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Man konnte an der Odenwaldschule auch ein Handwerk erlernen. Um Reformpädagogik aber scheint es dort nicht wirklich gegangen zu sein.

Missbrauch

Hessen: Missbrauch an  Odenwaldschule ist noch lange nicht aufgeklärt

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Was in der Odenwaldschule geschah, ist noch lange nicht aufgeklärt. In den Archiven lagern 1,5 Millionen Dateien.

Zwanzig Jahre ist es her, dass die Frankfurter Rundschau als Erste über die systematische sexuelle Gewalt an der Odenwaldschule berichtete. Erst 2010 aber, nachdem der damalige FR-Autor Jörg Schindler erneut von Missbrauchsfällen berichtet hatte, entbrannte eine Debatte, die dazu führte, dass die Odenwaldschule schließen musste.

Noch immer ist die Aufarbeitung dieses monströsen Verbrechens – die Vergewaltigungen, die Nötigung von 500, vielleicht 900 Jugendlichen – nicht abgeschlossen. Damit verbunden ist auch die Frage, ob die Reformpädagogik, für die die Odenwaldschule Ober-Hambach (OSO) bei Heppenheim an der Bergstraße wie keine zweite stand, diskreditiert ist. Und welche Quellen genutzt werden können, um noch mehr Licht in die Geschichte zu bringen.

Eine Tagung im Haus der Geschichte in Darmstadt, ausgerichtet von der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs und dem Hessischen Landesarchiv, hat sich nun damit beschäftigt.

Unbegreiflich bleibt, warum es Schulleiter Gerold Becker und anderen Tätern möglich war, über Jahrzehnte hinweg Schutzbefohlene zu missbrauchen, ohne dass etwas an die Öffentlichkeit drang – oder von dieser wahrgenommen wurde. Dabei gab es Hinweise.

23 „Aufdeckungsszenarien“, wie er sie nennt, hat der Psychologieprofessor Heiner Keupp in der wissenschaftlichen Studie über sexuelle Gewalt an der Odenwaldschule gefunden. „23 Aufdeckungsszenarien, bei denen Eltern und andere genauer hätten hinschauen und etwas unternehmen müssen“, berichtete Keupp.

Warum aber ist nichts geschehen? „Bei den Eltern war der Wunsch nach einer guten Institution groß“, sagte Keupp, sie wollten nicht wahrhaben, dass an der OSO etwas nicht in Ordnung sein könnte. Lehrer waren teils Täter, Mitwisser. „Und Gerold Becker hatte als Schulleiter die Macht, lange Zeit den Deckel draufzuhalten.“ Sein Nachfolger Wolfgang Harder habe zwar mit zwei Betroffenen geredet, „aber auch das war getragen von dem Wunsch, dass nichts nach draußen dringen möge“, sagte Keupp. Auch sei nichts darüber bekannt, dass die Heimaufsicht das Internat einmal besucht hätte oder das Schulamt zur Visitation dort gewesen sei.

Sozialminister Kai Klose (Grüne) räumte ein, dass die staatlichen Institutionen ihrer Verantwortung nicht gerecht geworden seien. „Der Schutz der Betroffenen aber war Aufgabe der staatlichen Behörden, die ja auch Kinder und Jugendliche in die Obhut der OSO gegeben haben“, sagte er. „Wir haben die Verantwortung, daraus zu lernen und Kinder und Jugendliche besser zu schützen.“ Die Täter hätten Strukturen genutzt und selbst geschaffen, in denen Betroffenen nicht zugehört oder nicht geglaubt worden sei.

Keupps Studie basiert vor allem auf Interviews mit ehemaligen Mitarbeitern, Betroffenen und Experten. „Ein wahnsinniger Schatz“, wie er sagt. Aber: „Vielleicht hätten wir noch tiefere Einblicke gewinnen können, wenn wir auch das OSO-Archiv hätten aufarbeiten können.“ Dazu aber hätten Geld und Zeit gefehlt.

1,5 Millionen Dateien aus dem Bestand der Odenwaldschule lagern im Hessischen Staatsarchiv, 350 laufende Archivmeter voller Sitzungsprotokolle, Schülerlisten Fotos und Videoaufnahmen. Die wichtigste Botschaft aber sei: Aufarbeitung ist nur mit Betroffenen möglich, sie waren die Initiatoren für Aufdeckung und Aufarbeitung.

Sozialminister Klose versicherte, die Vorstellung der Studien zur OSO sei kein Schlusspunkt, sondern der „Beginn der Auseinandersetzung mit deren Ergebnissen“. Im zweiten Halbjahr 2019 solle es Gesprächsforen zu den beiden wesentlichen Studien geben, kündigte er an.

