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Steinskulpturen auf Schotter - hier finden Bienen keine Nahrung mehr.

Interview

Hessische Städte kämpfen gegen die umweltfeindlichen Schottergärten

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Nabu-Biologin Kathrin Kaltwaßer zu Kieseln statt Pflanzen im Vorgarten und dem schädlichen Einfluss der Versiegleung aufs Klima.

Frau Kaltwaßer, es gibt enorm viele Vorgärten mit Schotterbelag – oder täuscht das?
Das ist gerade ein ziemlich großer Trend, und zwar deutschlandweit.

Seit wann das? Und wozu?
Es nimmt seit einigen Jahren zu. Wir vom Nabu haben das Thema deshalb 2018 aufgegriffen. Ich schätze, es hat sich so eingeschlichen, weil die Leute weniger Zeit in ihre Vorgärten investieren wollen. Es wird auch angepriesen als heilbringende Lösung, die einem Arbeit abnimmt. Aber vielen ist gar nicht bewusst, was sie sich da vors Haus holen.

Wie wirken sich solche verschotterten Gärten aufs Klima aus?
Sie sind fürs Stadtklima ein Problem – und sie erschweren es den Städten, mit dem Klimawandel umzugehen. Zusammengezählt ergeben die Vorgärten ja eine ganz erhebliche Fläche, fast so groß wie alle deutschen Naturschutzgebiete. Es ist also nicht egal, wie viele davon Schottergärten werden.

Schüttet man den Schotter einfach hinter den Zaun?
Nein, der Boden wird vorbereitet: Darunter ist Vlies, manchmal sogar Stein oder eine Plastikplane, damit kein Unkraut hochkommt. Damit haben wir eine Teil- oder Komplettversiegelung. Wenn Regen fällt, kann nichts versickern. Bei Starkregen ist es noch schlimmer.

Warum?
Die Kanalsysteme der Städte haben ohnehin Probleme mit Starkregen, das Wasser fließt dann unkontrolliert ab. Ein Garten kann richtig viel Wasser aufnehmen – ein Schottergarten nicht. Ein weiteres Problem ist, dass steinerne Gärten sich wahnsinnig aufheizen, gerade wenn wir solche heißen Perioden wie im Juli haben. Die Hitze wird von den Steinen gespeichert und über Nacht abgegeben. Das heißt: Man hat sich einen Backofen vor die Tür gesetzt. Die Nachtabkühlung kommt gar nicht richtig in Gang. Ein Vorgarten hat durch die Pflanzen und die Bodenverdunstung einen Kühleffekt, dort ist es insgesamt nicht so heiß. Wo Schottergärten sind, ist es im Dorf oder Stadtviertel im Sommer wärmer.

Es versickert nicht mal Wasser durch die Steine?
Nein. Dann würde ja etwas von unten wachsen und das wollen Inhaber von steinernen Gärten vermeiden. Es soll ja eine klinische Fläche mit Steinen sein.

Klinische Vorgartenbesitzer könnten, um es auf die Spitze zu treiben, Glyphosat streuen …
Das ist ja in Privatgärten verboten. Überhaupt ist es ein Trugschluss, dass ein Schottergarten bleibt, wie er ist. Vielleicht in den ersten ein, zwei Jahren, aber dann tragen Wind und Regen und Tiere, die doch zufällig vorbeikommen, Samen und Humus heran, dann kommen die ersten Pionierpflanzen, und das sind auch die hartnäckigen. In so einem steinernen Garten zu jäten, ist wirklich kein Spaß, das ist viel Arbeit. Moose und Algen kommen auch irgendwann, und im Prinzip müsste man die Steine komplett reinigen.

Eine Firma mit der Pflege beauftragen? Sicher teuer.
Ja. Und wenn man sich bekehren lässt und das Ganze zurückbauen und entsorgen will, wird es noch viel teurer. Also am besten gar nicht damit anfangen.

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Wie gehen Tiere mit Schottergärten um?
Für Tiere ist das ein toter Raum. Es gibt das eine oder andere Insekt oder Reptil, das die Wärme der Steine nutzt. Aber es kann sich da nichts dauerhaft etablieren, denn es ist einfach nichts zu fressen da. Da ist keine Vegetation. Wenn sich doch mal was dahin verirrt, sind es Neophyten, also nichtheimische Pflanzen, mit denen unsere heimische Tierwelt nicht viel anfangen kann. Vorgärten sind auch wichtige Trittsteine, Korridore für wandernde Arten.

