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Die Räder bekamen sie geschenkt: Zwei Bewohner des Sonnenhofs auf ihrem Weg in die Stadt.
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Die Räder bekamen sie geschenkt: Zwei Bewohner des Sonnenhofs auf ihrem Weg in die Stadt.

Flüchtlinge

Herzen und Türen stehen Flüchtlingen offen

  • Fabian Scheuermann
    VonFabian Scheuermann
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Die Menschen in Groß-Umstadt machen, was den Umgang mit der steigenden Zahl an Asylbewerbern angeht, einiges richtig.

Sattgrüne Baumkronen wiegen sich im Wind und das Gezwitscher von Vögeln füllt den Parkplatz vor der Pension Sonnenhof. Eine verwaschene Tafel preist „frische Wildgerichte“ an. Inmitten dieser urdeutschen Szenerie spielen Samer, Ilyas und Hashim Fußball. Die drei jungen Männer sind aus Syrien, dem Irak und Äthiopien geflohen und unterhalten sich auf gebrochenem Englisch. Das Einzige, was sie eint, ist die Flucht und der Islam. Und dass sie jetzt auf dem Sonnenhof bei Groß-Umstadt leben.

Die südhessische Kommune mit 21 000 Einwohnern und mehreren am Rande des Odenwalds verstreuten Ortsteilen hat im vergangenen Jahr rund einhundert Flüchtlinge zugeteilt bekommen. Manche kamen in Wohnungen unter, andere in einem Sportzentrum im Gewerbegebiet. Und einige im Sonnenhof. Seit Oktober leben hier, sieben Kilometer von der Stadt und zwei vom nächsten Dorf entfernt, 14 Menschen.

„Der Bürgermeister hat angerufen und gefragt, ob wir Flüchtlinge aufnehmen“, erzählt Gabi Blank, die mit ihrem Mann Hans-Jürgen Weiffenbach die Pension führt. Die Antwort war „ja“ und seither hat das Paar quasi die Funktion von Herbergseltern inne. Immer wieder kommen Bewohner mit Fragen zu ihnen. „Es funktioniert hervorragend“, sagt Blank. Und das, obwohl mittendrin die 86-jährige Elisabeth Weiffenbach wohnt. Doch die stört sich an den neuen Zimmernachbarn nicht. „Ich bin für alle hier die Oma“, sagt sie und lacht.

Unterhalten könne man sich ja „mit Händen und Füßen“. Schnell wurden Fahrräder gesammelt, damit die Bewohner besser in die Stadt kommen, die Kommune schickt zudem mehrmals wöchentlich einen Kleinbus. Und manchmal schauen Bewohner des Nachbardorfs vorbei. Tim Kath etwa unterhält sich gerne mit den Flüchtlingen oder schaut mit den Gleichaltrigen Champions League. „Das gibt ihnen hoffentlich das Gefühl, ein bisschen dazuzugehören“, so Kath. Ähnlich läuft es im Stadtteil Raibach. Hier wohnt eine achtköpfige eritreische Familie in der Hausmeisterwohnung des Schulhauses. Nachbarn bringen ihnen Deutsch bei und die Kinder spielen Fußball im Sportverein – im Gegenzug hilft die Familie beim Beschnitt der Streuobstwiesen. Die Groß-Umstädter machen, was den Umgang mit steigenden Flüchtlingszahlen angeht, dem Anschein nach einiges richtig. So haben sie im Jugendzentrum eine Kleiderkammer eingerichtet. Ein Flüchtlingscafé bringt alle paar Monate Alteingesessene und Neuankömmlinge zusammen. Lehrer bieten Deutsch- oder Musikunterricht an. Und auf der Homepage der Stadt finden sich viele Ansprechpartner: Unter anderem Bürgermeister und Stadtverordnetenvorsteher (beide SPD) samt persönlicher Kontaktdaten.

