Missstände in der Psychiatrie Frankfurt
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Missstände in der Psychiatrie Frankfurt.

Gesundheit

Hessen: Gute Psychiatrie erst in fünf Jahren

  • Jutta Rippegather
    vonJutta Rippegather
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Der Abschlussbericht zur Psychiatrie in Frankfurt Höchst liegt vor. Er zeigt Wege zu einer besseren Behandlung auf.

Die stationäre Psychiatrie am Klinikum Frankfurt Höchst braucht eine kompetente, veränderungswillige Leitung. Und sie benötigt „ausreichende finanzielle wie personelle Resourcen“. Das sind die Grundvoraussetzung für die Entwicklung zu einem „Haus der guten Psychiatrie“ bis zum Jahr 2026. Zu diesem Ergebnis kommt Hans-Joachim Kirschenbauer in seinem dritten Bericht, mit dem der Gutachter seine Arbeit im Auftrag des städtischen Klinikums abschließt. Anstoß war der TV-Bericht des „Team Wallraff“ über Missstände in der geschlossenen Psychiatrie. Doch das Gutachten soll mehr leisten, als den Weg zu einer besseren Versorgung in der Klinik aufzuzeigen, wie Hessens Sozial- und Integrationsminister Kai Klose (Grüne) anlässlich der Veröffentlichung des Abschlussberichts am Montag betonte: „Die nun vorliegenden Ergebnisse und Empfehlungen sind über Höchst hinaus eine gute Grundlage, weiter an der Verbesserung der psychiatrischen Versorgung in ganz Hessen zu arbeiten.“

Das Klinikum werde nun prüfen, in welchem Zeitrahmen die Vorschläge umsetzbar sind, sagte Geschäftsführerin Dorothea Dreizehnter. Seit Herbst arbeiteten die Verantwortlichen bereits an dem Ziel, die Qualitäts-DIN-Norm ISO 9001:2015 zu erfüllen. Auch gebe es erste Gespräche, um therapieerfahrene Menschen in die Behandlung anderer Patientinnen und Patienten mit einzubeziehen. „Dieses sogenannte Ex/In-Konzept bedeutet in der psychiatrischen Versorgung eine ergänzende Unterstützung auf Augenhöhe.“ In Kürze werde ein Ruhezimmer als Rückzugsort für Patienten eingerichtet, das neue Licht- und Farbkonzept auf der geschlossenen Station umgesetzt. Mangels Handwerker habe sich das verzögert.

39 Empfehlungen

Reportage mit Folgen

Vor einem Jahrstrahlte RTL den Beitrag des „Team Wallraff undercover“ über Psychiatrien in Deutschland aus. Unter anderem hatte eine Reporterin als Praktikantin auf der geschlossenen Station der Psychiatrie des Klinikums Frankfurt-Höchst heimlich gefilmt.

Der Berichtzeigte mangelhafte medizinische Betreuung, häufige und lange Fixierungen von Patienten, ruppiges und genervtes Personal. Es war laut und schmutzig, die Stimmung aggressiv.

Die Öffentlichkeitwar erschüttert. Psychiatriebetroffene und Angehörige gaben zu Protokoll, diese Zustände seien kein Einzelfall. Sie forderten mehr Personal, weniger Medikamente und Fixierung nur als allerletztes Mittel.

Hessens SozialministerKai Klose (Grüne) führte Gespräche mit Vertretern der Stadt und des Klinikums. Ergebnis: Gutachter Kirschenbauer untersuchte die Station, regte in den ersten beiden Zwischenberichten Verbesserungen an, die zum Teil schon umgesetzt sind. Die Besuchskommissionen für alle hessischen Psychiatrien nahmen ihre Arbeit auf.

Über den aktuellen Standder angestoßenen Verbesserungen informiert die Klinik auf ihrer Homepage. Dort steht auch der Abschlussbericht.  
www.klinikumfrankfurt.de

Was in den vergangenen Monaten geschah, war nur ein Vorgeschmack, schreibt Kirschenbauer in seinem knapp 160 Seiten umfassenden Abschlussbericht. „Die Bewährungsproben für wirksame, umfassende und nachhaltige Verbesserungen der Klinik stehen noch aus.“ Seine 39 Empfehlungen will er als „Orientierungspunkte“ verstanden wissen. Auch sei ihm bewusst, dass Veränderungsprozesse oft schwer zu bewerkstelligen sind, „weil sie auf vielfältige Interessen vieler unterschiedlicher Beteiligter und somit auch auf starke Beharrungskräfte im Alltag stoßen“. So schlägt er unter anderem eine neue „Visitenkultur“ vor. Schon bei der Präsentation der beiden Zwischenberichte hatte der Psychiater angemerkt, dass Visiten auf dem Stationsflur ein No-Go seien. Dem gegenüber stellt er einen „personenzentrierten, partizipativen und wertschätzenden Umgang mit den Patienten“.

Der Gutachter empfiehlt unter anderem ein besseres Entlassungsmanagement sowie „verbindliche Kooperationen“ mit Gemeindepsychiatrie, Angehörigen oder Selbsthilfe und eine Leitlinie zur Verhinderung von Zwang. Um diese Ziele umzusetzen benötige die Klinikleitung Unterstützung durch externen Sachverstand. Zudem plädiert Kirschenbauer für eine „externe Lenkungsgruppe mit Vertretern des Sozialministeriums“. Sie sollte auf längere Sicht die monatlichen fachaufsichtlichen Gespräche entbehrlich machen, die nach Veröffentlichung des TV-Berichts eingeführt worden waren.

Linke drückt aufs Tempo

Der Bericht, urteilte Christiane Böhm von der Linksfraktion, zeige den „hohen Veränderungsbedarf“ in der Psychiatrie in Hessen generell auf. „Begrüßenswert ist die Bedeutung der Themen Zusammenarbeit mit Angehörigen und mit der Selbsthilfe sowie Psychiatrieerfahrenen“, so die Landtagsabgeordnete. Problematisch seien hingegen die relativ langen Zeitläufe. Denn laut dem Gutachten kann erst im Jahr 2022 von einer ausreichenden, 2023 von einer befriedigenden und erst im Jahr 2025 von einer guten Qualität gesprochen werden. „Dies“, konstatiert Böhm, „zeigt wie lang der Weg ist, andererseits bedeutet es für alle Patientinnen und Patienten, aber auch die Beschäftigten, dass sie sich innerhalb dieses Zeitraums mit nicht zufriedenstellenden Kompromissen arrangieren müssen.“

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