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Hessen: Immer mehr Bedürftige auf Tafeln angewiesen

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Von: Gregor Haschnik

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Die Teuerung betrifft viele Produkte. Die Preise für Fleisch etwa sind um zwölf Prozent gestiegen. imago
Die Teuerung betrifft viele Produkte. Die Preise für Fleisch etwa sind um zwölf Prozent gestiegen. imago © IMAGO/Martin Wagner

Die Teuerungsrate ist so hoch wie seit vier Jahrzehnten nicht mehr. Auch Menschen, die bislang in keiner Armutsstatistik auftauchten, geraten in Not.

Die Situation ist sehr dramatisch“, sagt Willi Schmid, Vorsitzender des Landesverbands der hessischen Tafeln. Ein Blick auf die vor wenigen Tagen ermittelten Zahlen, die der FR exklusiv vorliegen, zeigt, dass Schmid keineswegs übertreibt: 81 Prozent der Tafeln in Hessen verzeichnen seit Oktober 2021 mehr als 20 Prozent mehr Kund:innen, sieben Prozent einen Zuwachs zwischen zehn und 20 Prozent und zehn Prozent der Einrichtungen ein Plus von bis zu zehn Prozent.

Die Ursachen seien vielschichtig, so Schmid. Die größte Gruppe der neu Hinzugekommenen seien Geflüchtete aus der Ukraine, die derzeit etwa zwölf Prozent der insgesamt 115 000 Hilfebedürftigen ausmachten. Es gebe aber auch viele ältere Stammkund:innen, die zur Tafel „zurückgekehrt“ seien, weil sie „es nicht mehr alleine schaffen“ und ansonsten hungern müssten. Ähnlich gehe es zahlreichen Familien mit „niedrigem Einkommen aus Arbeit“, die nicht mehr über die Runden kämen.

Hauptgrund ist der enorme Anstieg vor allem bei Energie-, Nahrungsmittel- und anderen Verbraucherpreisen. Letztere sind laut Statistischem Landesamt im April dieses Jahres um 7,9 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat gestiegen. Im März lag der Wert bei acht Prozent – so hoch wie seit 1974 nicht mehr. Wesentlicher Treiber sind weiterhin die im Vergleich zu April 2021 im Durchschnitt gut 40 Prozent höheren Energiekosten.

Gegenüber März 2022 sind sie zwar um 4,6 Prozent zurückgegangen, doch das ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein, auch weil Nahrungsmittel seit April 2021 insgesamt um 7,7 Prozent und teils viel teurer geworden sind: Eier um 26,2 Prozent, Fette und Öle um 24,7 Prozent, Fleisch um 12,4 Prozent. Molkereiprodukte um 7,3 Prozent, Brot um 6,4 Prozent, Gemüse um 5,8 Prozent. Auch bei Gebrauchsgütern sind die Aufschläge hoch, etwa bei Computern (plus 11,5 Prozent), Fahrrädern (10,9 Prozent), Mobiltelefonen (8,8 Prozent), Kleidung (7,7 Prozent). Die wichtigsten Ursachen seien der Ukrainekrieg und die Energiepreise.

Das Amt ermittelt mit dem Verbraucherpreisindex monatlich die durchschnittliche Preisentwicklung von 650 Waren und Dienstleistungen, die private Haushalte kaufen. Die Veränderung zum Vorjahresmonat beziehungsweise zum Vorjahr ist die Inflations- oder Teuerungsrate.

Yasmin Alinaghi, Geschäftsführerin des Paritätischen Wohlfahrtsverbands Hessen, sagt: „Die hohe Inflation trifft uns alle. Besonders stark betroffen sind aber Menschen, die an oder unter der Armutsgrenze leben.“ Sie könnten die extreme Teuerung nicht mit einer verstärkten Suche nach Sonderangeboten oder mit finanziellen Puffern kompensieren. Letztere hätten sie schon vorher nicht bilden können. Es gehe bei ihnen oft darum, ob sie sich überhaupt etwas zu essen leisten könnten. Darunter seien zum Beispiel Erwerbslose und Alleinerziehende, aber auch jene, die bislang nicht als arm gälten und in keiner Statistik auftauchten.

