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Radfahrer 

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Eigene Straßen, Abgrenzungen und Umweltspuren

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  • Florian Leclerc
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Große Städte kümmern sich zunehmend um eine bessere Infrastruktur für Radfahrer.

Sind Sie schon mal mit dem Fahrrad von Frankfurt-Sachsenhausen kommend Richtung Bahnhof gefahren? Es ist ein halsbrecherisches Unterfangen. Denn mit der Friedensbrücke endet auch abrupt der ausgewiesene Radweg. Hier muss sich der Richtung Baseler Platz fahrende Radler unter die motorisierten Gefährte der Straße mischen. Die sich ihrerseits je nach individuellem Fahrtziel auch alle auf die richtige Fahrspur einfädeln müssen. Also Hand nach links raus, mit der anderen den Lenker sehr gut festhalten, um auch die Unebenheiten im Boden abzufangen. Parallel dazu Blick nach hinten, um nicht überfahren zu werden, und dann schnell wieder den Blick nach vorne richten, um zu wissen, wohin sich das eigene Gefährt bewegt.

Das ist nicht jedermanns Sache. Nur geübte Zweiradfahrer kommen da so ohne Weiteres durch.

Nicht überall ist es so gefährlich. Und doch sind 2018 vier Radfahrer im Frankfurter Straßenverkehr ums Leben gekommen. In Darmstadt waren es sogar fünf getötete Radler, derer in den vergangenen 15 Monaten bei Mahnwachen gedacht wurde.

Deutschlandweit kamen 2017 laut dem Statistischen Bundesamt 382 Fahrradfahrer bei Unfällen ums Leben – die Zahlen für 2018 liegen noch nicht vor.

Seit der Häufung von Unfällen im vergangenen Jahr hat die Stadt Frankfurt ihre Radverkehrspolitik teilweise neu ausgerichtet. Auf der Kurt-Schumacher-Straße, wo im August 2018 ein Mann von einem Lastwagen überfahren worden war, wird zwischen Battonnstraße und Friedberger Tor ein baulich getrennter Radweg errichtet und rot eingefärbt, teilt Stefan Lüdecke, Referent von Verkehrsdezernent Klaus Oesterling (SPD), mit.

Außerdem sollen künftig auch auf Kreuzungen Radwege rot markiert werden (siehe nebenstehender Artikel). Bisher ist das nur bei ausgemachten Gefahrenstellen der Fall. Weiterhin sollen an verschiedenen Stellen Lücken bei Radwegen geschlossen werden, die das städtische Radfahrbüro ermittelt hat. Dort werden laut Lüdecke zum Beispiel Schutz- und Radfahrstreifen sowie Piktogramme markiert.

Mehr Abstellanlagen für Fahrräder

Ausgebaut würden zudem die Beschilderung des Radwegenetzes sowie die Zahl der Abstellanlagen.

Bertram Giebeler, der verkehrspolitische Sprecher des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) in Frankfurt, befürwortet den baulich getrennten Radweg auf der Kurt-Schumacher-Straße. Eine weitere „Protected Bike Lane“, wie die getrennten Radwege auf Englisch heißen, wäre auf dem Cityring möglich, sagte er.

In Wiesbaden „testet das Umweltamt in der Bahnhofstraße, Schwalbacher Straße und Taunusstraße gerade Protected-Bike-Lane-Elemente“, um Radfahrer vor dem Autoverkehr zu schützen. Sie werden auf die Fahrbahn montiert und dienen wie der weiße durchgezogene Streifen als Abgrenzung des Fahrradstreifens, können aber nicht so leicht überrollt werden.

Der Vorteil dieser 15 Zentimeter hohen Kunststoffbegrenzungen ist, dass der Radfahrer im Sichtfeld des Autofahrers bleibt. „Die meisten Unfälle passieren, wenn das Auto rechts abbiegt und der Radfahrer hinter parkenden Autos versteckt ist“, sagt Daniel Sidiani aus dem Umweltamt. Die Protected-Bike-Lane-Elemente können also überall dort eingesetzt werden, wo sich dahinter keine Parkplätze befinden.

Auf dem ersten Ring zwischen Sedanplatz und Blücherstraße hat die Stadt kürzlich eine Fahrspur für den allgemeinen Verkehr gesperrt und stattdessen dort eine Umweltspur eingerichtet. Dort dürfen jetzt Busse und Fahrräder fahren. Sie ist mit einer durchgezogenen weißen Linie vom restlichen Straßenraum abgegrenzt.

Die Busfahrer des Verkehrsträgers Eswe sollen jetzt in Schulungen für gefährliche Situationen mit Radfahrern und deren Ängste sensibilisiert werden. Ist dies Radfahrern dennoch unangenehm, können sie auch den Grünstreifen in der Straßenmitte nutzen, der jetzt für Radfahrer geöffnet wurde. Auf diese Weise soll nach und nach der gesamte erste Ring bis zum Hauptbahnhof sicherer werden.

