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Hessen: Boris Rhein soll bei Documenta handeln

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Von: Hanning Voigts

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Bereits im Juni war das antisemitische Großbanner „People’s Justice“ von der Gruppe Taring Padi erst verhüllt und dann entfernt worden. Foto: dpa
Bereits im Juni war das antisemitische Großbanner „People’s Justice“ von der Gruppe Taring Padi erst verhüllt und dann entfernt worden. Foto: dpa © dpa

Nach immer neuen Skandalen auf der Documenta fordert die Deutsch-Israelische Gesellschaft Ministerpräsident Boris Rhein zum Handeln auf. Die Ausstellung spucke „der bundesdeutschen Erinnerungskultur ins Gesicht“.

Angesichts neu entdeckter antisemitischer Darstellungen auf der documenta fifteen ruft die Deutsch-Israelische Gesellschaft (DIG) den hessischen Ministerpräsidenten Boris Rhein (CDU) zum Handeln auf. Die Weltkunstausstellung in Kassel sei zu einer „Plattform für Propaganda und für Agitprop“ verkommen und diene der Normalisierung von Antisemitismus in der deutschen Öffentlichkeit, heißt es in dem Brief, der vom Präsidenten der DIG, dem Grünen-Politiker Volker Beck, unterzeichnet ist. In dem Schreiben, das der Frankfurter Rundschau vorliegt, heißt es unter anderem: „Die documenta fifteen spuckt der bundesdeutschen Erinnerungskultur ins Gesicht.“

In Kassel zeichne sich etwas ab, was es in der deutschen Nachkriegsgeschichte noch nicht gegeben habe, heißt es in dem Schreiben weiter. „Das Stürmer-Bild ‚des Juden‘, garstige Fratze und Hakennase, wird in Kassel gerade wieder in den deutschen Bilderkanon reimportiert und integriert.“ Bei den diskutierten Darstellungen handele es sich um israelbezogenen Antisemitismus, die Bildsprache bediene sich aber der Motive des mittelalterlichen Antijudaismus und der Nationalsozialisten. Die Bilder zielten nicht auf eine Kritik israelischen Regierungshandelns ab, sondern betrieben „die Dämonisierung des Staates Israel“, so Beck. Durch die antijüdische Bildsprache werde „zugleich jeder Jude und jede Jüdin in Deutschland mit angegriffen“.

Die DIG

Die Deutsch-Israelische Gesellschaft (DIG) wurde 1966 in Bonn gegründet und setzt sich für den Ausbau der deutsch-israelischen Beziehungen ein. Der Verein ist bundesweit mit Arbeitsgemeinschaften vertreten und organisiert unter anderem Vorträge, Veranstaltungen und Reisen.

Das Thema Antisemitismus und der Kampf gegen Israelhass sind weitere Schwerpunkte der Arbeit der DIG. Von 2019 bis 2022 war der Frankfurter CDU-Politiker Uwe Becker ihr Präsident, nun ist es der Grüne Volker Beck.

Im Unterschied zu früheren Skandalen werde von der Documenta nicht ernsthaft gehandelt, heißt es in dem Brief. „Vielmehr werden diese Werke weiterhin gezeigt und die Verantwortlichen nennen es Kunstfreiheit.“ Dies komme einer „Zeitenwende im bundesdeutschen Umgang mit Antisemitismus“ gleich.

Ministerpräsident Rhein müsse jetzt dafür sorgen, „dass auf der documenta fifteen antisemitische Werke nicht weiter unwidersprochen gezeigt werden“. Dazu reiche die von den Gesellschaftern der Documenta, dem Land Hessen und der Stadt Kassel, zuletzt ins Spiel gebrachte Kontextualisierung der bisher kritisierten Werke nicht aus.

Hessen: Kritik auch an Kunstministerin Angela Dorn

Es müsse eine fachliche Sichtung aller Werke auf antisemitische Elemente geben, so Beck. Wenn die hessische Ministerin für Wissenschaft und Kunst dies als Mitglied des Documenta-Aufsichtsrats nicht durchsetzen könne, müsse sie aus dem Gremium abgezogen werden, fordert Beck, ohne Ministerin Angela Dorn (Grüne) namentlich zu nennen. Zudem müssten alle Zahlungen des Landes an die Ausstellung an die Bedingung geknüpft werden, „dass dort dem Antisemitismus kompetent und deutlich entgegengetreten wird“.

Am Mittwoch waren nach monatelanger Diskussion über Antisemitismus auf der documenta fifteen erneut antisemitische Bilder auf der Kunstausstellung bekannt geworden. Die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Hessen hatte öffentlich gemacht, dass in der alten Broschüre „Presence des Femmes“ eines feministischen Kollektivs israelische Soldaten als entmenschlichte, kindermordende Roboter und an einer Stelle auch als zwergenhafte Gestalt mit Hakennase dargestellt werden.

Hessen: Antisemitismusbeauftragter will „keine Hintertüren für Antisemitismus“

Für Empörung hatte gesorgt, dass die Documenta-Leitung sich mit der Broschüre befasst, sie aber als unproblematisch in der Ausstellung belassen hatte. Die FDP und der Zentralrat der Juden in Deutschland hatten bereits einen Abbruch der documenta fifteen gefordert.

Der Antisemitismusbeauftragte des Landes Hessen, der CDU-Politiker Uwe Becker, kritisierte unterdessen „den fehlenden Willen der künstlerischen Leitung, sich ernsthaft und klar von judenfeindlicher Schmäh-Kunst zu distanzieren beziehungsweise diese zu unterbinden“. Es dürfe „keine Hintertüren für Antisemitismus geben“. (Hanning Voigts)

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