Die Politik, fordert Alinaghi, müsse dafür sorgen, dass die Menschen ihr Leben ausreichend finanzieren könnten, etwa mit adäquaten Mindestlöhnen und -renten und einem mindestens auf 600 Euro erhöhten Hartz-IV-Regelsatz. Die Geschäftsführerin verweist auch auf die vor allem aktuell viel zu niedrigen 155 Euro monatlich, die in der Grundsicherung für Lebensmittel vorgesehen sind. Einmalzahlungen von mehreren Hundert Euro, wie im Bund beschlossen, reichten nicht aus.

Wichtig sei zum einen, dass die Hilfen nicht „mit der Gießkanne“ erfolgten, so Alinaghi, sondern passgenau, gerade für die besonders Betroffenen. Etwas günstigere Kraftstoffe beispielsweise würden tendenziell eher denjenigen, die etwas mehr Geld hätten, zugutekommen.

Zum anderen brauche es neben kurzfristigen auch umfassende, nachhaltige Maßnahmen, bei denen Bund, Land und Kommunen Hand in Hand agierten – zum Beispiel wirksame Investitionen in bezahlbaren Wohnraum, öffentlichen Nahverkehr und Bildungsangebote. Nur so ließe sich soziale Spaltung verhindern.

Auch die Diakonie Hessen mahnt, dass sich bestehende Ungleichheiten derzeit verschärften und Armut drastisch zunehme. Das merke sie auch an einer steigenden Nachfrage bei ihrer Schuldnerberatung und Wohnungsnotfallhilfe, wo viele Ratsuchende Angst hätten, nach der nächsten Nebenkostenabrechnung ihre Miete nicht mehr zahlen zu können.

Die Diakonie macht zudem auf den Inflationsmonitor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung der Hans-Böckler-Stiftung (abrufbar auf www.boeckler.de) aufmerksam, laut dem die Inflation im März auf 7,3 Prozent stieg. „Neben der konkreten Belastung setzt den Menschen vor allem die Unsicherheit zu“, sagt Carsten Tag, Vorstandsvorsitzender der Diakonie Hessen. Sie wüssten nicht, „wie sich die Preise zum Beispiel für Lebensmittel weiter entwickeln werden und ob Sparen oder der Griff nach Sonderangeboten in einem halben Jahr noch reichen, um die Familie durch den Monat zu bringen“.

Die Diakonie Deutschland schlägt deshalb vor, eine Kindergrundsicherung einzuführen und in den Sozialgesetzbüchern einen Zuschlag für soziale Notlagen festzuschreiben. Der Bundestag solle entscheiden, wann eine Notlage bestehe und wie hoch die Pauschalen der Leistungsberechtigten sein sollten.

Die Tafeln gehören zu denjenigen, die der Not mit aller Kraft entgegenwirken. Dabei brauchen sie selbst dringend Unterstützung, kämpfen um ihre Existenz: Während die Zahl der Bedürftigen stark zugenommen habe, seien die Lebensmittelspenden deutlich zurückgegangen, berichtet Willi Schmid. Bei 30 Prozent der Tafeln um mehr als 20 Prozent, bei 47 Prozent um zehn bis 20 Prozent. Es mangele sowohl an lange haltbaren als auch an frischen Lebensmitteln. Zu den Gründen zählten die immer ausgefeiltere Planung der Märkte, durch die weniger Waren übrig blieben. Und direkte, große Spenden in die Ukraine, die „nachvollziehbar und richtig“ seien.

Gleichzeitig setzten die hohen Energiekosten, etwa für Fahrten und Kühlung, den Tafeln arg zu. Schmid bittet um Hilfe: Die Tafeln seien auf spürbar höhere Zuschüsse, mehr Geld- und Essensspenden, auch von Privatleuten, angewiesen. Darüber hinaus seien gesetzliche Regelungen wie etwa in Frankreich notwendig, nach denen Märkte kein Essen mehr wegwerfen dürften, sondern an Hilfsorganisationen weitergeben müssten.

Es komme zurzeit leider immer wieder mal vor, dass die Tafeln Menschen wegschicken müssten, ohne ihnen etwas geben zu können, berichtet Schmid. „Das wollen wir unbedingt verhindern. Im Sinne der Betroffenen und unserer Ehrenamtlichen, die das auch belastet.“

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