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Bärenherz Stiftung, Wiesbaden, im Bild: bemalter Bär steht vor dem Gebäude der Bärenherz Stiftung.

Stiftungsboom in Südhessen

Hessen: „Als Stifter muss man nicht reich sein“

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Manche wollen ihren Namen verewigen, andere ihr Vermögen sichern. In Südhessen boomen vor allem die Familienstiftungen, sagt Stiftungswächter Bernd Fleckenstein.

Mehr als 1500 Stiftungen haben ihren Sitz in Südhessen. Und es werden immer mehr. Beim Regierungspräsidium in Darmstadt gibt es eine eigene Abteilung, die darüber die Aufsicht führt. Wer sind die Menschen, die ihr Vermögen oder doch Teile davon in eine Stiftung einbringen? Das wollten wir von Bernd Fleckenstein wissen, einem der Stiftungswächter.

Herr Fleckenstein, wie reich muss man sein, um eine Stiftung zu gründen?

Bernd Fleckenstein (55) ist Sachbearbeiter im Stiftungswesen des Regierungspräsidiums Darmstadt.

Entscheidend ist nicht, wie groß das Vermögen ist, das man in eine Stiftung einbringt, sondern was dabei an möglichen Erträgen herauskommt. Eine Stiftung muss ihren Zweck dauerhaft und nachhaltig erfüllen können, so steht es im Bürgerlichen Gesetzbuch. Wenn Sie 50 000 Euro besitzen und legen diese in einem Sparbuch an, dann bekommen Sie dafür zurzeit so wenig Zinsen im Jahr, dass Sie damit keinen Stiftungszweck nachhaltig erfüllen könnten.

Also muss man heutzutage doch reich sein, um Stifter zu werden?

Nein, nicht unbedingt. Natürlich, wenn Sie drei Millionen Euro in die Stiftung einbringen, dann haben Sie auch bei einem Zinssatz von nur einem Prozent jährlich 30 000 Euro, die Sie für den Stiftungszweck verwenden können. Das würde funktionieren. Aber Sie können auch mit viel weniger Geld Stifter werden, indem Sie eine Verbrauchsstiftung gründen.

Was ist das?

Dabei wird das Vermögen plus die Erträge daraus über einen bestimmten Zeitraum ausgeschüttet. Sie könnten so mit 10 000 Euro Ihren Sportverein unterstützen, der dann zwanzig Jahre lang mindestens 500 Euro jährlich erhält und dafür beispielsweise neue Trikots kaufen kann.

Mit welcher Art von Stiftungen haben Sie am meisten zu tun?

Die größte Gruppe sind die gemeinnützigen Stiftungen. Doch die Familienstiftungen boomen regelrecht. Sie machen fast die Hälfte der in den vergangenen beiden Jahren von meiner Behörde anerkannten rechtsfähigen Stiftungen aus.

Gemeinnützig

Frankfurt: Für Mütter im Gefängnis
Die Stiftung für das Mutter-Kind-Heim der JVA Frankfurt III trägt ihren Stiftungszweck schon im Namen. Sie unterstützt straffällig gewordene Frauen, die mit ihren Kindern in der Frankfurter Justizvollzugsanstalt einsitzen. Die Stiftung übernimmt Telefon- und Fahrtkosten, finanziert Näh- und Fortbildungskurse, beteiligt sich an Kinderfesten und hilft bei der Anschaffung von Spielmaterial. Zudem geht es um die Verbesserung der Gesundheits- und Lebensbedingungen von Müttern und Kindern während der Inhaftierung sowie nach der Entlassung. Gegründet wurde sie im September 2017 vom Verein Mutter-Kind-Heim Preungesheim, den es schon seit mehr als 50 Jahren gibt.
www.mkhstiftung.de

