Vier Liter hat sich Initiator Nicolas Barthelmé gleich gesichert.

Verbraucher

In Hessen bestimmen Verbraucher den Wert der Bio-Milch

  • Jutta Rippegather
    vonJutta Rippegather
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Ein Verein stimmt über Kriterien ab und sucht sich dann Partner in Handel und Produktion. Der Name der in Eltville gegründeten Initiative: „Du bist hier der Chef!“

Sie ist da. Seit Samstag steht sie in Kühlregalen von 400 Rewe-Märkten, vor allem in der Rhein-Main-Region. Was an der Bio-Weidemilch so besonders ist, ist auf der Vorderseite der blauen Verpackung gedruckt: „Diese Milch wurde von uns Verbrauchern gewählt.“ Die Käufer selbst haben die Produktionskriterien mitbestimmt, in Gesprächen mit Landwirten und Handel sich ein Bild darüber gemacht, was ein angemessener und fairer Preis pro Liter ist. Das Ergebnis: 1,45 Euro, wovon 58 Cent direkt beim Bauern landen. Das sind elf Cent mehr als im Bundesdurchschnitt für Bio-Milch, teilen die Partner mit.

„Die neue Marke ist eine Chance, den Verbraucher tatsächlich mitzunehmen“, sagt Sven Lorenz, Landwirt aus Vöhl und Vorsitzender der Milcherzeugergemeinschaft Hessen, der Hessens einzige Bio-Molkerei im nordhessischen Willingen gehört. Bei ihnen stieß Nicolas Barthelmé mit seiner Initiative „Du bist hier der Chef!“ auf offene Türen. „Die Landwirte sind bereit, auf Verbraucherwünsche einzugehen“, sagt Karin Artzt-Steinbrink, Geschäftsführerin der Upländer Bauernmolkerei.

Im Fall der Verbrauchermilch heißt das: Auch das Beifutter der Tiere muss aus der Region kommen, noch stärker ist auf das Tierwohl zu achten. Zum Start sind 13 der insgesamt 110 Molkerei-Betriebe bei dem Projekt dabei. Nach Bedarf werden weitere folgen. Artzt-Steinbrink ist begeistert davon, dass die Interessen der Bauern bei der Preisfindung eine solch große Rolle spielen.

Es geht um nichts weniger, als einen Perspektivwechsel. „Wir leben doch auf einem Niveau, wo uns der Produzent herzlich egal ist“, sagt Stephanie Anthonie, Mitbegründerin von „Du bist hier der Chef!“ Die Milch sei dafür exemplarisch, es könne ebenso das T-Shirt aus Bangladesh sein. Jeder wolle für seine Leistung bezahlt werden – auch sie als Freiberuflerin. „Wir müssen umdenken, uns fragen, was es uns wert ist.“ Etwa. dass der Landwirt schon früh morgens im Stall steht, auf Urlaub verzichtet, weil er die Tiere versorgen muss.

Nicolas Barthelmé und Stephanie Anthonie sind Nachbarn. Als er vor einem Jahr aus Frankreich seine Idee nach Eltville mitbrachte und Mitstreiter suchte, brauchte sie nicht lange zu überlegen. Inzwischen zählt der Verein rund 400 Mitglieder, ständig kommen aus der gesamten Republik weitere hinzu.

Drei begleiteten Barthelmé zum ersten Gespräch mit Rewe, den Landwirten und der Molkerei, sagt der Initiator von „Du bist hier der Chef!“ Vorausgegangen war ein demokratisches Votum, welche Kriterien die Verbrauchermilch zu erfüllen hat. Mehr als 9300 Verbraucherinnen und Verbraucher hatten den Online-Fragebogen ausgefüllt und mit ihrer Stimme über Qualität, Tierwohl, Vergütung für die Landwirte oder auch Verpackungsart entschieden. Großen Wert legten die Befragten auf Regionalität, sagt Barthelmé. „Wir wollen mittelständische Unternehmen unterstützen.“

Aktuell arbeitet er an Kooperationen mit Molkereien im Norden und Osten der Republik. Und bei der Bio-Weidemilch soll es nicht bleiben. Das zweite Produkt sollen Eier sein. „Der Fragebogen geht demnächst online.“ Auf der Liste stehen außerdem Kartoffeln, Mehl, Butter und Honig. „Die sind auch stark angefragt“, sagt der gebürtige Franzose, dessen Landsleute schon seit einige Jahren Chefs sind: Das französische Vorbild startete vor vier Jahren, ebenfalls mit Milch, und setzte seitdem mehr als 160 Millionen Liter ab. 350 Milchbauern produzieren mittlerweile exklusiv für „C’est qui le patron?!“ und erhalten eine faire Vergütung.

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