In Einbahnstraßen, in denen es Radlern erlaubt ist, gegen die Fahrtrichtung zu fahren - und dies sind fast alle -, wurden Piktogramme auf die Straßen gemalt, damit Autofahrer wissen, dass ihnen ein Radfahrer entgegenkommen kann.

Offenbach: Ziel sei, ein gut ausgebautes Radroutennetz über annähernd das ganze Stadtgebiet zu spannen, das sichere Wege für alle Generationen schafft, erläutert Ivonne Gerdts, Leiterin des Projekts „Klimaschutz durch Radverkehr“ beim Stadtplanungsamt Offenbach. Dazu beitragen sollen verschiedene Maßnahmen.

So gibt es seit 2014 beispielsweise einen Fahrradstadtplan, der 2017 in zweiter Auflage erschienen ist. Darin sehen Radfahrer, wo sie am geeignetsten und sichersten fahren können, erläutert Kerstin Holzheimer vom Offenbacher Presseamt auf Nachfrage.

Im vergangenen Jahr hat Offenbach zudem eine erste Fahrradstraße eingerichtet. Hier gilt: Radfahrer haben Vorfahrt, Autos dürfen maximal 30 Kilometer pro Stunde schnell sein und müssen gegebenenfalls hinter Radlern herfahren. Die Parkstreifen für Autos existieren weiterhin; Ein Sicherheitsstreifen soll Radfahrer vor sich öffnenden Autotüren schützen, die Radspur verläuft auf der Mitte der Straße. Wissenschaftlich begleitet wird das Projekt von der Hochschule Darmstadt. Schon bald sollen weitere Straßen umgebaut werden.

„Wir haben sechs Radverkehrsachsen ausgewiesen, die wichtige Verbindungswege in Offenbach und ins Umland abdecken und bisher nicht entsprechend ausgebaut sind“, erläutert der Projektmanager von „Bike Offenbach“ bei der städtischen Offenbacher Projektentwicklungsgesellschaft, Ulrich Lemke. Dort sollen Fahrradstraßen, neue Radwege und Schutzstreifen eingerichtet werden, deren Verlauf wichtige Ziele wie Schulen, Versorgungs- und Freizeiteinrichtungen mit einbindet. Die neuen Wege werden auffällig gestaltet, um die Sicherheit zu gewährleisten und die Orientierung zu erleichtern.

Als weitere Maßnahmen plant die Stadt Offenbach, Kreuzungen und Knotenpunkte fahrradfreundlich umzugestalten, Lücken im Radverkehr zu schließen und die Anbindung an die Nachbarkommunen auszubauen.

In Darmstadt hat die Stadt auf das im Frühjahr vorigen Jahres initiierte Bürgerbegehren der Initiative „Radentscheid Darmstadt“ reagiert. Für das Begehren waren zwar mehr als 9300 gültige Unterschriften – und somit mehr als zweieinhalb Mal soviel wie erforderlich – eingereicht worden. Wegen Mängeln beim Kostendeckungsvorschlag erklärte die Stadtverordnetenversammlung das Begehren allerdings für „materiell unzulässig“, so dass ein Bürgerentscheid nicht durchgeführt wurde.

Das Ziel der Radentscheid-Initiative, den Fuß- und Radverkehr in der Stadt sicherer und angenehmer zu gestalten, soll nun mit zusätzlichen Investitionen von 16 Millionen Euro in den nächsten vier Jahren erreicht werden. Geplant ist auch, vier neue Vollzeit-Stellen in der Bauverwaltung – zwei davon in diesem Jahr und weitere zwei im nächsten Jahr – zu schaffen, um den Ausbau der Rad-Infrastruktur voranzubringen.

Mit Peter Roßteutscher arbeitet seit dem vorigen Jahr schon ein hauptamtlicher Radverkehrsbeauftragter bei der Stadt. Er kümmert sich auch um die geplante Markierung und Beschilderung von weiteren Fahrradstraßen, die es schon auf der Wilhelminenstraße, der Pankratiusstraße und der Heinrich-Fuhr-Straße gibt.

Auch auf hartnäckiges Drängen des Vereins „Wegerecht“ verschwindet an immer mehr Stellen im Stadtgebiet die Benutzungspflicht für Radwege. Wo das runde blaue Schild nicht (mehr) steht, darf der Radweg weiterhin benutzt werden, Radler müssen dies aber nicht, weil das Fahren auf der Fahrbahn oft die attraktivere und sichere Alternative ist.

Dass im vergangenen Jahr in Frankfurt so viele Fahrradfahrer bei Unfällen getötet wurden hält Bertram Giebeler, der verkehrspolitische Sprecher des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs, für einen „Ausreißer“. Die Stadt sei seiner Meinung nach nicht generell unsicher für Radfahrer. Allerdings werde der Platz auf den Straßen wegen des anhaltenden Wachstums enger. Wo dies möglich sei, sollte daher nach der Vorstellung Giebelers der Radverkehr mehr Anteil am Straßenraum erhalten und der Autoverkehr seine Geschwindigkeit reduzieren.

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