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Das Labor bietet der ÖPNV-Branche viele Möglichkeiten, sich ungezwungen auszutauschen.

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Nahverkehr der Zukunft - Frische Ideen für den RMV

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Was steigert die Attraktivität des ÖPNV? Hessische Start-ups liefern im Rahmen eines Ideenwettbewerbs Antworten.

Donnerstag war mal wieder so ein Tag. Tausende Fahrgäste standen sich am Nachmittag die Beine in den Bauch, weil sich S-Bahnen verspäteten oder gleich ganz ausfielen. Hätte es die App vom Team Koto bereits gegeben, wären diese Menschen vielleicht noch einen Kaffee trinken gegangen. Oder hätten ein paar Besorgungen erledigt. Doch bislang existiert die App nur auf dem Papier.

Noch. Denn das Team Koto hat jetzt die Möglichkeit, sie zu entwickeln, sodass sie eines Tages tatsächlich existiert. Das Duo ist Sieger des ersten ÖPNV-Wettbewerbs, der eine Stunde vor der S-Bahn-Störung im Holm gekürt worden war, dem House oft Logistic and Management. Und es war nicht das einzige, das bei dieser Gelegenheit gute Ideen präsentierte, die die Attraktivität des Rhein-Main-Verkehrsverbunds (RMV) steigern könnten. Zwei junge Leute aus Gießen haben sich ein Spiel ausgedacht, das die Langeweile bei der Fahrt in Bus und Bahn vertreiben soll. Den fiktiven Sturm, der sämtliche Infrastruktur zerstört, haben sie zwar noch nicht erlebt. Doch sie kennen diese Zwangspausen aufgrund der berühmten Störungen im Betriebsablauf. Als Team Rhein-Main-Mobility haben die beiden den dritten Preis gewonnen und werden sich jetzt erst einmal wieder auf ihr Studium konzentrieren, wie sie der Frankfurter Rundschau sagten.

In der Tradition der Fridays-for-Future-Bewegung

Das dritte Team schließlich sieht sich in der Tradition der Fridays-for-Future-Bewegung. Das Start-up namens Reachlix überzeugte mit einer App, mit der Nutzer der umweltfreundlichen Verkehrsmittel Punkte sammeln, die sie wiederum in Umweltprojekte investieren können.

Die Preisträger von links: Julian Michalowski, Michele Theymann (Team Rhein-Main-Mobility), Khalil Ounzarni (Team Koto), Moritz Emig, Ann-Marie Quetz und Ralf Dillmann (Team Reachlix).

Der Hauptpreis also für den Mann, der sich ganz locker mit „Hallo. ich bin der Khalil“ vorstellte. Der Humanmedizin studiert hat, aber, wie er sagt, der Gesellschaft mit anderen Fähigkeiten helfen möchte als denen eines Arztes. „Die zündende Idee habe ich allerdings noch nicht.“ Ein Anfang könnte der „Regionale Hub für Media & Experience“ sein, mit dem der Frankfurter und seine Partnerin den Sieg davontrugen. Sie passe hervorragend in die aktuelle RMV-Strategie einer bundesweiten Vernetzung des öffentlichen Nahverkehrs, sagte Jörg Puzicha, Geschäftsführer der rms, einer Servicegesellschaft des Rhein-Main-Verkehrsverbunds. „Wir möchten das Geschäft selbst gestalten.“ 

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Und nicht den großen Konzernen Google und Co überlassen. Die regionale Kompetenz und Verankerung, sagt Khalil, sei eine große Stärke des Verbunds. Jeder habe die RMV-App auf dem Smartphone. „Das ist einzigartig, schon die schiere Masse.“ Seine Idee besteht nämlich nicht nur daraus, dass die GPS-Daten der Busse und Bahnen übermittelt werden, damit der Fahrgast weiß, ob es sich lohnt zu warten. 65 Prozent der Reisenden verkürzen sich die Zeit mit regionalen Nachrichten, habe er gelesen. Da biete es sich doch an, dass regionale Medien und sogenannte Influenzer ihre Inhalte auch über die RMV-App verbreiten. Und da sind noch die örtlichen Geschäftsleute und Gastronomen, die der 28-Jährige mit ins Boot holen will. Das Lieblingslokal wirbt für seine neue Speisekarte, verbunden mit einem Gutschein für die Busfahrt oder das Leihrad. Auch der Kaffee oder das Brötchen beim Bäcker können vorab damit bezahlt werden. „Die Leute fahren nicht mehr nur in die Stadt zum Einkaufen, sie suchen primär Erfahrungen.“

Transport von jährlich 788 Millionen Fahrgästen ist nicht einfach 

Für den RMV biete der Ideenwettbewerb die Möglichkeit, sich von externen Leuten inspirieren zu lassen, sagt Puzicha. Deshalb habe der Verbund ihn im Februar gemeinsam mit dem damals eröffneten „ÖPNV-Lab@HOLM“ ausgeschrieben. Das Labor im sechsten Stock des House of Logistic und Mobility versteht sich als lockere Ideenschmiede für die Branche. Es gibt Veranstaltungen, Treffen und fünf Mitarbeiter, die als Ansprechpartner fungieren.

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Das Team Koto hat neben dem Preisgeld eine Zugangskarte erhalten, mit der die beiden Sieger ein halbes Jahr lang in dem Labor tüfteln, sich mit den Experten beraten und ausprobieren können. „Ich rege mich oft über den Nahverkehr auf, jetzt kann ich es besser machen“, sagt Khalil. Was er schon gelernt hat ist, dass der Transport von jährlich 788 Millionen Fahrgästen in Stadt und Land nicht so einfach ist: „Das ist ein komplexes Gebilde.“

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