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Jahr für Jahr erinnern Landtag, Landesregierung, Landeswohlfahrtsverband und Kommunalverbände am Auschwitz-Gedenktag gemeinsam an den Holocaust.

Gedenken

Hessen erinnert an verfolgte Schwule

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Bei der Gedenkfeier im Hessischen Landtag steht die Erinnerung an verfolgte und ermordete Homosexuelle im Mittelpunkt. Ministerpräsident Bouffier knöpft sich AfD-Fraktionschef Gauland vor.

Homosexuelle haben doppelt gelitten. Im Nationalsozialismus wurden sie verfolgt und starben zu Tausenden in Konzentrationslagern. Doch nach dem Krieg ging die Diskriminierung der Überlebenden weiter.

Das Leid der schwulen Männer und die Ausgrenzung der lesbischen Frauen wurden in der Bundesrepublik und der DDR lange nicht anerkannt, Entschädigungszahlungen wurden ihnen vorenthalten. Daran hat die Frankfurter Geschichtsprofessorin Sybille Steinbacher am Montag bei der Gedenkveranstaltung für die Opfer des Nationalsozialismus im Hessischen Landtag erinnert. Sie ist auch Direktorin des Fritz-Bauer-Instituts in Frankfurt, das sich mit der Erforschung des Holocaust befasst.

Jahr für Jahr erinnern Landtag, Landesregierung, Landeswohlfahrtsverband und Kommunalverbände am Auschwitz-Gedenktag gemeinsam an den Holocaust. Erstmals standen dabei die verfolgten Homosexuellen im Mittelpunkt. Sie seien „im öffentlichen Gedächtnis lange so gut wie nicht präsent“ gewesen, stellte Steinbacher fest.

Auch die Forschung über dieses Thema sei jahrzehntelang vernachlässigt worden. Unklar sei daher bis heute, wie viele Männer in Konzentrationslager, etwa nach Buchenwald, transportiert worden waren, wo sie mit rosa Winkeln gekennzeichnet wurden. Steinbacher sprach von „vermutlich 10 000, es können aber auch 15 000 oder 5000 gewesen sein“.

Aus Aufzeichnungen im KZ Buchenwald gehe hervor, dass die schwulen Männer häufig kastriert und mit Hormonversuchen traktiert worden seien. „Schätzungsweise 60 Prozent der Rosa-Winkel-Träger kamen ums Leben.“

Steinbacher erinnerte daran, dass homosexuelle Männer mit der Begründung verfolgt worden seien, sie stünden für eine „Verweichlichung und Verweiblichung“ der Gesellschaft. Dieses Denken habe sich in der Nachkriegszeit fortgesetzt. Auch heute zielten Rechtspopulisten in diese Richtung, wenn sie Männern und Frauen unveränderbare Geschlechterrollen zuwiesen, warnte die Rednerin.

Auch Landtagspräsident Boris Rhein (CDU) beklagte, dass die Verfolgung Homosexueller „in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen“ werde. Es gelte, aller Menschen zu gedenken, denen „ihre Rechte, ihr Besitz, ihre Heimat, ihr Leben, ihre Würde entrissen“ worden sei, mahnte er.

Rhein und Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) wandten sich gegen Hass, Hetze und insbesondere gegen Antisemitismus. „Das vergangene Jahr hat uns in Deutschland und auch in Hessen auf tragische Weise verdeutlicht, dass rechtsextremes Gedankengut zu grauenvollen Taten führen kann, auch heute noch“, mahnte Bouffier. Rhein nannte ausdrücklich den Anschlag auf die Synagoge in Halle und den Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke (CDU).

Ministerpräsident Bouffier bezeichnete es als „ein Wunder“, dass es in Deutschland heute wieder jüdisches Leben gebe. „Mir geht es darum, dass wir die Gleichgültigkeit überwinden“, sagte er. „Wir brauche heute keine Helden mehr, sondern engagierte Demokraten.“ Auch die Landesregierung habe gehandelt – mit der Ernennung des Frankfurter Bürgermeisters Uwe Becker (CDU) zum Antisemitismusbeauftragten und dem Start einer Meldestelle für Hass und Hetze im Internet.

Bouffier griff den AfD-Fraktionsvorsitzenden im Bundestag, Alexander Gauland, an, der die Zeit des Nationalsozialismus als „Vogelschiss“ der deutschen Geschichte abgetan hatte. Wer so spreche, der habe das Ausmaß des Holocaust „entweder nicht verstanden, oder er will relativieren“, sagte Bouffier. Beides sei unerträglich.

Landtagspräsident Rhein rief alle Bürgerinnen und Bürger auf, Anfeindungen gegen Juden oder gegen Sinti und Roma entgegenzutreten. „In einem Land, in dem Juden, Sinti und Roma nicht leben wollen, in einem solchen Land wollen auch wir nicht leben“, fügte er hinzu. Für diesen Satz erhielt Rhein starken Beifall aus dem Publikum.

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