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Mit dem richtigen Abstand werden Gottesdienste in Hessen wieder stattfinden – wie hier im tschechischen Pardubitz.

Kirche

Hessen gestattet Gottesdienste mit Abstand

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Es wird Hostien in der Serviette geben und Flatterband an der Sitzbank. Die christlichen Kirchen bereiten sich überall in Hessen auf die Öffnung vor, aber von heute auf morgen geht das nicht.

Vom 1. Mai an dürfen in Hessen wieder Gottesdienste gefeiert werden. Doch in den allermeisten Gemeinden wird es wohl noch bis zum übernächsten Wochenende dauern, bis alle Vorkehrungen für das Zusammentreffen der Gläubigen in den Kirchen bewältigt sind.

„Das ist eine Mammutaufgabe und für uns alle ein Test“, sagt Annette Dux, Verwaltungsleiterin in der Frankfurter Sankt-Franziskus-Pfarrei. Sechs Kirchen gehören zum Pfarrbezirk, und für alle müssen nun Wege gefunden werden, wie sich die Infektionsschutzvorgaben einhalten lassen.

1,50 Meter Abstand sind zwischen den Gottesdienstteilnehmern einzuhalten. Und auch wenn die Kirchen für gewöhnlich mehr als genug Platz für die Besucher bieten, muss dieses Abstandsgebot nun doch erst einmal organisatorisch umgesetzt werden. Mehr als zwei Stunden haben Pfarrer Anto Batinic, Annette Dux und ein Mitarbeiter aus dem Pfarrbüro am Telefon konferiert, wie die Regeln einzuhalten seien. Nun wird Flatterband markieren, wo Besucher sitzen dürfen und wo nicht.

Die Verhältnisse in den Kirchengebäuden sind dabei sehr unterschiedlich. In neueren Gotteshäusern, wie in der Allerheiligsten Dreifaltigkeit am Frankfurter Berg, sind es Stühle für bis zu 80 Menschen, die sich relativ leicht auseinanderstellen lassen. In St. Josef in Eschersheim stehen schwere Eichenbänke, die sich nicht bewegen lassen.

Vorlauf nötig

Bis Ehrenamtliche die Kirchen überall im Land präpariert haben, wird es wohl noch ein paar Tage dauern. Auch in anderen Gemeinden, ob nun katholisch oder evangelisch, sind die Herausforderungen ähnlich. Von Ausnahmen abgesehen werden christliche Gottesdienste deshalb wahrscheinlich auch erst vom 9. oder 10. Mai an wieder regelmäßig stattfinden.

Wie früher wird es zunächst ohnehin nicht sein. Die rund 1100 evangelischen Gemeinden im Kirchengebiet zwischen Biedenkopf und Neckarsteinach erhielten dazu von der Kirchenleitung am Mittwoch ein mit dem Robert-Koch-Institut abgestimmtes Schutzkonzept. Die zwölf Punkte umfassende Handreichung zur Hygiene sieht unter anderem vor, dass Schutzmasken im Gottesdienst zu tragen sind und auf das Singen verzichtet wird.

Der hessen-nassauische Kirchenpräsident Volker Jung appelliert an die Gemeinden, sich ausreichend Vorbereitungszeit für einen Neuanfang zu nehmen. „Ausdrücklich betone ich, dass mit der Möglichkeit, Gottesdienste in den Kirchen zu feiern, keine Verpflichtung dazu besteht“, sagte er.

Gesungen werden soll auch in den katholischen Gotteshäusern erst einmal nicht. „Bei uns“, sagt Annette Dux, „wird wohl nur der Kantor seine Stimme erheben, begleitet von der Orgel.“ Masken tragen aber sollen die Gläubigen nur beim Betreten und Verlassen der Kirchen, nicht während der Gottesdienste, sagt Dux.