Bad Vilbel: Für eine gesunde Landwirtschaft
Die Dottenfelder Bodenstiftung dient dazu, die ökologische und biologisch-dynamische Wirtschaftsweise zu erforschen. Sie wurde im September 2018 gegründet und verfügt über ein Kapital von 200 000 Euro. Außerdem soll sie die Zukunft des Dotenfelder Hofs in Bad Vilbel langfristig sichern helfen. Das Land Hessen hat der Stiftung deshalb mehr als 140 Hektar Land verkauft. Die landwirtschaftlich genutzten Grundstücke waren seit 1979 im Eigentum des Landes und seitdem an die Landbauschule Dottenfelder Hof verpachtet. Die Felder dürfen 60 Jahre lang ausschließlich in biologisch-dynamischer Wirtschaftsweise bestellt werden. Zu den Aufgaben gehört die Ausbildung von Bio-Landwirten.
www.dottenfelderhof.de

Was ist eine Familienstiftung?

Sie dient dazu, eine bestimmte Familie zu unterstützen. Häufig haben sie auch den Hintergrund, das Vermögen zusammenzuhalten. Da möchte jemand beispielsweise, dass die eigene Firma von den Nachkommen nicht aufgeteilt oder verkauft werden kann und bringt sie in eine Stiftung ein. Gleichzeitig sollen die Angehörigen aus den Erträgen des Stiftungsvermögens versorgt werden. Häufig investiert jemand auch sein Geld in eine Immobilie, die dann das Stiftungsvermögen wird und Erträge bringt, die wiederum an die Familie gehen.

Der Begriff Stiftung ist etwas in Verruf geraten, man denkt dabei schnell an Reiche, die ihr Geld in die Schweiz oder nach Luxemburg schaffen, um den Staat um die Steuern zu betrügen.

Das wären dann keine rechtsfähigen Stiftungen nach deutschem Recht. Diese müssen hier anerkannt sein und in Deutschland ihren Verwaltungssitz haben. Häufig ist das, wovon Sie gesprochen haben, auch gar keine Stiftung in unserem Sinn. Der Begriff ist nämlich nicht geschützt. So kann auch ein Verein den Begriff Stiftung im Namen führen. Das sind aber keine von uns anerkannten Stiftungen, über die wir dann auch die Aufsicht führen würden.

Und aus welchen Gründen rufen Menschen eine gemeinnützige Stiftung ins Leben?

Die Motive sind uns in der Regel nicht bekannt. Ich habe aber schon den Satz gehört „ich will der Gesellschaft etwas zurückgeben“ – etwa weil jemand selbst wirtschaftlich sehr erfolgreich war. Manche möchten vielleicht auch nach ihrem Tod dem Verein helfen, dem sie schon lange angehören. Oder die Bildung junger Menschen fördern. Es gibt sehr viele gemeinnützige Zwecke. Und natürlich wollen auch einige, dass ihr Name dabei präsent bleibt. Wenn man keine Erben hat, ist die Idee, das Vermögen in eine Stiftung zu überführen, gar nicht so abwegig. Und manche Stifter schätzen es auch, dass es die Aufsicht durch den Staat gibt, damit alles seine Ordnung hat, wenn er selbst nicht mehr darauf achten kann.

Wie groß ist die größte Stiftung, die sie beaufsichtigen?

Die größte Stiftung, die wir beaufsichtigen, hat ein Vermögen von etwa einer Milliarde Euro. Die größte, die ich selbst anerkannt habe, verfügt über 140 Millionen Euro. Deren Zweck ist die Förderung der Jugend- und Altenhilfe, Kunst- und Kultur, Heimatpflege und einiges mehr. Der Stifter hat das örtlich auf einen recht kleinen Bereich beschränkt, so dass die Stiftung dort auch einiges bewegen kann.

Und was kostet es, eine Stiftung zu gründen?

Bei einer gemeinnützigen Stiftung ist das gebührenfrei. Die anderen, wie etwa die Familienstiftungen, kosten Gebühren je nach Zeitaufwand und je nach der Summe, die in die Stiftung eingehen soll. Maximal liegt der Betrag bei 3630 Euro, zumeist aber deutlich darunter. Ein Großteil dieser Stiftungen wird mit einem Gründungsvermögen von 50 000 bis 100 000 Euro ausgestattet. Hierfür fallen in der Regel 400 bis 600 Euro Gebühren an.

Interview: Peter Hanack

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