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Hessen in Peking: Mit Diamanten zu den Olympischen Spielen

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Von: Peter Hanack

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Perfektionist: Felix Rijhnen. Der Eisschnellläufer startet in Peking. Seine Kufen sind spiegelglatt poliert – mit besonderem Spray.
Perfektionist: Felix Rijhnen. Der Eisschnellläufer startet in Peking. Seine Kufen sind spiegelglatt poliert – mit besonderem Spray. © privat

Der Darmstädter Eisschnellläufer Felix Rijhnen bekommt Hilfe vom Hanauer Firmenchef Horst Lach. Die beiden verbindet ein ganz besonderer Stoff: Diamanten.

Am nächsten Sonntag wird der Darmstädter Felix Rijhnen um 16.30 Uhr Ortszeit (bei uns 9.30 Uhr) als einer von sechs Hess:innen in Peking an den Start gehen. Rijhnens Disziplin: Eisschnelllauf, 5000 Meter. Für den 31 Jahre alten Athleten sind es die ersten Olympischen Spiele. Horst Lach wird dann mit Sicherheit vor dem Fernseher sitzen und mitfiebern. Denn Felix Rijhnen und den 50 Jahre älteren Hanauer verbindet eine Freundschaft – und ein ganz besonderer Stoff.

Lach ist Inhaber und – gemeinsam mit seinem Sohn Robert – geschäftsführender Vorstand von „Lach Diamant“. Das Unternehmen, 1922 von Lachs Vater Jakob gegründet, ist weltweit führend bei der Entwicklung und Herstellung von Diamantwerkzeugen, wie sie etwa zum Bohren, Schleifen oder Fräsen gebraucht werden. „Ein solch großes Sortiment an Diamantwerkzeugen finden Sie sonst nirgendwo“, sagt Firmenpatriarch Lach und überfliegt mit der rechten Hand die Vitrinen, in denen Bohrer, Schleifscheiben und Fräsen ausgestellt sind wie Schmuckstücke beim Juwelier.

Was das mit Olympischen Winterspielen und Eisschnelllauf zu tun hat? „Gemach“, sagt Horst Lach.

Die Verbindung zum Sport stiften synthetische Diamanten, wie sie das Hanauer Familienunternehmen verarbeitet. Genauer gesagt: Diamantspray. Das ist nichts, was Wohlbetuchte gebrauchen könnten, um sich mit Glanz und Glitzer zu schmücken. Es glitzert nicht einmal, wenn man es aufsprüht, sondern erinnert eher an Backofenreiniger. Diamantspray dient in der Tat einem profanen Zweck: dem Polieren von Metallen. Und ja, natürlich: beim Eisschnelllauf sind das die Kufen. Aber gemach.

Horst Lach stieg 1960 in die Firma seines Vaters ein. Da waren sie zu dritt. Vater, Sohn und ein Buchhalter. Vor dem Zweiten Weltkrieg hatte das Unternehmen 600 Lohnschleifer beschäftigt, die Diamanten für die in Hanau traditionell große Schmuckindustrie in Form brachten. Nach dem Krieg war davon kaum noch etwas übrig. Die Schmuckindustrie und das Lohnschleifen kamen nicht nur in Hanau, sondern in ganz Deutschland nicht mehr so richtig auf die Beine. Die Lachs stellten um auf die Verarbeitung von Industriediamanten und die Werkzeugherstellung und begründeten so ein heute weltweit tätiges Unternehmen.

Möglicherweise war Horst Lach der Weg in die Führungsetage in die Wiege gelegt. Es hätte aber auch anders kommen können. Der Heranwachsende begeisterte sich für die Filmerei, gewann als Mitglied beim renommierten Hanauer Film-Klub mehrere Preise, war bei den Amateurfilmfestspielen in Hamburg, München und Köln vertreten. Der Hessische Rundfunk hatte ihm 1959 sogar eine Stelle als Kameraassistent angeboten.

Doch Horst war auch der einzige Sohn, sein Vater – bereits im Rentenalter – brauchte ihn in der ums Überleben kämpfenden Firma. So ließ der junge Mann seine künstlerischen Ambitionen sausen und wurde Industriekaufmann. Noch heute ist er stolz darauf, damals mit 220 Anschlägen in der Minute einer der besten Schreibmaschinenschreiber gewesen zu sein. Schnell ist er da noch immer – und ärgert sich bis heute über den einzigen Tippfehler bei der damaligen zehnminütigen Abschlussprüfung.

Vielleicht muss man so perfektionistisch sein, um mit Werkzeugen weltweit erfolgreich sein zu können. Und vielleicht ist Perfektionismus ja neben dem Diamantspray etwas, was den Unternehmer Lach und den Spitzensportler Rijhnen verbindet.

2012 sind sie sich das erste Mal begegnet. Damals war Rijhnen noch kein Olympiakandidat, nur Insider:innen bekannt. Er hatte von den deutschen Bobfahrern gehört, dass die die Kufen ihrer Gefährte mit einem Spray aus Hanau flott machten. Der heutige Bundestrainer Norbert Loch war 2005 auf diesen Dreh gekommen. Mit dem Diamantspray lassen sich Metalle nicht nur spiegelglatt, sondern auch besonders zügig polieren.

Rijhnen erhielt aus Hanau das Spray, das es im Einzelhandel nicht zu kaufen gibt und von dem eine einzelne Flasche auch für Großkunden deutlich mehr als 100 Euro kostet. Viel Geld für einen Sportler. Und Glück für Felix Rijhnen, dass Lach ihn seitdem unterstützt.

Neben Rijhnen nutzen nicht nur viele Bob- und Rodelsportler:innen das Spray. Auch viele Eisschnellläufer:innen bringen damit inzwischen die Kufen ihrer Schlittschuhe auf Hochglanz. Wie viele Sportler:innen es insgesamt sind, die ihre Hoffnungen auf große Siege auch auf die Diamanten aus Hanau setzen, weiß Horst Lach nicht. Auch nicht, wie viele Medaillen damit schon gewonnen wurden. Er hofft darauf, dass es jetzt vor allem für Felix gut läuft in Peking. Er will ihn noch einmal anrufen, bevor die Wettkämpfe starten und Glück wünschen.

Beim Rennen am Sonntag werden dann wohl auch Sohn Robert und die Töchter, die ebenfalls im Unternehmen arbeiten, vor dem Bildschirm sitzen und die Daumen drücken. „Bei uns fiebert die ganze Belegschaft mit“, sagt Lach.

Er selbst spielt Golf. „Hätte ich etwas früher angefangen, wäre mein Handicap sicher besser“, sagt er. Zum Einlochen nutzt er einen ganz besonderen Putter. Zentrales Bauteil ist ein synthetischer Diamant mit extrem glatter Oberfläche. „Wenn man den Ball damit trifft, läuft er ruhiger ins Loch“, ist Lach überzeugt. Glaube kann auch Wunder bewirken.

Perfektionist: Horst Lach. Der Hanauer Unternehmer hat ein Spray mit Diamanten entwickelt.
Perfektionist: Horst Lach. Der Hanauer Unternehmer hat ein Spray mit Diamanten entwickelt. © privat

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