Bei aller Freude über die Öffnung der Kirchen mahnte auch Wolfgang Rösch, Generalvikar des Bischofs von Limburg, dass es zu keinen Menschenansammlungen kommen dürfe. Die Zahl der zugelassenen Gottesdienstteilnehmer richte sich nach der Zahl der Sitzplätze, die es unter Einhaltung der Abstandsregeln gebe. Wie viele der 21 400 Katholiken, die zum Frankfurter Pfarrbezirk Sankt Franziskus gehören, tatsächlich zu den ersten Gottesdiensten seit Mitte März kommen werden, vermochte aber auch Dux nicht zu sagen.

Kommunion schwierig

Eine besondere Herausforderung jedenfalls werde es sein, die Kommunion mit den geweihten Hostien zu begehen, ist sich Annette Dux sicher. Dies werde in den Kirchengemeinden unterschiedlich gehandhabt. „Schließlich soll das möglichst ohne Berührungen und Infektionsgefahr geschehen“, sagt sie.

Manche Pfarrer verpackten die Hostien deshalb einzeln in Servietten, andere wollten sie den Gläubigen in die Hand fallen lassen oder mit der Zange reichen. Von Normalität sind auch die Kirchen noch weit entfernt.

Auch die Jüdische Gemeinde in Frankfurt beginnt derweil vorsichtig wieder mit dem normalen Leben: Am 1. Mai soll ein erster Sabbat-Gottesdienst in der Westend-Synagoge gefeiert werden, sagt Michaela Fuhrmann, Leiterin „Politische Kommunikation und Öffentlichkeit“ sowie Referentin des Vorstands. „Wir freuen uns natürlich“, so Fuhrmann. Ein gemeinsamer Gottesdienst werde den Mitgliedern in der aktuellen Lage „sehr wohltun“.

Dass die Synagoge in den vergangenen Wochen geschlossen bleiben musste, sei „einschneidend“ gewesen, sagt Fuhrmann. Gerade für orthodoxe Jüdinnen und Juden sei es nicht möglich, Gottesdienste im Internet zu übertragen. Umso größer sei jetzt „der Wunsch nach dem Miteinander“, zumal die Gemeinschaft im Judentum schon immer eine besondere Bedeutung habe. Daher sei es schön, dass man sich jetzt wieder in der Synagoge versammeln könne, auch um aus der Religion Kraft für die aktuell schwierige Lage zu schöpfen.

Für den Hygieneschutz werden auch in der Westend-Synagoge spezielle Vorkehrungen getroffen. Es soll Abstandsregeln und Desinfektionsmittel geben. Gläubigen, die zu einer Risikogruppe gehören, wird geraten, nach Möglichkeit weiter auf einen Besuch zu verzichten. Man könne nicht abschätzen, wie viele Mitglieder am Freitag kommen werden, sagt Fuhrmann. Der Gottesdienst werde aber in jedem Fall ein ganz besonderer sein.

Vorsicht herrscht auch bei den Moscheen. Trotz des Ramadan, der in der vergangenen Woche begann, ist am Mittwochnachmittag vielerorts noch nicht entschieden, ob es ab Freitag oder zu einem späteren Zeitpunkt wieder gemeinsame Gebete in der Moschee geben wird. „Wir wollen nichts überstürzen, die Gesundheit geht vor“, sagt Hüseyin Kurt, Koordinator der Arbeitsgruppe der türkischen Moscheen. Die Gemeinden würden sich in den nächsten Tagen absprechen. Dass es in nächster Zeit gemeinsame Freitagsgebete geben wird, glaubt er nicht, und an diesem Freitag schon gar nicht. „Wir sind gerade dabei, ein Konzept auszuarbeiten“, sagt Khurrem Akhtar, Vorstand des Islamischen Informations- und Begegnungszentrums in Hanau. Am Abend werde entschieden, ob am Freitag geöffnet werden könne. „Wir dürften wegen der Abstandsregeln nur eine begrenzte Zahl von Menschen reinlassen“, sagt Akhtar. Man wolle niemanden vor den Kopf stoßen – es könnte etwa eine Anmeldeliste geben.

Hessens Justizministerin Kühne-Hörmann sagt: Wer Kinder an Ramadan fasten lässt, kann strafrechtlich verfolgt werden. Die Linke kommentiert beißend, demnächst kämen von ihr wohl Drohungen an Eltern zu Weihnachten.

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