folgen einer Schließung von Kitas, Schulen, Jugendzentren und Beratungsstellen gewarnt.“ Dazu dürfe es nicht mehr kommen. Solche Einrichtungen seien kein Beiwerk, sondern existenziell und müssten personell wie finanziell besser ausgestattet werden.

Arnold betont: „Hinter jeder Zahl steht ein Einzelschicksal, mit gravierenden langfristigen Folgen.“ An der Prävention müssten Kinder und Jugendliche viel stärker beteiligt werden: „Sie wissen, was es braucht.“

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