Edith Glaser, Professorin für Historische Bildungsforschung an der Uni Kassel, berichtete, dass zweifelhaftes Gebaren nicht erst mit Gerold Becker an der Odenwaldschule eingezogen sei. Sie hat unter anderem eine Dissertation von Christl Stark zur „Idee und Gestalt einer Schule im Urteil des Elternhauses“ aus dem Jahr 1998 ausgewertet. Dort sind Korrespondenzen von OSO-Gründer Paul Geheeb und Müttern zitiert. Diese fragten besorgt an, weil ihnen Gerüchte über sexuelle Kontakte und Übergriffe zu Ohren gekommen seien, schrieb Stark. Geheeb habe lediglich abgewiegelt.

Das Beispiel mache deutlich, dass die OSO-Bestände im Hessischen Staatsarchiv nur ein Teil der Quellen seien, um die Dimension des Missbrauchs zu erfassen, betonte Glaser. Nötig sei auch, beispielsweise wissenschaftliche Zeitschriften, die Rolle von Netzwerken und deren Korrespondenzen einzubeziehen.

105 Jahre Odenwaldschule - Eine Chronologie

1910 Die Odenwaldschule wird in Ober-Hambach, einem heutigen Ortsteil von Heppenheim, gegründet. Die Gründer Paul und Edith Geheeb setzen auf eine ganzheitliche Erziehung „vom Kinde aus“. Spätere Recherchen ergeben Hinweise darauf, dass bereits zu Geheebs Zeiten Schülerinnen und Schüler an der Odenwaldschule sexuellem Missbrauch ausgeliefert waren. Der Gründer soll selbst zu den Tätern gehört haben.

1963 Die Schule wird zur Unesco-Projektschule. Sie gilt als Vorzeigeinstitution der Reformpädagogik. Im Laufe der Jahrzehnte besuchen zahlreiche Schüler die Odenwaldschule, die später bekannt werden. Dazu zählen der Grünen-Politiker Daniel Cohn-Bendit, die Schriftsteller Klaus Mann, Wolfgang Hildesheimer, Max Kruse und Jakob Arjouni, der Journalist Johannes von Dohnanyi und der Theaterregisseur Thomas Bockelmann. Auch Andreas von Weizsäcker, Sohn des späteren Bundespräsidenten, besuchte die Schule.

1967 Erstmals wird sexueller Missbrauch an der Schule aktenkundig. Die Staatsanwaltschaft verfolgt den Fall jedoch nicht weiter.

1972–1985 Amtszeit des Schulleiters Gerold Becker. Der pädophile Mann missbraucht eine Vielzahl von Kindern und hält seine schützende Hand über eine Reihe weiterer Sexualtäter. Becker genießt in der Öffentlichkeit großes Renommee als Pädagoge, ebenso wie sein Lebensgefährte, der Erziehungswissenschaftler Hartmut von Hentig. Becker stirbt 2010, ohne strafrechtlich belangt worden zu sein.

1999 Durch einen Bericht der Frankfurter Rundschau wird der Missbrauchsskandal öffentlich. Unter dem Pseudonym Jürgen Dehmers schildert der Schüler Andreas Huckele in dem Artikel des FR-Journalisten Jörg Schindler die systematische sexuelle Gewalt. Die Schule verspricht eine Aufklärung, die aber nicht erfolgt. Auch die Aufsichtsbehörden ziehen keine Konsequenzen.

2010 Kurz vor der Feier zum 100. Jahrestag der Odenwaldschule schreibt Jörg Schindler in der FR erneut über die sexualisierte Gewalt. Dieses Mal entbrennt eine öffentliche Debatte, auch vor dem Hintergrund von Fällen des sexuellen Missbrauchs in Einrichtungen der katholischen Kirche wie dem Canisius-Kolleg in Berlin. Die Odenwaldschule beauftragt die Juristinnen Claudia Burgsmüller und Brigitte Tilmann mit einer Untersuchung. Im Verein Glasbrechen schließen sich Opfer und Unterstützer zusammen.

2011 veröffentlicht der Ex-Schüler Andreas Huckele unter dem Pseudonym Jürgen Dehmers das Buch „Wie laut soll ich noch schreien“.

2012 Das Land Hessen beschließt seinen „Aktionsplan zum Schutz von Kindern und Jugendlichen vor sexueller Gewalt in Institutionen“.

2011–2014 An der Schule kommt mühsam ein Prozess voran, in dem Opfer Geldzahlungen von der Schule in Anerkennung ihres Leidens erhalten. Dafür wird die Stiftung „Brücken bauen“

gegründet.

2014 Der Vorstand der Odenwaldschule und der Verein Glasbrechen gründen einen unabhängigen Beirat zur Aufarbeitung. Er bringt mit finanzieller Unterstützung des Landes die beiden wissenschaftlichen Studien auf den Weg, die jetzt vorgestellt wurden.

2015 Die Odenwaldschule schließt und meldet Insolvenz an, nachdem die Zahl der Schüler zuletzt immer weiter zurückgegangen ist.

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