Kann man Leute zwingen, ihre Gärten zu bepflanzen?
Es gibt heute schon Regionen, in denen Besitzer von Schottergärten eine höhere Abwassergebühr bezahlen müssen, weil sie das Kanalsystem zusätzlich belasten. Einige Kommunen überlegen, in Neubaugebieten solche Schottergärten zu untersagen. Ich glaube, der sinnvollere Weg ist aber, die Leute zu bekehren, ihnen klarzumachen, was sie da tun – was sie sich auch selbst damit antun. Ich möchte nicht mein Haus von so einem Schotterfeld aufgeheizt bekommen. Und ihnen auch klarmachen, dass sie auf Dauer gar nicht weniger Arbeit dadurch haben. Überzeugen wirkt nachhaltiger als verbieten.

Keine Zeit mehr für den eigenen Garten – ein bemerkenswertes Zeichen der Zeit.
Wer berufstätig ist und pendelt, hat weniger Zeit übrig, und dann ist die Frage, wofür man sie nutzt. Vielen ist auch nicht bewusst, dass Garten gar nicht unglaublich viel Arbeit sein muss. Sie haben dieses Bild vor Augen: perfekt gepflegter Rasen, supermanikürte Rabatten, da darf kein Halm Unkraut stehen … So etwas macht natürlich viel Arbeit. Wer aber seinen Garten naturnah gestaltet und nicht voll mit Exoten, sondern mit heimischen Pflanzen, die an den Standort angepasst sind – dann macht der Garten wenig Arbeit. Es gibt auch Gärten für Faule, die sogar noch für die Tierwelt ein Gewinn sind.

Kathrin Kaltwaßer, 38, ist Biologin und Referentin für Umweltkommunikation beim Landesverband Hessen des Naturschutzbunds (Nabu). 

Welche einfachen Möglichkeiten gibt es denn, einen naturfreundlichen Garten zu gestalten?
Ganz wichtig ist nachzuschauen oder sich beraten zu lassen: Welche Bedingungen habe ich an meinem Standort, welche Art Boden? Kann man übrigens auch herausfinden, wenn man schaut, welches Wildkraut von selbst wächst, und sich informiert, was diese Pflanzen gern haben. Wenn ich das weiß, kann ich schauen, welche heimischen Pflanzen sich für meinen Garten eignen. Die brauchen dann die geringste Pflege, die sind zufrieden. Eine Pflanze, die viel Wasser braucht und in einem trockenen Garten steht, muss ich ständig gießen, die wird anfällig für Insekten, die macht mir keine Freude. Aber eine Pflanze, die dort steht, wo sie hingehört, ist oft ein Selbstläufer.

Welche Pflanze möchte denn in einem trockenen Boden stehen?
Da gibt es ganz tolle Steingartenpflanzen – denn Steingarten ist ja etwas ganz anderes als Schottergarten. Das ist ein Garten, in dem magere Pflanzen und viele Steine sind. Da gibt es Mauerpfeffer oder Färberginster zum Beispiel, die machen einen schönen Teppich, blühen toll, können also viele Insekten ernähren, sind sehr robust, und man muss nicht viel machen. Oder: klassische Küchenkräuter, Thymian, Lavendel, Salbei. Die brauchen nicht viel Wasser, wachsen ganz entspannt, sind pflegeleicht und auch für Insekten sehr interessant.

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Und man hat sogar noch etwas für die Küche.
Es kann doch Spaß machen, sich mit seinem Garten zu beschäftigen. Und man spart sogar Geld, wenn man ein paar Sachen anbaut, die man selbst nutzen kann. Es ist nicht nötig, ständig Kräuter zu kaufen – man hat sie vor der Haustür, so frisch, wie man sie nirgendwo kriegt. Oder: Beerenbüsche setzen. Die sind für Vögel und Insekten wunderbar, und man kann was ernten. Gerade für Kinder eine ganz tolle Sache.

Kann man sich damit an den Nabu wenden, geben Sie Informationen?
Wir haben vieles zum naturnahen Gärten, zum Verzicht auf Gift und Torf, wir haben eine Broschüre namens „Gönn dir Garten“, die erklärt, wie man seinen Garten naturnah macht, und auf unseren Onlineseiten kann man etwa gucken, welche Wildpflanzen geeignet sind für Garten oder Balkon, Schatten oder Sonne.

Interview: Thomas Stillbauer

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