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Fast 300 Hausärzte fehlen in Hessen.

Gesundheit

In Hessen fehlen knapp 300 Hausärzte

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Es klaffen große Lücken in der Versorgung: Nie fehlten in Hessen so viele Hausärzte. Die besonders betroffenen Landkreise liegen nicht in den ländlichen Gebieten Hessens. 

Noch nie fehlten in Hessen so viele Hausärzte: Aktuell sind 289,5 Sitze nicht besetzt. „Das ist ein Rekord“, sagt der Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen (KVH), Karl Roth, der FR. Am schlimmsten ist die Situation mitten im Kreis Offenbach, gefolgt von der Region Hanau. Erst danach folgen ländlichere Gebiete wie Sontra im Landkreis Rotenburg, Idstein im Rheingau-Taunus-Kreis und Teile des Landkreises Waldeck-Frankenberg. In Frankfurt hingegen herrscht dem Papier nach Überversorgung, was daran liegt, dass die Stadt als Ganzes betrachtet wird. Eine Differenzierung zwischen Ortsteilen gibt es nicht.

Die größten Probleme, einen Hausarzt um die Ecke zu finden, haben Bewohner von Rodgau, Dietzenbach, Obertshausen und Heusenstamm. 23,5 Sitze sind dort vakant. Und die Bevölkerung wächst. Alleine in Rodgau-West entsteht ein Neubaugebiet für 4000 Menschen. In der Region Hanau, zu der auch Nachbarorte gehören, könnten sofort 20 Hausärzte eine Praxis eröffnen. Die sind nicht in Sicht, sagt Roth. „Eine Trendwende wird es in absehbarer Zeit nicht geben.“

Knapp 300 offene Sitze sind eine nie dagewesene Zahl. Bis Jahresende waren es noch rund die Hälfte. Grund ist die von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) angestoßene Änderung der Bedarfs-Richtlinie. Die hat zur Folge, dass sich in Hessen mehr Ärzte niederlassen könnten. Doch es gibt sie nicht.

Neue Regeln

Die Bedarfsplanungs-Richtlinie definiert den bundeseinheitlichen Rahmen für die Bedarfsplanung der vertragsärztlichen und psychotherapeutischen Versorgung.

Sie orientiertsich an der Anzahl der Einwohner pro Arzt, den Räumen, regionalen Besonderheiten sowie dem Versorgungsniveaus.

Die Neufassungführt zu einer Vielzahl zusätzlicher Sitze. Sie trat Ende Juni in Kraft und wurde von den Ländern bis Jahresende umgesetzt. jur

Die Gründe sind seit Jahren bekannt: Es gibt zu wenig Studienplätze, mit dem wachsenden Frauenanteil ist der Bedarf nach Vereinbarkeit von Familie und Beruf gestiegen. Auch scheuen immer mehr junge Leute das finanzielle Risiko einer Selbstständigkeit. Mit Werbung an den Hochschulen, Mentorenprogrammen und Ähnlichem versuchen die Verantwortlichen, den Nachwuchs für den Beruf zu begeistern. Und es gibt immer mehr Alternativmodelle zur guten alten Einzelkämpfer-Praxis.

In Darmstadt-Dieburg etwa betreibt der Landkreis fünf sogenannte Medizinische Versorgungszentren (MVZ) verschiedener Fachrichtungen. Die Ärzte sind angestellt. Laut Geschäftsführer Christoph Dahmen sind außer in der Gynäkologie alle Stellen besetzt. Erst im Dezember beschloss der Kreistag, eine hausärztliche MVZ beziehungsweise Zweigpraxen in der Gemeinde Mühltal sowie den Städten Reinheim und Weiterstadt zu gründen.

In Breitscheid im mittelhessischen Lahn-Dill-Kreis soll im August ein Gesundheitszentrum eröffnen, mit Platz für sieben Ärzte, eine Apotheke, einen Hörgeräteakustiker, eine Tagespflegeeinrichtung und eine Praxis für Physiotherapie. Bauherr ist ein privater Investor. Die Idee stammt von Hausarzt Michael Saar, der vor sechs Jahren das Landarztnetz Lahn-Dill gründete. Das betreibt mit rund 50 Mitarbeitern ein hausärztliches Medizinisches Versorgungszentrum in Breitscheid sowie drei allgemeinmedizinische Zweigpraxen im Landkreis. Gesellschafter des Netzes sind die kommunalen Lahn-Dill-Kliniken sowie Saar.

„Solche sektorenübergreifende Konzepte sind das Modell der Zukunft“, sagte Hessens Sozialminister Kai Klose (Grüne) dieser Tage bei einem Besuch in Breitscheid. Das Land fördert das Projekt. Gleiches gilt für dezentrale Dienstleistungen wie telemedizinische Anwendungen oder präventive Hausbesuche durch Gemeindeschwestern. Diese sind direkt bei der Kommune oder einer ortsansässigen Hausarztpraxis angestellt. Nach Vorstellungen der Landes können sie als Schnittstelle zwischen medizinischen, pflegerischen und sozialen Angeboten fungieren – und damit Hausärzte entlasten.

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