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Hessen: Ausbau der Opferhilfe gefordert

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Von: Gregor Haschnik

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Die Hinterbliebenen müssen zum Teil immer noch um Opferhilfe kämpfen.
Die Hinterbliebenen müssen zum Teil immer noch um Opferhilfe kämpfen. Michael Schick © Michael Schick

Der Hanau-Untersuchungsausschuss hat am Freitagabend eine Sachverständige und eine Polizistin zum Umgang mit den Betroffenen des Anschlags befragt.

Sollte es wieder zu einem rechtsextremen Anschlag kommen, was ein wahrscheinliches Szenario sei, „muss das Land Hessen und seine Institutionen vorbereitet sein“. Es brauche zum Beispiel konkrete Pläne für die psychosoziale Notversorgung vor Ort und einen regelmäßig tagenden runden Tisch, mit allen Akteur:innen zu der Thematik „Großschadenereignisse“. Das hat Liisa Pärssinen am Freitagabend im Untersuchungsausschuss des Landtags im Hinblick auf mögliche Lehren aus dem rassistischen Terroranschlag von Hanau gefordert.

Pärssinen leitet die Beratungsstelle Response für Betroffene von rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt, die Überlebende und Hinterbliebene des Anschlags unterstützt. Nach Angaben von Response sind dies derzeit 34 Personen, von denen mehr als die Hälfte einen hohen Beratungsbedarf habe. Drei feste Berater:innen und eine Honorarkraft kümmerten sich aktuell darum. Insgesamt zählt die Einrichtung 70 Beratungen zu den Attentaten.

Pärssinen appellierte, die Beratungsstrukturen in Hessen auszubauen. Die Betroffenen bräuchten eine intensive, verlässliche und dauerhafte Unterstützung. Außerdem sei es wichtig, in Behörden wie der Polizei für eine trauma- und rassismussensible Ausbildung zu sorgen, um einen guten Umgang mit Betroffenen sicherzustellen und eine „zweite Viktimisierung“ zu verhindern.

Der Anschlag

Während des rassistischen Anschlags am 19. Februar 2020 wurden Gökhan Gültekin, Sedat Gürbüz, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Hamza Kurtovic, Vili Viorel Paun, Fatih Saraçoglu, Ferhat Unvar und Kaloyan Velkov getötet. Anschließend erschoss der Täter seine Mutter und sich selbst.

Zum dritten Jahrestag ist für den 19. Februar auf dem Marktplatz eine Gedenkstunde geplant. Nach Angaben der Stadt steht noch nicht fest, wer daran teilnimmt. gha

Für die 29. Sitzung des Gremiums, das im Mai seine Befragungen abschließen will, waren sechs Zeug:innen geladen, darunter Polizisten, die in der Tatnacht im Einsatz waren. Ein Beamter räumte ein, dass die Polizeihalle, in der die Angehörigen versammelt worden waren, für das Überbringen der Todesnachricht völlig ungeeignet war, wies Kritik ansonsten aber zurück.

Vor Pärssinen hatte eine Polizistin ausgesagt, die bei mehreren Opferfamilien als sogenannte Kontaktbeamtin fungierte. Die Migrationsbeauftragte betonte, sie habe ein gutes, vertrauensvolles Verhältnis zu ihnen gehabt. Vorwürfen widersprach sie auch in Bezug auf Telefonate, die sie mit Betroffenen führte, als der Vater des Attentäters aus der Psychiatrie in sein Haus zurückkehrte. Sie habe keine Gefährderansprachen gehalten, sondern nur informiert und dies in einer schwierigen Situation mit Bedacht getan. Dagegen spricht eine im Ausschuss thematisierte Anweisung einer Vorgesetzten an sie: Demnach sollte die Beamtin den Angehörigen verständlich machen, dass es bei einem Aufeinandertreffen mit dem Vater nicht zu strafbaren Handlungen kommen dürfe. Hinterbliebene waren danach fassungslos darüber, dass sie als Gefahr dargestellt worden seien – auch weil sie später aus den Medien erfuhren, dass der Vater unter anderem die Tatwaffen zurückforderte und die Bekenner-Webseite seines Sohnes reaktivieren wollte.

Darüber hinaus bemängelten einige Angehörige, die Polizistin habe sie kaum informiert, dafür aber ausfragen wollen, weshalb sie den Kontakt schließlich ablehnten.

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