„Im Herbst sind die Dinge ins Rollen gekommen“, erzählt Christian Lechelt. Der 45-Jährige ist seit zehn Monaten in Groß-Umstadt als evangelischer Pfarrer tätig und hat sich das Thema Flüchtlinge auf die Fahnen geschrieben. So erhielt im September der Eritreer Temesgen Fissehation hier Kirchenasyl. Er lebt seitdem im Gemeindehaus. Jüngst wurde Geld gesammelt, um Fissehation ein Bad ins Gemeindehaus zu bauen.

„Die Akzeptanz in der Bevölkerung ist groß, das Engagement unglaublich“, sagt Lechelt. Ein von Stadt und Kirche ausgerichteter Runder Tisch hat im Oktober den Grundstein dafür gelegt. „Viele Umstädter wussten vorher gar nicht, dass hier Asylbewerber wohnen“, so der Pfarrer. Seit dem Treffen existiert ein Arbeitskreis aus Freiwilligen, die auf rund 80 Unterstützer vor Ort zurückgreifen können. „Umstädter und Flüchtlinge grüßen sich mittlerweile auf der Straße“, so Lechelt.

Um das Engagement zu koordinieren, hat die Stadt eine 450-Euro-Stelle geschaffen. Frank Sudhoff sorgt seit Beginn des Jahres dafür, dass Asylbewerber und Unterstützer zusammenfinden. Die städtische Mitarbeiterin Andrea Fischer ist heilfroh darüber – denn vorher lief alles über ihren Schreibtisch. „Ohne die Ehrenamtlichen würde das System komplett zusammenbrechen“, sagt Sudhoff. Und vieles könnten sie nicht leisten: psychologische Betreuung etwa oder professionelles Dolmetschern. Sudhoff kritisiert den Landkreis Darmstadt-Dieburg: Unter anderem weil dieser zur Betreuung von 170 Flüchtlingen nur einen Sozialarbeiter bereitstellt.

Im Kreistag ist man sich des Problems bewusst. Man sei sich einig, „dass der Schlüssel zu hoch ist“, so eine Sprecherin. Doch könne man die Betreuung nicht verbessern, solange „von Land und Bund“ nicht mehr Geld fließe. Konkret ändern könnte man aber die Aushänge in den Unterkünften. „Die sind in Amtsdeutsch verfasst“, kritisiert Sudhoff – kein Bewohner könne das verstehen. Deshalb stellt Sudhoff nun Info-Ordner zusammen – unter anderem auf Arabisch.

Auch die Unterbringung auf dem Sonnenhof kritisieren manche. Assadzey Golbat etwa hat seit seinem Polizeidienst in Afghanistan ein verletztes Bein – mit dem Fahrrad in die Stadt fahren kann er nicht. Auf dem Sonnenhof fühlt er sich abgeschottet.

„Dschungelheime“ nannte man in den Neunzigern jene Unterkünfte, in denen die Bewohner einen Großteil des Tages von der Außenwelt abgeschnitten waren. „So eine Unterbringung wirft die Flüchtlinge darauf zurück, nichts tun zu können“, kritisiert Bernd Mesovic von Pro Asyl. Deshalb habe man damals die Schließung solcher Heime gefordert. Doch jetzt, bei steigenden Flüchtlingszahlen, sind auch die Wohnheime am Waldrand wieder da.

Die Umstädter machen das Beste draus. Die neueste Idee: das Café Global im Gemeindehaus. „Ein Treff für alle“, sagt die 17-jährige Lorena Heil, die auch regelmäßig aus Interesse das Flüchtlingscafé besucht. Im neuen Café soll es Internet geben, damit die Flüchtlinge Verwandte erreichen können. Samer freut sich darauf. Sowieso fühle er sich in hier wohl, sagt der Syrer und springt zur Seite, um einen Ball zu fangen, der sonst neben dem Sonnenhof ins Feld geflogen wäre. Alle lachen. Doch Samer blickt plötzlich ernst. Seine Frau und sein Sohn stecken noch im Libanon fest. „We often laugh, but we’re not happy“, sagt Samer nachdenklich – wir lachen hier oft, aber glücklich sind wir nicht.

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