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Eine Hinweistafel weist in Frankfurt auf den Warnstreik hin.

Streik

Hessen: Kein Bus für Zehntausende Pendler

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In ganz Hessen sind am Freitag zahlreiche Fahrten ausgefallen, weil 1500 Busfahrer streiken. Verdi setzt nun auf neue Verhandlungen.

Der Vater aus dem Gallus hatte es noch relativ einfach. Er brachte seine zweijährige Tochter zu Fuß in die Kita – im strömenden Regen. Komplizierter wurde es für die Familie aus Seckbach. Schon am Vorabend organisierte der derzeit alleinerziehende Papa mit dem Motorroller ein Carsharing-Fahrzeug. Legte dafür mehr als 20 Euro hin. „In Seckbach ist man ohne Bus von der Außenwelt abgeschnitten“, sagt der dreifache Vater. Dass die Busfahrer streiken, sei ihr gutes Recht. „Trotzdem ist es nervig.“

Nicht nur in Frankfurt warteten viele Bürger am Freitag vergeblich an den Haltestellen auf einen Bus. Zehntausende in Hessen blieben ohne Anschluss. Allein im Raum Darmstadt waren nach Angaben des Geschäftsführers der Darmstadt-Dieburg Nahverkehrsorganisation, Matthias Altenhein, 60 000 bis 65000 Menschen von dem Ausstand betroffen. Die Gewerkschaft Verdi hatte den ganztägigen Ausstand der privaten Busfahrer zwar am Vortag angekündigt. Doch nicht jeden hatte die Information erreicht. In Offenbach blieben alle 87 städtischen Busse im Depot. Jede Menge Kinder standen am Vormittag auf den Bürgersteigen und kamen nicht zur Schule.

Betroffen waren nach Verdi-Angaben außerdem Gießen, Langen, im Main-Kinzig-Kreis der Regionalverkehr sowie Maintal, Erlensee, Wächtersbach und Gelnhausen. Des Weiteren Hofheim, Kassel, Mainz, Fulda, Darmstadt sowie Weiterstadt. Streikleiter Jochen Koppel zeigte sich am Nachmittag zufrieden: Gut 1500 Kollegen hätten sich in ganz Hessen beteiligt. „Das sind fast alle Unternehmen, die wir aufgerufen hatten.“ Trotz des Regens sei die Stimmung sehr gut. „Wir haben Stärke gezeigt und erwarten jetzt, dass die Arbeitgeber auf uns zukommen und endlich verhandeln.“

Worum es geht

Die Forderungen: Das Grundgehalt steigt von jetzt 13,50 Euro auf 16,60 Euro, der Grundurlaub von 25 Tage auf 30 Tage innerhalb der geforderten Fünf-Tage-Woche. Verdi-Mitglieder erhalten zwei zusätzliche freie Tage.

Der Ist-Zustand: Außer dem Grundgehalt gibt es Zuschläge. Die für die Betriebszugehörigkeit liegen zwischen 28 und 45 Cent pro Stunde. Im Rhein-Main-Gebiet gibt es noch einen Ballungsraumzuschlag von 40 Cent pro Stunde. Sonntags gibt es auch mehr Geld.

Verdi hatte in dieser Woche die Verhandlungen in der dritten Runde abgebrochen. Der Landesverband hessischer Omnibusunternehmer sei weder auf Lohnforderungen eingegangen noch habe er ein eigenes Angebot vorgelegt. Volker Tuchan vom Busunternehmerverband warf der Gewerkschaft vor, mit ihren unrealistischen Forderungen dem Klima zu schaden: „Wenn Pendler durch kräftig steigende Ticketkosten abgeschreckt werden, ihr Mobilitätsverhalten zu ändern, ruiniert das Busunternehmen, Arbeitsplätze dort und zugleich die Entwicklungsdynamik der Verkehrswende.“

Das Gegenteil sei der Fall, sagte Verdi-Sprecherin Ute Fritzel. Die Unternehmen suchten bekanntlich händeringend nach Fahrern, der Arbeitsmarkt sei leer gefegt. Die Lösung sei eine bessere Bezahlung. Das mache den Beruf attraktiver.

Unterstützung erhoffen sich die Busfahrer von Hessens Verkehrsminister Tarek Al-Wazir (Grüne). Er könne die Rahmenbedingungen verbessern, etwa durch mehr Geld für die Schülerbeförderung. Eine Delegation überreichte am Freitagvormittag Vertretern des Ministeriums eine Liste mit 2700 Unterschriften, die sie bei Kunden und Kollegen gesammelt hatten. Sie führten ein Transparent mit, auf dem sie mehr Lohn, mehr Urlaub und die Reduzierung der bis zu 14 Stunden langen Schichten forderten. Als „Klimaretter“ leisteten sie mit ihrer professionellen Arbeit einen wichtigen Beitrag für die Gesellschaft. „Wir bringen Schulkinder in die Schule, ältere Menschen sicher zum Arzt und diejenigen sicher zum Ziel, die auf den Nahverkehr angewiesen sind.“

Die Busfahrer forderten keineswegs utopische Summen, sagt Fritzel. Sie wollten einzig einen angemessenen Lohn, um ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können. Nicht wenige Frankfurter Kollegen könnten sich nur mit einem Mietzuschuss von der Stadt über Wasser halten. Verdi setzt nun auf neue Verhandlungen. Scheitern die wieder, kommt es zur Urabstimmung, schlimmstenfalls zum längeren Streik. Vielen Bürgern ist der Januar 2017 noch gut in Erinnerung, als bei Minustemperaturen die Busse zehn Tage im Depot blieben. Eine solche Situation soll sich nicht wiederholen. Das hoffen alle Beteiligten. Der Vater aus Seckbach kann sich noch gut an damals erinnern. „Aber Streik muss ja auch wehtun.“ mit dpa

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